{"id":3428,"date":"2020-11-10T10:28:43","date_gmt":"2020-11-10T09:28:43","guid":{"rendered":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/?p=3428"},"modified":"2020-11-26T12:21:15","modified_gmt":"2020-11-26T11:21:15","slug":"zum-polnischen-unabhangigkeitstag-am-11-11-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/2020\/11\/10\/zum-polnischen-unabhangigkeitstag-am-11-11-2020\/","title":{"rendered":"Zum polnischen Unabh\u00e4ngigkeitstag am 11.11.2020"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wie unterschiedlich die Echos des Ersten Weltkriegs klingen?&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; <\/strong><strong>Von: Jan Rokita<\/strong><\/p>\n<p>In seinem ber\u00fchmten Buch &#8222;The Sleepwalkers&#8221; untersucht der britische Professor Christopher Clark die Ursache des Ersten Weltkriegs und stellt die Diagnose, dass es sich eher um eine Trag\u00f6die als um ein Verbrechen handelt. Der Gro\u00dfe Krieg wurde von den im Titel erw\u00e4hnten &#8222;Schlafwandlern&#8221; ausgel\u00f6st, die des Ma\u00dfstabes der historischen Katastrophe, die sie verursacht haben, nicht bewusst waren. Diese Katastrophe war nicht nur die Hekatombe der Opfer und das Ausma\u00df der Zerst\u00f6rung, sondern vor allem der Zusammenbruch der europ\u00e4ischen politischen Ordnung, die von vielen bis heute als &#8222;sch\u00f6nes 19. Jahrhundert&#8221; bewundert wird. Vor sechs Jahren, anl\u00e4sslich des hunderten Jahrestages dieses Krieges, wurde Clarks Buch zur &#8222;politischen Bibel&#8221; der Politiker und Intellektuellen, die mit Anerkennung schmatzend ihre Thesen auf unz\u00e4hligen Konferenzen diskutierten und immer mit der gleichen Warnung vor der Wiederholung des &#8222;Schlafwandeln&#8221;-Pr\u00e4zedenzfalls endeten. Aus der Perspektive der westeurop\u00e4ischen &#8222;la belle \u00e9poque&#8221;, die durch diesen Krieg brutal unterbrochen wurde, kann man sagen, dass die Art der Erz\u00e4hlung, die Clark Europa diktierte, nicht nur logisch ist, sondern auch moralisch edelm\u00fctig ist. Jedoch springt einem Polen in dieser Erz\u00e4hlung in die Augen der radikale Unterschied der Erfahrung des 20. Jahrhunderts in Mittel- und Osteuropa. Ein Unterschied, der f\u00fcr den heutigen Franzosen, Italiener oder sogar Deutschen wahrscheinlich schwer zu merken ist, geschweige denn zu akzeptieren.<\/p>\n<p>Eine der ber\u00fchmtesten Stellen in der polnischen Literatur, die seit der Schule jedem Polen in Erinnerung bleiben, ist ein Gebet aus der \u201ePilgerlitanei\u201c des gr\u00f6\u00dften polnischen Dichters Adam Mickiewicz: &#8222;Um den universellen Krieg um die Freiheit der V\u00f6lker bitten wir Dich, o Herr!&#8221; Dieser Passus wird als eine prophetische Ank\u00fcndigung des Ausbruchs&nbsp; des Krieges betrachtet, der den Polen nach \u00fcber einem Jahrhundert Besatzung endlich die Freiheit und die M\u00f6glichkeit bringen wird, in ihrem eigenen Land zu leben. In dieser polnischen Narration ist das Jahr 1914 weder ein &#8222;Verbrechen&#8221; noch eine &#8222;Trag\u00f6die&#8221;, sondern im Gegenteil \u2013 es ist ein historischer Vorbote der Freiheit, die vier Jahre sp\u00e4ter wiedererlangt wurde, als im unerwarteten Ergebnis dieses Krieges alle drei Kaiser, die das Land unterjochten, gest\u00fcrzt sind: der deutsche, der russische und der \u00f6sterreichische.<\/p>\n<p>Es war ein Schl\u00fcsselmoment f\u00fcr das polnische Verst\u00e4ndnis der Welt und des eigenen Standorts darin. Der Kriegssieg Englands und Frankreichs erm\u00f6glichte es den Polen, die Freiheit wiederzugewinnen, und so wurden diese beiden M\u00e4chte als &#8222;freundlich&#8221; und &#8222;verb\u00fcndet&#8221; im von Generation zu Generation weitergegebenen Kodex des polnischen politischen Selbstbewusstseins eingeschrieben. Das reicht aber nicht. Wie jedes Kind in Polen wei\u00df, war dieser Sieg nur m\u00f6glich, weil die Amerikaner zum ersten Mal in der Geschichte nach Europa kamen. Wenn sie es kurz darauf verlie\u00dfen, angeekelt von der Qualit\u00e4t der europ\u00e4ischen Politik, musste sich die Trag\u00f6die wiederholen. Der Zweite Weltkrieg wurde der offensichtlichste Beweis daf\u00fcr. Und so wurde diese \u00dcberzeugung an die fast &#8222;magische&#8221; Kraft der Pr\u00e4senz der Amerikaner in Europa auch in die politische DNA kodiert, die die Identit\u00e4t der Polen pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Der 1918 wiedergeborene polnische Staat konnte sich selbst nicht anders als einen Teil einer breiteren mitteleurop\u00e4ischen Union vorstellen. Es war ein offensichtliches Echo der alten Zeiten, als die litauische Jagiellonen-Dynastie eine riesige Bundesmacht mit zwei Hauptst\u00e4dten in Krakau und Wilna regierte. Zwar sah die polnische nationale Bewegung die neue polnische Staatlichkeit in anderen, eher ethnischen Kategorien, aber die Macht\u00fcbernahme durch J\u00f3zef Pi\u0142sudski (am Tag des historischen Waffenstillstands von Compi\u00e8gne am 11. November 1918) bedeutete, dass nicht &#8222;Nationalisten&#8221;, sondern &#8222;Prometheisten&#8221; die Mission des polnischen Staates nach dem Krieg bestimmt haben. Das milit\u00e4rische B\u00fcndnis mit den Ukrainern und Wei\u00dfrussen, die sich ebenfalls von der russischen Herrschaft befreiten, dessen Ziel war, die Union in Mittel- und Osteuropa wiederherzustellen, brach unter dem Druck der Bolschewiki zusammen. Es gab gerade noch genug Kraft, um die gef\u00e4hrdete polnische Staatlichkeit gegen die Bolschewiki zu verteidigen, die im Sommer 1920 direkt vor Warschau standen. Es gab aber keine Kraft mehr, um die Idee der Union im Mittel- und Osteuropa zu erneuern. Obwohl die Union damals nicht entstanden ist und dieser Teil Europas bald ein Schlachtfeld f\u00fcr Nationalismen werden sollte, wurde diese Zeit gleich nach dem Ersten Weltkrieg wie ein Echo, das im letzten Jahrhundert bis heute in der polnischen Politik st\u00e4ndig widerhallt.<\/p>\n<p>Es ist vor allem ein Echo der Tr\u00e4ume von politischer Integration, die (was mit der Zeit offensichtlich wurde) nicht mehr partikul\u00e4r im Mittel- und Osteuropa erstellt werden kann, sondern nur im Rahmen eines gro\u00dfen Integrationsprojekts f\u00fcr ganz Europa sich in diesem Gebiet verbreiten kann. Man muss es wissen, um die Begeisterung der Polen f\u00fcr ihren eigenen Beitritt zur Europ\u00e4ischen Union im 21. Jahrhundert zu verstehen, aber auch f\u00fcr ihre Erweiterung um die Ukraine, Wei\u00dfrussland, Moldawien und Georgien. Der eigent\u00fcmliche &#8222;Transfer&#8221; der Union in den Osten hat die politische Mission des heutigen polnischen Staates aufgebaut, und ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein, ist es unm\u00f6glich, die polnische Politik der letzten 25 Jahre zu verstehen.<\/p>\n<p>Ein entferntes Echo dieser Zeit ist leider auch die starke Erinnerung in Polen daran, dass 1920 alle polnischen Pl\u00e4ne scheitern konnten und mit ihnen sogar die Existenz des polnischen Staates bedroht war. Die &#8222;verb\u00fcndeten&#8221; und &#8222;freundlichen&#8221; europ\u00e4ischen M\u00e4chte, insbesondere England unter der Herrschaft von Lloyd George, standen paradoxerweise auf der Seite der Bolschewiki. Auf der Konferenz von Spa zwangen sie die polnische Regierung, die H\u00e4lfte ihres Territoriums an Sowjetru\u00dfland abzugeben, d.h. alles, was sich im 18. Jahrhundert die russischen Zaren gewaltsam angeeignet haben.<\/p>\n<p>Nie wieder war es in Polen m\u00f6glich, dieses unterbewusste Misstrauen gegen\u00fcber europ\u00e4ischen &#8222;Freunden&#8221; zu beseitigen, dass im September 1939 noch verst\u00e4rkt wurde und bis heute dauert. Das wiederkehrende Echo dieser Ereignisse f\u00fchrt jedoch auch zu einer besonderen polnischen Sensibilit\u00e4t f\u00fcr das Leiden und die Ablehnung von Ukrainern und Wei\u00dfrussen durch Europa, d.h. der einzigen Nationen, die vor einem Jahrhundert zusammen mit Polen gegen die sowjetische Gefahr antraten. Jeder, der heute verstehen m\u00f6chte, warum \u00fcber eine Million ukrainischer Einwanderer, die hier mit offenen Armen aufgenommen wurden, in Polen leben und arbeiten, muss es bewusst sein. Auf dem Gipfeltreffen der Europ\u00e4ischen Union strebt der polnische Premierminister (mit Erfolg) an, einen Plan zur umfassenden wirtschaftlichen Unterst\u00fctzung Wei\u00dfrusslands umzusetzen, wenn es seinen B\u00fcrgern gelingt, die dort vorherrschende Tyrannei zu beseitigen.