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SUMMARY:Zbigniew Rogalski - Der bestirnte Himmel
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DESCRIPTION:Ausstellung Zbigniew Rogalski - Der bestirnte Himmel
26.04. bis  06.06.2026
Kuratorin: Marta Czyż
Museum Jerke, Recklinghausen, Johannes-Janssen-Straße 7, 45657
Recklinghausen
Eröffnung, Samstag, den 25. April um 18 Uhr
Öffnungszeiten: Freitag 14:00–18:00 Uhr und Samstag 11:00–15:00 Uhr
Zbigniew RogalskiÜbungen zu den Konflikten des Sehens
Der Titel von Zbigniew Rogalskis Ausstellung Der bestirnte Himmel geht auf
Immanuel Kants berühmte Formulierung „der bestirnte Himmel über mir und
das moralische Gesetz in mir“ zurück. Der Philosoph bezeichnete damit
die Schnittstelle zwischen den Dimensionen des Kosmischen und des
Ethischen, die Erfahrung des Erhabenen, die ihn zur Reflexion über die
universelle Ordnung führte. In den Himmel zu schauen, bedeutete eine
Überschreitung der eigenen Perspektive, aber auch eine Rückkehr zum
moralischen Fundament. Heute jedoch ist diese Geste keine unschuldige mehr.
Der Himmel ist, ähnlich wie die Landschaft, nicht länger ein Raum der
reinen Kontemplation und die Landschaft nicht länger eine rein
ästhetische Kategorie. Sie ist mit Inhalten gefüllt, mit Geschichte und
Beziehungen. Genauso wenig gibt es den einen, gemeinsamen Blick. Jeder
Blick ist situiert, involviert und interessengeleitet. Mit Arnold Berleant
könnte man sagen, wir bewegen uns in einer „Landschaft des
Teilnehmers“, das heißt einer Landschaft, die nicht aus der Distanz
angeschaut, sondern durch unser Tun, unsere Entscheidungen und Sichtweisen
mitgeschaffen wird. Der Konflikt findet nicht mehr „in der Landschaft“
statt, sondern konstituiert den Akt der Perzeption selbst.
Zbigniew Rogalskis Malerei entwickelt diese Perspektive ausgehend von der
Physiologie des Sehens. Den Künstler interessieren die Mechanismen der
Perzeption, ihre Unvollkommenheit, deren Kompensation und die Momente, in
denen das Auge Wirklichkeit „ergänzt“ oder „reduziert“. Phänomene
wie Nachbilder, Halluzinationen oder optische Verschiebungen sind für ihn
jedoch nicht um ihrer selbst willen interessant, sondern bilden den
Ausgangspunkt für die Reflexion darüber, wie wir das Bild der Welt
konstruieren. Das Sehen wird zu einem Prozess des Verhandelns zwischen dem
Gegebenen und dem Imaginierten. Die Seerosen in Rogalskis Gemälden sind
keine Naturstudien in unterschiedlichen Einstellungen, wie es bei Monet der
Fall war, sondern eine Erkundung des Wesens der Pflanzen, die untereinander
einen intensiven und passiven Kampf um Ressourcen führen. In einem
Gemälde, das den Kantschen „Blick aus dem Fenster“ aufgreift,
rekonstruiert der Künstler die Aussicht aus Kants Zimmer in Königsberg,
die wir lediglich aus einer Beschreibung kennen, in welcher von einem den
Umriss eines Turms verdeckenden Baum die Rede ist. Ein ähnlicher
Mechanismus wirkt in einer Arbeit, die auf die Fotografie Nan Goldins und
die Strategien der Kadrierung verweist. Ein isoliertes Fragment lenkt die
Aufmerksamkeit des Betrachters auf ein wenig offensichtliches Detail: ein
Körperteil, die Spannung einer Geste, potenzielle Gewalt oder die in einer
klassischen Form verborgene Leidenschaft. Was wir sehen, ist nur ein
Ausschnitt, den Rest müssen wir uns hinzudenken. In diesem Sinne stellt
das Gemälde nicht dar, sondern setzt vielmehr einen Deutungsprozess in
Gang, dessen Ungewissheit es gleichzeitig offenlegt. In einem Gemälde mit
dem Motiv eines Apfelbaums pulsiert die monochromatische Oberfläche in
einer Farbe, die nicht auf der Leinwand, sondern im Auge des Betrachters zu
entstehen scheint. Es zeigen sich Effekte der Ermüdung des Blicks. Was wir
sehen, ist nicht stabil, es verändert sich mit der Perzeption. Rogalskis
Gemälde veranschaulichen den fundamentalen Konflikt zwischen einem
potenziellen Objektivismus und der unhintergehbaren Subjektivität der
Erfahrung. In Farbverschiebungen und optischen Fehlern offenbart sich, was
für gewöhnlich unsichtbar oder zumindest schwer bemerkbar bleibt. Ein
wesentlicher Bestandteil der Ausstellung ist auch eine große Stickerei,
die vom Nachspann des Films Elephant inspiriert wurde. In diesem Kontext
gewinnt ein Gedanke Susan Sontags besonderes Gewicht: Kein Blick ist
unschuldig. In einer von Bildern des Leidens durchtränkten Welt bleibt der
Betrachter nicht passiv, sein Blick impliziert immer eine Entscheidung.
Zwischen Empathie und Gleichgültigkeit, zwischen Reflexion und
Bilderkonsum.
Zbigniew Rogalski destabilisiert konsequent den Prozess des Sehens und legt
dessen Verstrickungen bloß. Der bestirnte Himmel versucht den Moment zu
erfassen, in dem das Sehen zum Konflikt wird – zwischen Sichtbarem und
Unsichtbarem, zwischen Erinnerung und Vorstellung, zwischen der
individuellen Erfahrung und den sie prägenden Systemen. In diesem Sinne
verschwindet Kants bestirnter Himmel nicht, doch er garantiert keine
Ordnung mehr. Er wird zum Raum der Ungewissheit, in welchem das, was wir
sehen, mehr über uns aussagt als über die Welt.
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann
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