<\/p>\n<p>In seinem ber\u00fchmten Buch hat Professor Clark bewiesen, dass die Echos dieses Gro\u00dfen Krieges in der zeitgen\u00f6ssischen Politik deutlich zu h\u00f6ren sind. Es ist wahr. Dennoch klingen die polnischen Echos etwas anders als die, die der gro\u00dfe britische Historiker geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p><em>Text ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-3 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jan_Rokita2-1.jpg\" alt=\"\" data-id=\"3435\" data-full-url=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jan_Rokita2-1.jpg\" data-link=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/?attachment_id=3435\" class=\"wp-image-3435\" srcset=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jan_Rokita2-1.jpg 1024w, https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jan_Rokita2-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jan_Rokita2-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"769\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jaroslaw.Szarek-1-769x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"3432\" data-link=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/?attachment_id=3432\" class=\"wp-image-3432\" srcset=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jaroslaw.Szarek-1-769x1024.jpg 769w, https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jaroslaw.Szarek-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jaroslaw.Szarek-1-768x1023.jpg 768w, https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Jaroslaw.Szarek-1.jpg 810w\" sizes=\"auto, (max-width: 769px) 100vw, 769px\" \/><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"501\" src=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Wojciech_Roszkowski_2009-02-06-1.jpg\" alt=\"\" data-id=\"3434\" data-full-url=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Wojciech_Roszkowski_2009-02-06-1.jpg\" data-link=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/?attachment_id=3434\" class=\"wp-image-3434\" srcset=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Wojciech_Roszkowski_2009-02-06-1.jpg 700w, https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/Wojciech_Roszkowski_2009-02-06-1-300x215.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure><\/li><\/ul><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Jaros\u0142aw SZAREK: Der unersch\u00f6pfliche polnische Geist<\/strong><\/p>\n<p>Seit 1795 ohne eigenen Staat haben wir, Polen, im 19. Jahrhundert nicht nur unsere nationale Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft erbaut, aber auch solchen Geisteszustand geschaffen, der mehrere in der Knechtschaft geborene Generationen angespornt hat, immer noch an das unabh\u00e4ngige Polen zu denken.<\/p>\n<p>Im November 1918 hat viele Hauptst\u00e4dte der Welt \u2013 von Washington bis Tokio \u2013 die telegraphische Nachricht aus Warschau erreicht, welche die Wiedergeburt der Republik Polen verk\u00fcndete. Es wurde darin informiert, dass die polnische Regierung \u201edie Gewaltherrschaft ersetzt hat, die hundert vierzig Jahre lang \u00fcber dem Schicksal Polens lastete\u201c.<\/p>\n<p>Symbolisch wurde die Tatsache, dass diese Nachricht \u00fcber die Auferstehung des unabh\u00e4ngigen Staates aus dem Ort gesendet wurde, welcher der Inbegriff der Fremdherrschaft war \u2013 der Warschauer Zitadelle, die von den Russen nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1830 gebaut wurde. Dort wurden diese Polen verhaftet und hingerichtet, die die Knechtschaft der Nation nicht akzeptieren konnten. Unter diesen H\u00e4ftlingen war auch der Oberste Befehlshaber J\u00f3zef Pi\u0142sudski, der die obengenannte Nachricht unterzeichnet hat.<\/p>\n<p>\u201eDie Wiederherstellung der Unabh\u00e4ngigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t Polens\u201c wurde m\u00f6glich, weil die Polen zu diesem Wendepunkt schon bereit waren, die Strukturen eines unabh\u00e4ngigen Staates aufzubauen und \u00fcber genug Kraft verf\u00fcgten, um diesen Staat in den folgenden Jahren erfolgreich zu verteidigen. Seit f\u00fcnf Generationen \u2013 ab 1795 \u2013 strebten sie dieses Ziel an, immer in der Anstrengung ausharrend, um den Traum von der unabh\u00e4ngigen Heimat zu verwirklichen.<\/p>\n<p>\u00dcber ein Jahrhundert lang gab es Leute, die zu dieser Anstrengung bereit waren. Oft trugen diese Fahne nur wenige, die nicht nur mit den fremden Eroberern Kr\u00e4fte messen mussten, aber auch mit den Landsleuten, die den Glauben an den Sieg verloren, gleichg\u00fcltig wurden oder sogar die Nation verrieten. Wie oft w\u00e4hrend der Knechtschaft musste man den bitteren Geschmack der Niederlage \u00fcberwinden, als alles zeigte, dass die Worte \u201efinis Poloniae\u201c in Erf\u00fcllung gingen?<\/p>\n<p>Bereits 1797 wurde unter den Soldaten-Auswanderern in Italien, die als erste in den an der Seite Napoleons und Frankreichs gebildeten polnischen Legionen k\u00e4mpften, ein Lied entstanden, das Hoffnung brachte. Seine Worte \u201eNoch ist Polen nicht verloren, solange wir leben&#8230;\u201c \u2013 sind heute unsere Nationalhymne, und die nachfolgenden Worte \u201eWas uns die fremde \u00dcbermacht genommen hat, holen wir uns mit dem S\u00e4bel zur\u00fcck&#8230;\u201c bestimmten das Programm des bewaffneten Kampfes in nationalen Aufst\u00e4nden.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften \u2013 im November 1830 und im Januar 1863 \u2013 richteten sich gegen Russland endeten mit den blutigen Repressionen, der Deportation von Tausenden der Aufst\u00e4ndischen nach Sibirien, der Beschlagnahme von Eigentum, dem Verlust vieler Institutionen und Rechte und der Einf\u00fchrung einer brutalen Russifizierung.<\/p>\n<p>Ununterbrochen \u00fcberdauerte aber der polnische Geist in den Familien, in den H\u00e4usern, wo M\u00fctter den Kindern das Vaterunser beibrachten und von alten, ruhmreichen Zeiten und stolzen Helden erz\u00e4hlten. Sie beteten zur &#8222;Heiligen Jungfrau, die den Tschenstochauer Kloster am Hellen Berg verteidigt und im Tor der Morgenr\u00f6te in Wilna leuchtet&#8221; und pilgerten zu diesen heiligen St\u00e4tten. Die Kirche unterst\u00fctzte diesen Geist, und nie mangelte es an Priestern, die das Schicksal der Nation teilten, Schulen errichteten, den aufst\u00e4ndischen Einheiten beitraten, um mit ihnen in Sibirien oder am Galgen zu enden.<\/p>\n<p>Milit\u00e4rische Niederlagen und Repressionen leiteten die Polen zu anderen Aktivit\u00e4ten. Sie suchten nach M\u00f6glichkeiten und hatten Erfolge in der Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung. Ihre Spuren finden wir heute an den Karten und in den wissenschaftlichen Publikationen. Nach diesen, die nach dem Januaraufstand 1863 nach Sibirien deportiert wurden, wurden Czerski-, Dybowski- und Ciechanowski-Gebirge genannt. Andererseits sto\u00dfen wir im fernen Chile fast \u00fcberall auf die Erinnerung an Ignacy Domeyko \u2013 einen Auswanderer, der nach der Niederlage des Novemberaufstandes gezwungen war, seine Heimat zu verlassen.<\/p>\n<p>Zu gleicher Zeit wurden in der Heimat Wirtschaftsverb\u00e4nde, Banken, landwirtschaftliche Unternehmen, Bibliotheken und wissenschaftliche Vereinigungen von oftmals ehemaligen Aufst\u00e4ndischen gegr\u00fcndet. Es stellte sich heraus, dass sie trotz Repressionen den polnischen Landbesitz und das Netzwerk eigener Institutionen wirksam bewahrten. Es gab viele, die \u2013 auch im Dienst der Besatzungsm\u00e4chte \u2013 f\u00fcr ihre Heimat arbeiteten.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Generationen ohne einen eigenen Staat f\u00fchlten sich nicht nur immer noch als Polen, sondern waren auch bereit, vieles f\u00fcr ihre Heimat zu opfern. Das Ged\u00e4chtnis und die Kultur dauerten an, in ihnen dr\u00fcckte sich die der Unabh\u00e4ngigkeit beraubte Nation aus. Die herausragendsten Werke, die w\u00e4hrend der Besatzung entstanden sind, bilden immer noch den nationalen Kanon. Dazu geh\u00f6ren die Werke der gro\u00dfen romantischen Dichter, die im Ausland arbeiteten: Adam Mickiewicz, Juliusz S\u0142owacki und Zygmunt Krasi\u0144ski. \u00dcber die Grenzen geschmuggelt, durch Zensur verboten, weckten sie die weiteren Generationen der Polen auf, genauso wie die erzpolnischen Werke des Komponisten und Pianisten Fryderyk Chopin, die aus der Sehnsucht nach Polen hervorgingen. Seine Musik ber\u00fchrt immer noch Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p>Polen existierte nicht auf der Karte Europas, als Maria Curie-Sk\u0142odowska als erste Polin und erste Frau, die den Nobelpreis erhielt, das von ihr entdeckte Element als \u201ePolonium\u201c bezeichnete und die \u201epolnische\u201c Pr\u00e4senz dauerhaft in das Periodensystem einschrieb. Zwei Jahre sp\u00e4ter \u2013 1905 \u2013 wurde dem Autor von \u201eQuo vadis?\u201c Henryk Sienkiewicz der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen. Damals war er der meistgelesene Schriftsteller von Russland bis nach USA. W\u00e4hrend der Nobelpreisgala sprach er \u00fcber seine Heimat: \u201eSie wurde f\u00fcr tot erkl\u00e4rt, und dies ist einer der tausenden Beweise daf\u00fcr, dass sie lebt. Sie wurde f\u00fcr erobert erkl\u00e4rt, und hier ist ein neuer Beweis daf\u00fcr, dass sie wei\u00df, wie man gewinnt\u201c. Im Geiste seiner \u201eTrilogie\u201c \u2013 eines Romans, der die Kriege der Republik Polen mit den T\u00fcrken, Schweden und Kosaken im 17. Jahrhundert beschreibt \u2013 wurde eine ganze polnische Armee erzogen, gegen welche die Besatzungsm\u00e4chte mehrmals k\u00e4mpfen mussten. Viele junge Leute, die im Ersten Weltkrieg den Legionen von Pi\u0142sudski oder der von den polnischen Auswanderern in den USA gebildeten Armee beitraten, hatten B\u00fccher von Sienkiewicz in ihren Rucks\u00e4cken. Sie waren bereit, f\u00fcr Polen zu k\u00e4mpfen und zu sterben, obwohl sogar ihre Gro\u00dfeltern es nie frei gesehen haben.<\/p>\n<p>Polen war auch in den Gem\u00e4lden der historischen Maler lebendig. Einer der originellsten, Jacek Malczewski, rief aus: \u201eMalt so, dass Polen wieder auferstehen kann\u201c. Ein Jahr nach dem Tod des beliebtesten von ihnen \u2013Jan Matejko \u2013 wurde in Lemberg eine Ausstellung seiner Werke organisiert. Es war gerade der hundertste Jahrestag der Schlacht von Rac\u0142awice im Jahr 1794. Dort siegte \u00fcber die Russen die polnische Armee, unterst\u00fctzt von Bauerntruppen, gef\u00fchrt von Tadeusz Ko\u015bciuszko, dem Helden des amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieges.<\/p>\n<p>In einer speziell erbauten Rotunde wurde ein monumentales Gem\u00e4lde von Jan Styka und Wojciech Kossak gezeigt, das \u00fcber hundert Meter lang ist und den siegreichen Kampf gegen die Russen darstellt. Unz\u00e4hlige Polen legten Hunderte Kilometer zur\u00fcck, um es anzuschauen. Sie fl\u00fcsterten in Bewunderung: \u201eEs ist kein Bild, es ist eine Tat.\u201c Wir k\u00f6nnen nicht berechnen, wie viele von diesen Tausenden junger Menschen, oft aus fernen D\u00f6rfern, zu Polen wurden. Sie erschufen eine moderne Nation, eine Nation noch ohne eigenen Staat, aber wie reich an Kultur und Br\u00e4uchen. Dank ihnen nicht nur dauerte das Polentum an, aber zu Polen wurden auch die Enkelkinder dieser, die aus Nachbarl\u00e4ndern kamen, um Polen zu germanisieren und zu russifizieren. Polen verf\u00fchrte sie mit ihrem \u201eunersch\u00f6pflichen Geist\u201c. Aus ihm ist die Tat des 11. November 1918 entstanden, die uns das unabh\u00e4ngige Polen gebracht hat.<\/p>\n<p><em>Text ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zur Demokratie unter den V\u00f6lkern Europas. <\/strong><strong>Casus &#8211; Polen<\/strong><\/p>\n<p><strong>AUTOR: Prof Wojciech ROSZKOWSKI<\/strong><\/p>\n<p>Werfen wir einen Blick auf die Europakarte nach dem Wiener Kongress 1815 und diese nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Wir sehen deutliche Ver\u00e4nderungen: in Mittel- und Osteuropa sind viele neue Staaten entstanden. In der polnischen Tradition ist der Unterschied zwischen dem &#8222;Entstehen&#8221; des unabh\u00e4ngigen Polens im Jahr 1918 und seiner &#8222;Wiedergeburt&#8221; sehr deutlich. Jemand, der den ersten Begriff verwendet, ignoriert die Bedeutung des Endes des Ersten Weltkriegs f\u00fcr Polen und sogar \u00fcbersieht tausend Jahre fr\u00fcherer Geschichte Polens.<\/p>\n<p>Diese Geschichte hatte viele dramatische Wendungen, und das 20. Jahrhundert war von besonderer \u00dcberh\u00e4ufung dieser Dramen gepr\u00e4gt. Ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts geborener Pole hatte die Gelegenheit, sich an die Herrschaft der Besatzungsm\u00e4chte \u2013 \u00d6sterreich-Ungarn, Deutschland und Russland \u2013 zu gew\u00f6hnen, welche \u00fcber 120 Jahre lang \u00fcber polnische L\u00e4nder herrschten. Er erlebte auch dann im November 1918 die Euphorie der Wiederbelebung des Staates, die Niederlage dieses Staates infolge der deutschen und sowjetischen Invasion im September 1939, den Wiederaufbau des Staates nach 1945 in Form eines totalit\u00e4ren Vasallen der Sowjetunion und schlie\u00dflich den Zusammenbruch der kommunistischen Regierung und die Geburt eines neuen Polens, das demokratisch ist, obwohl es die Last des 20. Jahrhunderts tr\u00e4gt, mit der Last der Massenmorde, der Deportationen, der \u00dcbersiedlungen und der Enteignungen. Nach 1989 wird Polen wiedergeboren, aber die Polen entdecken ihre Identit\u00e4t nur mit M\u00fche.<\/p>\n<p>Zu Beginn des 21. Jahrhunderts tr\u00e4gt das Polentum das Brandmal all dieser Dramen, und \u00fcberrascht mit Eigenschaften, die Konsequenz sowohl dieser Dramen sind, als auch der Reaktionen auf diese. Das Schicksal Polens hing weitgehend von seinen m\u00e4chtigen Nachbarn ab, die es nicht akzeptieren wollten. Aus diesem Grund standen Polen in ihrer Geschichte sehr oft vor einem Dilemma &#8222;k\u00e4mpfen oder nicht k\u00e4mpfen?&#8221;, aber auch &#8222;sich anpassen oder nicht?&#8221; oder worin und wie man sich anpassen soll, um nicht unterzugehen. Die polnische Hymne beginnt mit den Worten: &#8222;Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben&#8221;. Das Dilemma bestand jedoch sehr oft darin, wie wir werden m\u00f6chten, um zu \u00fcberleben, und wie viel soll es kosten, um auf die eigene Art leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Geschichte Polens ist ein Wissensschatz \u00fcber das soziale und politische Leben. Aus der Geschichte der Adelsdemokratie der Ersten Polnischen Republik, d.h. des Staates vor den Teilungen des 18. Jahrhunderts, k\u00f6nnen die heutigen Demokratien lernen, wie schreckliche Kosten f\u00fcr ein Land entstehen k\u00f6nnen, in dem Freiheit nicht mit Verantwortung verbunden ist. Trotz der gro\u00dfen Anstrengungen der Reformer, die am 3. Mai 1791 die erste Verfassung in Europa verabschiedeten, teilten die Nachbarm\u00e4chte unter sich die Erste Republik.<\/p>\n<p>Aus der Geschichte der polnischen nationalen Aufst\u00e4nde des 19. Jahrhunderts lernt man Heldentum, Patriotismus, aber nicht Effektivit\u00e4t, Geopolitik und materielle Einschr\u00e4nkungen der eigenen Tr\u00e4ume \u2013 aber doch die \u00dcberlebenskunst. Von der Wiedergeburt Polens nach 1918 kann man die au\u00dfergew\u00f6hnliche Kunst der Improvisation lernen, und auch die Effektivit\u00e4t beim Aufbau der Grundlagen der Staatlichkeit fast von Grund auf. Zu den polnischen Erfolgen dieser Zeit geh\u00f6rten beispielsweise die W\u00e4hrungsreform von W\u0142adys\u0142aw Grabski, der Bau des zentralen Industriegebiets oder des Hafens in Gdynia. Aus der Niederlage von 1939 und der deutschen und sowjetischen Besatzung kann man die Kunst des Widerstands gegen die schrecklichsten Praktiken des Genozids lernen. Polen unter kommunistischer Herrschaft und in Friedenszeiten war eine h\u00f6llische Erfahrung der Anpassung an das System trotz nat\u00fcrlicher Neigungen, aus der die Polen geistig schwer verletzt hervorgingen. Dank der zehn Millionen Mitglieder z\u00e4hlenden Solidarno\u015b\u0107-Bewegung und der Unterst\u00fctzung des polnischen Papstes Johannes Paul II waren sie am Ende siegreich, womit sie die Fundamente der Teilung Europas zerbrachen.<\/p>\n<p>Der Wiederaufbau des Staates nach 1989 war voll ungen\u00fctzter M\u00f6glichkeiten, gepr\u00e4gt von der Abh\u00e4ngigkeit vom ausl\u00e4ndischen Kapital und der postkommunistischen Eliten mit Vasallenmentalit\u00e4t, aber es ist gelungen, recht sicher in die Europ\u00e4ische Union einzutreten und die Sicherheit durch den Betritt zu NATO zu st\u00e4rken, wor\u00fcber fast alle Polen gleicher Meinung waren. Polen bleibt ein Land, das viele Gegner hat. Und doch haben im Fr\u00fchjahr 2020 die polnischen Beh\u00f6rden und ihre n\u00e4chsten s\u00fcdlichen Nachbarn die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie in dem Ausma\u00df verhindert, von dem hochentwickelte westliche L\u00e4nder betroffen waren. In Polen, das von falschen Meinungen in den Gremien der Europ\u00e4ischen Union geplagt wird, wird die Mitgliedschaft allgemein nicht in Frage gestellt. Die Tatsache, dass das Gleichgewicht des Wirtschaftsumsatzes mit den EU-L\u00e4ndern f\u00fcr Polen ung\u00fcnstig ist, da der Export von Gewinnen st\u00e4ndig h\u00f6her ist als die EU-Subventionen, macht keinen gro\u00dfen Eindruck. Dar\u00fcber hinaus provoziert sinnloser EU-Druck eher Widerstand als Einsch\u00fcchterung der Polen und st\u00e4rkt den gesunden Menschenverstand in Bezug auf die politische Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Trotz des Drucks und der Moden, die aus dem &#8222;progressiven&#8221; Westen kommen, der selber eigene Probleme oft nicht merkt, binden traditionelle Werte immer noch die polnische Gesellschaft. Die Bindung an das Familienleben kann sich aus der Bedeutung famili\u00e4rer Bindungen im ehemaligen Adelspolens und aus der Erinnerung an die Bedrohung der polnischen Familie unter den Teilungen sowie w\u00e4hrend des letzten Krieges und der Besetzung ergeben. Der Respekt f\u00fcr Frauen, der sich im alten Brauch ausdr\u00fcckt, ihre Hand zu k\u00fcssen, kommt aus der ziemlich unabh\u00e4ngigen Rolle der Frauen in der Ersten Republik und ihrer Bedeutung w\u00e4hrend der Teilungen und sogar unter der kommunistischen Herrschaft, als diese &#8222;polnische M\u00fctter&#8221; tapfer in den Warteschlangen k\u00e4mpften, um das Haus zu versorgen. Die Liebe zur Freiheit ist in Polen besonders stark, wenn man ber\u00fccksichtigt, wie lange den Polen diese Freiheit in den letzten zwei Jahrhunderten fehlte. Au\u00dferdem k\u00f6nnen die Polen stolz darauf sein, dass ihre ehemalige polnisch-litauische Republik eine Oase der Adelsdemokratie war. So war es in der Zeit, als nur sehr begrenzte Kreise der Aristokratie Einfluss auf die Regierungen westlicher L\u00e4nder hatten.<\/p>\n<p>Im Allgemeinen reagieren die Polen sehr lebhaft auf die Erh\u00f6hung oder Dem\u00fctigung der polnischen Wesensart. Wenn sie kritische Bemerkungen h\u00f6ren, verteidigen sie sich heftig, aber wenn jemand eine \u00fcbertriebene Apotheose des Polentums verk\u00fcndet, beschweren sie sich \u00fcber ihr Land. Dies beweist, dass sie ihre polnische Wesensart ernst nehmen, aber infolgedessen oft extreme Beurteilungen abgeben. Die Geschichte hat sie gelehrt, sich der L\u00fcge zu widersetzen, die sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft zusammenh\u00e4ngt betrifft.<\/p>\n<p><em>Text ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie unterschiedlich die Echos des Ersten Weltkriegs klingen?&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Von: Jan Rokita In seinem ber\u00fchmten Buch &#8222;The Sleepwalkers&#8221; untersucht der britische Professor Christopher Clark die Ursache des Ersten Weltkriegs und stellt die Diagnose, dass es sich eher um eine Trag\u00f6die als um ein Verbrechen handelt. 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Von: Jan Rokita\\nIn seinem ber\u00fchmten Buch \\\"The Sleepwalkers\\\" untersucht der britische Professor Christopher Clark die Ursache des Ersten Weltkriegs und stellt die Diagnose, dass es sich eher um eine Trag\u00f6die als um ein Verbrechen handelt. Der Gro\u00dfe Krieg wurde von den im Titel erw\u00e4hnten \\\"Schlafwandlern\\\" ausgel\u00f6st, die des Ma\u00dfstabes der historischen Katastrophe, die sie verursacht haben, nicht bewusst waren. Diese Katastrophe war nicht nur die Hekatombe der Opfer und das Ausma\u00df der Zerst\u00f6rung, sondern vor allem der Zusammenbruch der europ\u00e4ischen politischen Ordnung, die von vielen bis heute als \\\"sch\u00f6nes 19. Jahrhundert\\\" bewundert wird. Vor sechs Jahren, anl\u00e4sslich des hunderten Jahrestages dieses Krieges, wurde Clarks Buch zur \\\"politischen Bibel\\\" der Politiker und Intellektuellen, die mit Anerkennung schmatzend ihre Thesen auf unz\u00e4hligen Konferenzen diskutierten und immer mit der gleichen Warnung vor der Wiederholung des \\\"Schlafwandeln\\\"-Pr\u00e4zedenzfalls endeten. Aus der Perspektive der westeurop\u00e4ischen \\\"la belle \u00e9poque\\\", die durch diesen Krieg brutal unterbrochen wurde, kann man sagen, dass die Art der Erz\u00e4hlung, die Clark Europa diktierte, nicht nur logisch ist, sondern auch moralisch edelm\u00fctig ist. Jedoch springt einem Polen in dieser Erz\u00e4hlung in die Augen der radikale Unterschied der Erfahrung des 20. Jahrhunderts in Mittel- und Osteuropa. Ein Unterschied, der f\u00fcr den heutigen Franzosen, Italiener oder sogar Deutschen wahrscheinlich schwer zu merken ist, geschweige denn zu akzeptieren.\\nEine der ber\u00fchmtesten Stellen in der polnischen Literatur, die seit der Schule jedem Polen in Erinnerung bleiben, ist ein Gebet aus der \u201ePilgerlitanei\u201c des gr\u00f6\u00dften polnischen Dichters Adam Mickiewicz: \\\"Um den universellen Krieg um die Freiheit der V\u00f6lker bitten wir Dich, o Herr!\\\" Dieser Passus wird als eine prophetische Ank\u00fcndigung des Ausbruchs  des Krieges betrachtet, der den Polen nach \u00fcber einem Jahrhundert Besatzung endlich die Freiheit und die M\u00f6glichkeit bringen wird, in ihrem eigenen Land zu leben. In dieser polnischen Narration ist das Jahr 1914 weder ein \\\"Verbrechen\\\" noch eine \\\"Trag\u00f6die\\\", sondern im Gegenteil \u2013 es ist ein historischer Vorbote der Freiheit, die vier Jahre sp\u00e4ter wiedererlangt wurde, als im unerwarteten Ergebnis dieses Krieges alle drei Kaiser, die das Land unterjochten, gest\u00fcrzt sind: der deutsche, der russische und der \u00f6sterreichische.\\nEs war ein Schl\u00fcsselmoment f\u00fcr das polnische Verst\u00e4ndnis der Welt und des eigenen Standorts darin. Der Kriegssieg Englands und Frankreichs erm\u00f6glichte es den Polen, die Freiheit wiederzugewinnen, und so wurden diese beiden M\u00e4chte als \\\"freundlich\\\" und \\\"verb\u00fcndet\\\" im von Generation zu Generation weitergegebenen Kodex des polnischen politischen Selbstbewusstseins eingeschrieben. Das reicht aber nicht. Wie jedes Kind in Polen wei\u00df, war dieser Sieg nur m\u00f6glich, weil die Amerikaner zum ersten Mal in der Geschichte nach Europa kamen. Wenn sie es kurz darauf verlie\u00dfen, angeekelt von der Qualit\u00e4t der europ\u00e4ischen Politik, musste sich die Trag\u00f6die wiederholen. Der Zweite Weltkrieg wurde der offensichtlichste Beweis daf\u00fcr. Und so wurde diese \u00dcberzeugung an die fast \\\"magische\\\" Kraft der Pr\u00e4senz der Amerikaner in Europa auch in die politische DNA kodiert, die die Identit\u00e4t der Polen pr\u00e4gt.\\nDer 1918 wiedergeborene polnische Staat konnte sich selbst nicht anders als einen Teil einer breiteren mitteleurop\u00e4ischen Union vorstellen. Es war ein offensichtliches Echo der alten Zeiten, als die litauische Jagiellonen-Dynastie eine riesige Bundesmacht mit zwei Hauptst\u00e4dten in Krakau und Wilna regierte. Zwar sah die polnische nationale Bewegung die neue polnische Staatlichkeit in anderen, eher ethnischen Kategorien, aber die Macht\u00fcbernahme durch J\u00f3zef Pi\u0142sudski (am Tag des historischen Waffenstillstands von Compi\u00e8gne am 11. November 1918) bedeutete, dass nicht \\\"Nationalisten\\\", sondern \\\"Prometheisten\\\" die Mission des polnischen Staates nach dem Krieg bestimmt haben. Das milit\u00e4rische B\u00fcndnis mit den Ukrainern und Wei\u00dfrussen, die sich ebenfalls von der russischen Herrschaft befreiten, dessen Ziel war, die Union in Mittel- und Osteuropa wiederherzustellen, brach unter dem Druck der Bolschewiki zusammen. Es gab gerade noch genug Kraft, um die gef\u00e4hrdete polnische Staatlichkeit gegen die Bolschewiki zu verteidigen, die im Sommer 1920 direkt vor Warschau standen. Es gab aber keine Kraft mehr, um die Idee der Union im Mittel- und Osteuropa zu erneuern. Obwohl die Union damals nicht entstanden ist und dieser Teil Europas bald ein Schlachtfeld f\u00fcr Nationalismen werden sollte, wurde diese Zeit gleich nach dem Ersten Weltkrieg wie ein Echo, das im letzten Jahrhundert bis heute in der polnischen Politik st\u00e4ndig widerhallt.\\nEs ist vor allem ein Echo der Tr\u00e4ume von politischer Integration, die (was mit der Zeit offensichtlich wurde) nicht mehr partikul\u00e4r im Mittel- und Osteuropa erstellt werden kann, sondern nur im Rahmen eines gro\u00dfen Integrationsprojekts f\u00fcr ganz Europa sich in diesem Gebiet verbreiten kann. Man muss es wissen, um die Begeisterung der Polen f\u00fcr ihren eigenen Beitritt zur Europ\u00e4ischen Union im 21. Jahrhundert zu verstehen, aber auch f\u00fcr ihre Erweiterung um die Ukraine, Wei\u00dfrussland, Moldawien und Georgien. Der eigent\u00fcmliche \\\"Transfer\\\" der Union in den Osten hat die politische Mission des heutigen polnischen Staates aufgebaut, und ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein, ist es unm\u00f6glich, die polnische Politik der letzten 25 Jahre zu verstehen.\\nEin entferntes Echo dieser Zeit ist leider auch die starke Erinnerung in Polen daran, dass 1920 alle polnischen Pl\u00e4ne scheitern konnten und mit ihnen sogar die Existenz des polnischen Staates bedroht war. Die \\\"verb\u00fcndeten\\\" und \\\"freundlichen\\\" europ\u00e4ischen M\u00e4chte, insbesondere England unter der Herrschaft von Lloyd George, standen paradoxerweise auf der Seite der Bolschewiki. Auf der Konferenz von Spa zwangen sie die polnische Regierung, die H\u00e4lfte ihres Territoriums an Sowjetru\u00dfland abzugeben, d.h. alles, was sich im 18. Jahrhundert die russischen Zaren gewaltsam angeeignet haben.\\nNie wieder war es in Polen m\u00f6glich, dieses unterbewusste Misstrauen gegen\u00fcber europ\u00e4ischen \\\"Freunden\\\" zu beseitigen, dass im September 1939 noch verst\u00e4rkt wurde und bis heute dauert. Das wiederkehrende Echo dieser Ereignisse f\u00fchrt jedoch auch zu einer besonderen polnischen Sensibilit\u00e4t f\u00fcr das Leiden und die Ablehnung von Ukrainern und Wei\u00dfrussen durch Europa, d.h. der einzigen Nationen, die vor einem Jahrhundert zusammen mit Polen gegen die sowjetische Gefahr antraten. Jeder, der heute verstehen m\u00f6chte, warum \u00fcber eine Million ukrainischer Einwanderer, die hier mit offenen Armen aufgenommen wurden, in Polen leben und arbeiten, muss es bewusst sein. Auf dem Gipfeltreffen der Europ\u00e4ischen Union strebt der polnische Premierminister (mit Erfolg) an, einen Plan zur umfassenden wirtschaftlichen Unterst\u00fctzung Wei\u00dfrusslands umzusetzen, wenn es seinen B\u00fcrgern gelingt, die dort vorherrschende Tyrannei zu beseitigen.\\nIn seinem ber\u00fchmten Buch hat Professor Clark bewiesen, dass die Echos dieses Gro\u00dfen Krieges in der zeitgen\u00f6ssischen Politik deutlich zu h\u00f6ren sind. Es ist wahr. Dennoch klingen die polnischen Echos etwas anders als die, die der gro\u00dfe britische Historiker geh\u00f6rt hat.\\nText ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung\\nJaros\u0142aw SZAREK: Der unersch\u00f6pfliche polnische Geist\\nSeit 1795 ohne eigenen Staat haben wir, Polen, im 19. Jahrhundert nicht nur unsere nationale Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft erbaut, aber auch solchen Geisteszustand geschaffen, der mehrere in der Knechtschaft geborene Generationen angespornt hat, immer noch an das unabh\u00e4ngige Polen zu denken.\\nIm November 1918 hat viele Hauptst\u00e4dte der Welt \u2013 von Washington bis Tokio \u2013 die telegraphische Nachricht aus Warschau erreicht, welche die Wiedergeburt der Republik Polen verk\u00fcndete. Es wurde darin informiert, dass die polnische Regierung \u201edie Gewaltherrschaft ersetzt hat, die hundert vierzig Jahre lang \u00fcber dem Schicksal Polens lastete\u201c.\\nSymbolisch wurde die Tatsache, dass diese Nachricht \u00fcber die Auferstehung des unabh\u00e4ngigen Staates aus dem Ort gesendet wurde, welcher der Inbegriff der Fremdherrschaft war \u2013 der Warschauer Zitadelle, die von den Russen nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1830 gebaut wurde. Dort wurden diese Polen verhaftet und hingerichtet, die die Knechtschaft der Nation nicht akzeptieren konnten. Unter diesen H\u00e4ftlingen war auch der Oberste Befehlshaber J\u00f3zef Pi\u0142sudski, der die obengenannte Nachricht unterzeichnet hat.\\n\u201eDie Wiederherstellung der Unabh\u00e4ngigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t Polens\u201c wurde m\u00f6glich, weil die Polen zu diesem Wendepunkt schon bereit waren, die Strukturen eines unabh\u00e4ngigen Staates aufzubauen und \u00fcber genug Kraft verf\u00fcgten, um diesen Staat in den folgenden Jahren erfolgreich zu verteidigen. Seit f\u00fcnf Generationen \u2013 ab 1795 \u2013 strebten sie dieses Ziel an, immer in der Anstrengung ausharrend, um den Traum von der unabh\u00e4ngigen Heimat zu verwirklichen.\\n\u00dcber ein Jahrhundert lang gab es Leute, die zu dieser Anstrengung bereit waren. Oft trugen diese Fahne nur wenige, die nicht nur mit den fremden Eroberern Kr\u00e4fte messen mussten, aber auch mit den Landsleuten, die den Glauben an den Sieg verloren, gleichg\u00fcltig wurden oder sogar die Nation verrieten. Wie oft w\u00e4hrend der Knechtschaft musste man den bitteren Geschmack der Niederlage \u00fcberwinden, als alles zeigte, dass die Worte \u201efinis Poloniae\u201c in Erf\u00fcllung gingen?\\nBereits 1797 wurde unter den Soldaten-Auswanderern in Italien, die als erste in den an der Seite Napoleons und Frankreichs gebildeten polnischen Legionen k\u00e4mpften, ein Lied entstanden, das Hoffnung brachte. Seine Worte \u201eNoch ist Polen nicht verloren, solange wir leben...\u201c \u2013 sind heute unsere Nationalhymne, und die nachfolgenden Worte \u201eWas uns die fremde \u00dcbermacht genommen hat, holen wir uns mit dem S\u00e4bel zur\u00fcck...\u201c bestimmten das Programm des bewaffneten Kampfes in nationalen Aufst\u00e4nden.\\nDie gr\u00f6\u00dften \u2013 im November 1830 und im Januar 1863 \u2013 richteten sich gegen Russland endeten mit den blutigen Repressionen, der Deportation von Tausenden der Aufst\u00e4ndischen nach Sibirien, der Beschlagnahme von Eigentum, dem Verlust vieler Institutionen und Rechte und der Einf\u00fchrung einer brutalen Russifizierung.\\nUnunterbrochen \u00fcberdauerte aber der polnische Geist in den Familien, in den H\u00e4usern, wo M\u00fctter den Kindern das Vaterunser beibrachten und von alten, ruhmreichen Zeiten und stolzen Helden erz\u00e4hlten. Sie beteten zur \\\"Heiligen Jungfrau, die den Tschenstochauer Kloster am Hellen Berg verteidigt und im Tor der Morgenr\u00f6te in Wilna leuchtet\\\" und pilgerten zu diesen heiligen St\u00e4tten. Die Kirche unterst\u00fctzte diesen Geist, und nie mangelte es an Priestern, die das Schicksal der Nation teilten, Schulen errichteten, den aufst\u00e4ndischen Einheiten beitraten, um mit ihnen in Sibirien oder am Galgen zu enden.\\nMilit\u00e4rische Niederlagen und Repressionen leiteten die Polen zu anderen Aktivit\u00e4ten. Sie suchten nach M\u00f6glichkeiten und hatten Erfolge in der Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung. Ihre Spuren finden wir heute an den Karten und in den wissenschaftlichen Publikationen. Nach diesen, die nach dem Januaraufstand 1863 nach Sibirien deportiert wurden, wurden Czerski-, Dybowski- und Ciechanowski-Gebirge genannt. Andererseits sto\u00dfen wir im fernen Chile fast \u00fcberall auf die Erinnerung an Ignacy Domeyko \u2013 einen Auswanderer, der nach der Niederlage des Novemberaufstandes gezwungen war, seine Heimat zu verlassen.\\nZu gleicher Zeit wurden in der Heimat Wirtschaftsverb\u00e4nde, Banken, landwirtschaftliche Unternehmen, Bibliotheken und wissenschaftliche Vereinigungen von oftmals ehemaligen Aufst\u00e4ndischen gegr\u00fcndet. Es stellte sich heraus, dass sie trotz Repressionen den polnischen Landbesitz und das Netzwerk eigener Institutionen wirksam bewahrten. Es gab viele, die \u2013 auch im Dienst der Besatzungsm\u00e4chte \u2013 f\u00fcr ihre Heimat arbeiteten.\\nDie n\u00e4chsten Generationen ohne einen eigenen Staat f\u00fchlten sich nicht nur immer noch als Polen, sondern waren auch bereit, vieles f\u00fcr ihre Heimat zu opfern. Das Ged\u00e4chtnis und die Kultur dauerten an, in ihnen dr\u00fcckte sich die der Unabh\u00e4ngigkeit beraubte Nation aus. Die herausragendsten Werke, die w\u00e4hrend der Besatzung entstanden sind, bilden immer noch den nationalen Kanon. Dazu geh\u00f6ren die Werke der gro\u00dfen romantischen Dichter, die im Ausland arbeiteten: Adam Mickiewicz, Juliusz S\u0142owacki und Zygmunt Krasi\u0144ski. \u00dcber die Grenzen geschmuggelt, durch Zensur verboten, weckten sie die weiteren Generationen der Polen auf, genauso wie die erzpolnischen Werke des Komponisten und Pianisten Fryderyk Chopin, die aus der Sehnsucht nach Polen hervorgingen. Seine Musik ber\u00fchrt immer noch Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.\\nPolen existierte nicht auf der Karte Europas, als Maria Curie-Sk\u0142odowska als erste Polin und erste Frau, die den Nobelpreis erhielt, das von ihr entdeckte Element als \u201ePolonium\u201c bezeichnete und die \u201epolnische\u201c Pr\u00e4senz dauerhaft in das Periodensystem einschrieb. Zwei Jahre sp\u00e4ter \u2013 1905 \u2013 wurde dem Autor von \u201eQuo vadis?\u201c Henryk Sienkiewicz der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen. Damals war er der meistgelesene Schriftsteller von Russland bis nach USA. W\u00e4hrend der Nobelpreisgala sprach er \u00fcber seine Heimat: \u201eSie wurde f\u00fcr tot erkl\u00e4rt, und dies ist einer der tausenden Beweise daf\u00fcr, dass sie lebt. Sie wurde f\u00fcr erobert erkl\u00e4rt, und hier ist ein neuer Beweis daf\u00fcr, dass sie wei\u00df, wie man gewinnt\u201c. Im Geiste seiner \u201eTrilogie\u201c \u2013 eines Romans, der die Kriege der Republik Polen mit den T\u00fcrken, Schweden und Kosaken im 17. Jahrhundert beschreibt \u2013 wurde eine ganze polnische Armee erzogen, gegen welche die Besatzungsm\u00e4chte mehrmals k\u00e4mpfen mussten. Viele junge Leute, die im Ersten Weltkrieg den Legionen von Pi\u0142sudski oder der von den polnischen Auswanderern in den USA gebildeten Armee beitraten, hatten B\u00fccher von Sienkiewicz in ihren Rucks\u00e4cken. Sie waren bereit, f\u00fcr Polen zu k\u00e4mpfen und zu sterben, obwohl sogar ihre Gro\u00dfeltern es nie frei gesehen haben.\\nPolen war auch in den Gem\u00e4lden der historischen Maler lebendig. Einer der originellsten, Jacek Malczewski, rief aus: \u201eMalt so, dass Polen wieder auferstehen kann\u201c. Ein Jahr nach dem Tod des beliebtesten von ihnen \u2013Jan Matejko \u2013 wurde in Lemberg eine Ausstellung seiner Werke organisiert. Es war gerade der hundertste Jahrestag der Schlacht von Rac\u0142awice im Jahr 1794. Dort siegte \u00fcber die Russen die polnische Armee, unterst\u00fctzt von Bauerntruppen, gef\u00fchrt von Tadeusz Ko\u015bciuszko, dem Helden des amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieges.\\nIn einer speziell erbauten Rotunde wurde ein monumentales Gem\u00e4lde von Jan Styka und Wojciech Kossak gezeigt, das \u00fcber hundert Meter lang ist und den siegreichen Kampf gegen die Russen darstellt. Unz\u00e4hlige Polen legten Hunderte Kilometer zur\u00fcck, um es anzuschauen. Sie fl\u00fcsterten in Bewunderung: \u201eEs ist kein Bild, es ist eine Tat.\u201c Wir k\u00f6nnen nicht berechnen, wie viele von diesen Tausenden junger Menschen, oft aus fernen D\u00f6rfern, zu Polen wurden. Sie erschufen eine moderne Nation, eine Nation noch ohne eigenen Staat, aber wie reich an Kultur und Br\u00e4uchen. Dank ihnen nicht nur dauerte das Polentum an, aber zu Polen wurden auch die Enkelkinder dieser, die aus Nachbarl\u00e4ndern kamen, um Polen zu germanisieren und zu russifizieren. Polen verf\u00fchrte sie mit ihrem \u201eunersch\u00f6pflichen Geist\u201c. Aus ihm ist die Tat des 11. November 1918 entstanden, die uns das unabh\u00e4ngige Polen gebracht hat.\\nText ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung\\nZur Demokratie unter den V\u00f6lkern Europas. Casus - Polen\\nAUTOR: Prof Wojciech ROSZKOWSKI\\nWerfen wir einen Blick auf die Europakarte nach dem Wiener Kongress 1815 und diese nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Wir sehen deutliche Ver\u00e4nderungen: in Mittel- und Osteuropa sind viele neue Staaten entstanden. In der polnischen Tradition ist der Unterschied zwischen dem \\\"Entstehen\\\" des unabh\u00e4ngigen Polens im Jahr 1918 und seiner \\\"Wiedergeburt\\\" sehr deutlich. Jemand, der den ersten Begriff verwendet, ignoriert die Bedeutung des Endes des Ersten Weltkriegs f\u00fcr Polen und sogar \u00fcbersieht tausend Jahre fr\u00fcherer Geschichte Polens.\\nDiese Geschichte hatte viele dramatische Wendungen, und das 20. Jahrhundert war von besonderer \u00dcberh\u00e4ufung dieser Dramen gepr\u00e4gt. Ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts geborener Pole hatte die Gelegenheit, sich an die Herrschaft der Besatzungsm\u00e4chte \u2013 \u00d6sterreich-Ungarn, Deutschland und Russland \u2013 zu gew\u00f6hnen, welche \u00fcber 120 Jahre lang \u00fcber polnische L\u00e4nder herrschten. Er erlebte auch dann im November 1918 die Euphorie der Wiederbelebung des Staates, die Niederlage dieses Staates infolge der deutschen und sowjetischen Invasion im September 1939, den Wiederaufbau des Staates nach 1945 in Form eines totalit\u00e4ren Vasallen der Sowjetunion und schlie\u00dflich den Zusammenbruch der kommunistischen Regierung und die Geburt eines neuen Polens, das demokratisch ist, obwohl es die Last des 20. Jahrhunderts tr\u00e4gt, mit der Last der Massenmorde, der Deportationen, der \u00dcbersiedlungen und der Enteignungen. Nach 1989 wird Polen wiedergeboren, aber die Polen entdecken ihre Identit\u00e4t nur mit M\u00fche.\\nZu Beginn des 21. Jahrhunderts tr\u00e4gt das Polentum das Brandmal all dieser Dramen, und \u00fcberrascht mit Eigenschaften, die Konsequenz sowohl dieser Dramen sind, als auch der Reaktionen auf diese. Das Schicksal Polens hing weitgehend von seinen m\u00e4chtigen Nachbarn ab, die es nicht akzeptieren wollten. Aus diesem Grund standen Polen in ihrer Geschichte sehr oft vor einem Dilemma \\\"k\u00e4mpfen oder nicht k\u00e4mpfen?\\\", aber auch \\\"sich anpassen oder nicht?\\\" oder worin und wie man sich anpassen soll, um nicht unterzugehen. Die polnische Hymne beginnt mit den Worten: \\\"Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben\\\". Das Dilemma bestand jedoch sehr oft darin, wie wir werden m\u00f6chten, um zu \u00fcberleben, und wie viel soll es kosten, um auf die eigene Art leben zu k\u00f6nnen.\\nDie Geschichte Polens ist ein Wissensschatz \u00fcber das soziale und politische Leben. Aus der Geschichte der Adelsdemokratie der Ersten Polnischen Republik, d.h. des Staates vor den Teilungen des 18. Jahrhunderts, k\u00f6nnen die heutigen Demokratien lernen, wie schreckliche Kosten f\u00fcr ein Land entstehen k\u00f6nnen, in dem Freiheit nicht mit Verantwortung verbunden ist. Trotz der gro\u00dfen Anstrengungen der Reformer, die am 3. Mai 1791 die erste Verfassung in Europa verabschiedeten, teilten die Nachbarm\u00e4chte unter sich die Erste Republik.\\nAus der Geschichte der polnischen nationalen Aufst\u00e4nde des 19. Jahrhunderts lernt man Heldentum, Patriotismus, aber nicht Effektivit\u00e4t, Geopolitik und materielle Einschr\u00e4nkungen der eigenen Tr\u00e4ume \u2013 aber doch die \u00dcberlebenskunst. Von der Wiedergeburt Polens nach 1918 kann man die au\u00dfergew\u00f6hnliche Kunst der Improvisation lernen, und auch die Effektivit\u00e4t beim Aufbau der Grundlagen der Staatlichkeit fast von Grund auf. Zu den polnischen Erfolgen dieser Zeit geh\u00f6rten beispielsweise die W\u00e4hrungsreform von W\u0142adys\u0142aw Grabski, der Bau des zentralen Industriegebiets oder des Hafens in Gdynia. Aus der Niederlage von 1939 und der deutschen und sowjetischen Besatzung kann man die Kunst des Widerstands gegen die schrecklichsten Praktiken des Genozids lernen. Polen unter kommunistischer Herrschaft und in Friedenszeiten war eine h\u00f6llische Erfahrung der Anpassung an das System trotz nat\u00fcrlicher Neigungen, aus der die Polen geistig schwer verletzt hervorgingen. Dank der zehn Millionen Mitglieder z\u00e4hlenden Solidarno\u015b\u0107-Bewegung und der Unterst\u00fctzung des polnischen Papstes Johannes Paul II waren sie am Ende siegreich, womit sie die Fundamente der Teilung Europas zerbrachen.\\nDer Wiederaufbau des Staates nach 1989 war voll ungen\u00fctzter M\u00f6glichkeiten, gepr\u00e4gt von der Abh\u00e4ngigkeit vom ausl\u00e4ndischen Kapital und der postkommunistischen Eliten mit Vasallenmentalit\u00e4t, aber es ist gelungen, recht sicher in die Europ\u00e4ische Union einzutreten und die Sicherheit durch den Betritt zu NATO zu st\u00e4rken, wor\u00fcber fast alle Polen gleicher Meinung waren. Polen bleibt ein Land, das viele Gegner hat. Und doch haben im Fr\u00fchjahr 2020 die polnischen Beh\u00f6rden und ihre n\u00e4chsten s\u00fcdlichen Nachbarn die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie in dem Ausma\u00df verhindert, von dem hochentwickelte westliche L\u00e4nder betroffen waren. In Polen, das von falschen Meinungen in den Gremien der Europ\u00e4ischen Union geplagt wird, wird die Mitgliedschaft allgemein nicht in Frage gestellt. Die Tatsache, dass das Gleichgewicht des Wirtschaftsumsatzes mit den EU-L\u00e4ndern f\u00fcr Polen ung\u00fcnstig ist, da der Export von Gewinnen st\u00e4ndig h\u00f6her ist als die EU-Subventionen, macht keinen gro\u00dfen Eindruck. Dar\u00fcber hinaus provoziert sinnloser EU-Druck eher Widerstand als Einsch\u00fcchterung der Polen und st\u00e4rkt den gesunden Menschenverstand in Bezug auf die politische Realit\u00e4t.\\nTrotz des Drucks und der Moden, die aus dem \\\"progressiven\\\" Westen kommen, der selber eigene Probleme oft nicht merkt, binden traditionelle Werte immer noch die polnische Gesellschaft. Die Bindung an das Familienleben kann sich aus der Bedeutung famili\u00e4rer Bindungen im ehemaligen Adelspolens und aus der Erinnerung an die Bedrohung der polnischen Familie unter den Teilungen sowie w\u00e4hrend des letzten Krieges und der Besetzung ergeben. Der Respekt f\u00fcr Frauen, der sich im alten Brauch ausdr\u00fcckt, ihre Hand zu k\u00fcssen, kommt aus der ziemlich unabh\u00e4ngigen Rolle der Frauen in der Ersten Republik und ihrer Bedeutung w\u00e4hrend der Teilungen und sogar unter der kommunistischen Herrschaft, als diese \\\"polnische M\u00fctter\\\" tapfer in den Warteschlangen k\u00e4mpften, um das Haus zu versorgen. Die Liebe zur Freiheit ist in Polen besonders stark, wenn man ber\u00fccksichtigt, wie lange den Polen diese Freiheit in den letzten zwei Jahrhunderten fehlte. Au\u00dferdem k\u00f6nnen die Polen stolz darauf sein, dass ihre ehemalige polnisch-litauische Republik eine Oase der Adelsdemokratie war. So war es in der Zeit, als nur sehr begrenzte Kreise der Aristokratie Einfluss auf die Regierungen westlicher L\u00e4nder hatten.\\nIm Allgemeinen reagieren die Polen sehr lebhaft auf die Erh\u00f6hung oder Dem\u00fctigung der polnischen Wesensart. Wenn sie kritische Bemerkungen h\u00f6ren, verteidigen sie sich heftig, aber wenn jemand eine \u00fcbertriebene Apotheose des Polentums verk\u00fcndet, beschweren sie sich \u00fcber ihr Land. Dies beweist, dass sie ihre polnische Wesensart ernst nehmen, aber infolgedessen oft extreme Beurteilungen abgeben. Die Geschichte hat sie gelehrt, sich der L\u00fcge zu widersetzen, die sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft zusammenh\u00e4ngt betrifft.\\nText ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung\"},{\"@type\":\"ImageObject\",\"inLanguage\":\"pl-PL\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/2020\/11\/10\/zum-polnischen-unabhangigkeitstag-am-11-11-2020\/#primaryimage\",\"url\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/A1_11.11-grafika-rocznicowa-niemiecki.png\",\"contentUrl\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/A1_11.11-grafika-rocznicowa-niemiecki.png\",\"width\":1920,\"height\":1080},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/2020\/11\/10\/zum-polnischen-unabhangigkeitstag-am-11-11-2020\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Home\",\"item\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"Zum polnischen Unabh\u00e4ngigkeitstag am 11.11.2020\"}]},{\"@type\":\"WebSite\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/#website\",\"url\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/\",\"name\":\"Instytut Polski w Dusseldorfie\",\"description\":\"Instytuty Polskie\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"SearchAction\",\"target\":{\"@type\":\"EntryPoint\",\"urlTemplate\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/?s={search_term_string}\"},\"query-input\":{\"@type\":\"PropertyValueSpecification\",\"valueRequired\":true,\"valueName\":\"search_term_string\"}}],\"inLanguage\":\"pl-PL\"},{\"@type\":\"Person\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/#\/schema\/person\/6b4b76776c5d49a1eb862046e311998e\",\"name\":\"kolinskia\",\"image\":{\"@type\":\"ImageObject\",\"inLanguage\":\"pl-PL\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/#\/schema\/person\/image\/\",\"url\":\"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/9bb79075402c1d25f1e9e4e8260c2d13?s=96&d=mm&r=g\",\"contentUrl\":\"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/9bb79075402c1d25f1e9e4e8260c2d13?s=96&d=mm&r=g\",\"caption\":\"kolinskia\"},\"url\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/author\/kolinskia\/\"}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","yoast_head_json":{"title":"Zum polnischen Unabh\u00e4ngigkeitstag am 11.11.2020 - Instytut Polski w Dusseldorfie","robots":{"index":"index","follow":"follow","max-snippet":"max-snippet:-1","max-image-preview":"max-image-preview:large","max-video-preview":"max-video-preview:-1"},"canonical":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/2020\/11\/10\/zum-polnischen-unabhangigkeitstag-am-11-11-2020\/","og_locale":"pl_PL","og_type":"article","og_title":"Zum polnischen Unabh\u00e4ngigkeitstag am 11.11.2020 - Instytut Polski w Dusseldorfie","og_description":"Wie unterschiedlich die Echos des Ersten Weltkriegs klingen?&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Von: Jan Rokita In seinem ber\u00fchmten Buch &#8222;The Sleepwalkers&#8221; untersucht der britische Professor Christopher Clark die Ursache des Ersten Weltkriegs und stellt die Diagnose, dass es sich eher um eine Trag\u00f6die als um ein Verbrechen handelt. 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Von: Jan Rokita\nIn seinem ber\u00fchmten Buch \"The Sleepwalkers\" untersucht der britische Professor Christopher Clark die Ursache des Ersten Weltkriegs und stellt die Diagnose, dass es sich eher um eine Trag\u00f6die als um ein Verbrechen handelt. Der Gro\u00dfe Krieg wurde von den im Titel erw\u00e4hnten \"Schlafwandlern\" ausgel\u00f6st, die des Ma\u00dfstabes der historischen Katastrophe, die sie verursacht haben, nicht bewusst waren. Diese Katastrophe war nicht nur die Hekatombe der Opfer und das Ausma\u00df der Zerst\u00f6rung, sondern vor allem der Zusammenbruch der europ\u00e4ischen politischen Ordnung, die von vielen bis heute als \"sch\u00f6nes 19. Jahrhundert\" bewundert wird. Vor sechs Jahren, anl\u00e4sslich des hunderten Jahrestages dieses Krieges, wurde Clarks Buch zur \"politischen Bibel\" der Politiker und Intellektuellen, die mit Anerkennung schmatzend ihre Thesen auf unz\u00e4hligen Konferenzen diskutierten und immer mit der gleichen Warnung vor der Wiederholung des \"Schlafwandeln\"-Pr\u00e4zedenzfalls endeten. Aus der Perspektive der westeurop\u00e4ischen \"la belle \u00e9poque\", die durch diesen Krieg brutal unterbrochen wurde, kann man sagen, dass die Art der Erz\u00e4hlung, die Clark Europa diktierte, nicht nur logisch ist, sondern auch moralisch edelm\u00fctig ist. Jedoch springt einem Polen in dieser Erz\u00e4hlung in die Augen der radikale Unterschied der Erfahrung des 20. Jahrhunderts in Mittel- und Osteuropa. Ein Unterschied, der f\u00fcr den heutigen Franzosen, Italiener oder sogar Deutschen wahrscheinlich schwer zu merken ist, geschweige denn zu akzeptieren.\nEine der ber\u00fchmtesten Stellen in der polnischen Literatur, die seit der Schule jedem Polen in Erinnerung bleiben, ist ein Gebet aus der \u201ePilgerlitanei\u201c des gr\u00f6\u00dften polnischen Dichters Adam Mickiewicz: \"Um den universellen Krieg um die Freiheit der V\u00f6lker bitten wir Dich, o Herr!\" Dieser Passus wird als eine prophetische Ank\u00fcndigung des Ausbruchs  des Krieges betrachtet, der den Polen nach \u00fcber einem Jahrhundert Besatzung endlich die Freiheit und die M\u00f6glichkeit bringen wird, in ihrem eigenen Land zu leben. In dieser polnischen Narration ist das Jahr 1914 weder ein \"Verbrechen\" noch eine \"Trag\u00f6die\", sondern im Gegenteil \u2013 es ist ein historischer Vorbote der Freiheit, die vier Jahre sp\u00e4ter wiedererlangt wurde, als im unerwarteten Ergebnis dieses Krieges alle drei Kaiser, die das Land unterjochten, gest\u00fcrzt sind: der deutsche, der russische und der \u00f6sterreichische.\nEs war ein Schl\u00fcsselmoment f\u00fcr das polnische Verst\u00e4ndnis der Welt und des eigenen Standorts darin. Der Kriegssieg Englands und Frankreichs erm\u00f6glichte es den Polen, die Freiheit wiederzugewinnen, und so wurden diese beiden M\u00e4chte als \"freundlich\" und \"verb\u00fcndet\" im von Generation zu Generation weitergegebenen Kodex des polnischen politischen Selbstbewusstseins eingeschrieben. Das reicht aber nicht. Wie jedes Kind in Polen wei\u00df, war dieser Sieg nur m\u00f6glich, weil die Amerikaner zum ersten Mal in der Geschichte nach Europa kamen. Wenn sie es kurz darauf verlie\u00dfen, angeekelt von der Qualit\u00e4t der europ\u00e4ischen Politik, musste sich die Trag\u00f6die wiederholen. Der Zweite Weltkrieg wurde der offensichtlichste Beweis daf\u00fcr. Und so wurde diese \u00dcberzeugung an die fast \"magische\" Kraft der Pr\u00e4senz der Amerikaner in Europa auch in die politische DNA kodiert, die die Identit\u00e4t der Polen pr\u00e4gt.\nDer 1918 wiedergeborene polnische Staat konnte sich selbst nicht anders als einen Teil einer breiteren mitteleurop\u00e4ischen Union vorstellen. Es war ein offensichtliches Echo der alten Zeiten, als die litauische Jagiellonen-Dynastie eine riesige Bundesmacht mit zwei Hauptst\u00e4dten in Krakau und Wilna regierte. Zwar sah die polnische nationale Bewegung die neue polnische Staatlichkeit in anderen, eher ethnischen Kategorien, aber die Macht\u00fcbernahme durch J\u00f3zef Pi\u0142sudski (am Tag des historischen Waffenstillstands von Compi\u00e8gne am 11. November 1918) bedeutete, dass nicht \"Nationalisten\", sondern \"Prometheisten\" die Mission des polnischen Staates nach dem Krieg bestimmt haben. Das milit\u00e4rische B\u00fcndnis mit den Ukrainern und Wei\u00dfrussen, die sich ebenfalls von der russischen Herrschaft befreiten, dessen Ziel war, die Union in Mittel- und Osteuropa wiederherzustellen, brach unter dem Druck der Bolschewiki zusammen. Es gab gerade noch genug Kraft, um die gef\u00e4hrdete polnische Staatlichkeit gegen die Bolschewiki zu verteidigen, die im Sommer 1920 direkt vor Warschau standen. Es gab aber keine Kraft mehr, um die Idee der Union im Mittel- und Osteuropa zu erneuern. Obwohl die Union damals nicht entstanden ist und dieser Teil Europas bald ein Schlachtfeld f\u00fcr Nationalismen werden sollte, wurde diese Zeit gleich nach dem Ersten Weltkrieg wie ein Echo, das im letzten Jahrhundert bis heute in der polnischen Politik st\u00e4ndig widerhallt.\nEs ist vor allem ein Echo der Tr\u00e4ume von politischer Integration, die (was mit der Zeit offensichtlich wurde) nicht mehr partikul\u00e4r im Mittel- und Osteuropa erstellt werden kann, sondern nur im Rahmen eines gro\u00dfen Integrationsprojekts f\u00fcr ganz Europa sich in diesem Gebiet verbreiten kann. Man muss es wissen, um die Begeisterung der Polen f\u00fcr ihren eigenen Beitritt zur Europ\u00e4ischen Union im 21. Jahrhundert zu verstehen, aber auch f\u00fcr ihre Erweiterung um die Ukraine, Wei\u00dfrussland, Moldawien und Georgien. Der eigent\u00fcmliche \"Transfer\" der Union in den Osten hat die politische Mission des heutigen polnischen Staates aufgebaut, und ohne sich dieser Tatsache bewusst zu sein, ist es unm\u00f6glich, die polnische Politik der letzten 25 Jahre zu verstehen.\nEin entferntes Echo dieser Zeit ist leider auch die starke Erinnerung in Polen daran, dass 1920 alle polnischen Pl\u00e4ne scheitern konnten und mit ihnen sogar die Existenz des polnischen Staates bedroht war. Die \"verb\u00fcndeten\" und \"freundlichen\" europ\u00e4ischen M\u00e4chte, insbesondere England unter der Herrschaft von Lloyd George, standen paradoxerweise auf der Seite der Bolschewiki. Auf der Konferenz von Spa zwangen sie die polnische Regierung, die H\u00e4lfte ihres Territoriums an Sowjetru\u00dfland abzugeben, d.h. alles, was sich im 18. Jahrhundert die russischen Zaren gewaltsam angeeignet haben.\nNie wieder war es in Polen m\u00f6glich, dieses unterbewusste Misstrauen gegen\u00fcber europ\u00e4ischen \"Freunden\" zu beseitigen, dass im September 1939 noch verst\u00e4rkt wurde und bis heute dauert. Das wiederkehrende Echo dieser Ereignisse f\u00fchrt jedoch auch zu einer besonderen polnischen Sensibilit\u00e4t f\u00fcr das Leiden und die Ablehnung von Ukrainern und Wei\u00dfrussen durch Europa, d.h. der einzigen Nationen, die vor einem Jahrhundert zusammen mit Polen gegen die sowjetische Gefahr antraten. Jeder, der heute verstehen m\u00f6chte, warum \u00fcber eine Million ukrainischer Einwanderer, die hier mit offenen Armen aufgenommen wurden, in Polen leben und arbeiten, muss es bewusst sein. Auf dem Gipfeltreffen der Europ\u00e4ischen Union strebt der polnische Premierminister (mit Erfolg) an, einen Plan zur umfassenden wirtschaftlichen Unterst\u00fctzung Wei\u00dfrusslands umzusetzen, wenn es seinen B\u00fcrgern gelingt, die dort vorherrschende Tyrannei zu beseitigen.\nIn seinem ber\u00fchmten Buch hat Professor Clark bewiesen, dass die Echos dieses Gro\u00dfen Krieges in der zeitgen\u00f6ssischen Politik deutlich zu h\u00f6ren sind. Es ist wahr. Dennoch klingen die polnischen Echos etwas anders als die, die der gro\u00dfe britische Historiker geh\u00f6rt hat.\nText ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung\nJaros\u0142aw SZAREK: Der unersch\u00f6pfliche polnische Geist\nSeit 1795 ohne eigenen Staat haben wir, Polen, im 19. Jahrhundert nicht nur unsere nationale Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft erbaut, aber auch solchen Geisteszustand geschaffen, der mehrere in der Knechtschaft geborene Generationen angespornt hat, immer noch an das unabh\u00e4ngige Polen zu denken.\nIm November 1918 hat viele Hauptst\u00e4dte der Welt \u2013 von Washington bis Tokio \u2013 die telegraphische Nachricht aus Warschau erreicht, welche die Wiedergeburt der Republik Polen verk\u00fcndete. Es wurde darin informiert, dass die polnische Regierung \u201edie Gewaltherrschaft ersetzt hat, die hundert vierzig Jahre lang \u00fcber dem Schicksal Polens lastete\u201c.\nSymbolisch wurde die Tatsache, dass diese Nachricht \u00fcber die Auferstehung des unabh\u00e4ngigen Staates aus dem Ort gesendet wurde, welcher der Inbegriff der Fremdherrschaft war \u2013 der Warschauer Zitadelle, die von den Russen nach der Niederschlagung des Novemberaufstandes 1830 gebaut wurde. Dort wurden diese Polen verhaftet und hingerichtet, die die Knechtschaft der Nation nicht akzeptieren konnten. Unter diesen H\u00e4ftlingen war auch der Oberste Befehlshaber J\u00f3zef Pi\u0142sudski, der die obengenannte Nachricht unterzeichnet hat.\n\u201eDie Wiederherstellung der Unabh\u00e4ngigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t Polens\u201c wurde m\u00f6glich, weil die Polen zu diesem Wendepunkt schon bereit waren, die Strukturen eines unabh\u00e4ngigen Staates aufzubauen und \u00fcber genug Kraft verf\u00fcgten, um diesen Staat in den folgenden Jahren erfolgreich zu verteidigen. Seit f\u00fcnf Generationen \u2013 ab 1795 \u2013 strebten sie dieses Ziel an, immer in der Anstrengung ausharrend, um den Traum von der unabh\u00e4ngigen Heimat zu verwirklichen.\n\u00dcber ein Jahrhundert lang gab es Leute, die zu dieser Anstrengung bereit waren. Oft trugen diese Fahne nur wenige, die nicht nur mit den fremden Eroberern Kr\u00e4fte messen mussten, aber auch mit den Landsleuten, die den Glauben an den Sieg verloren, gleichg\u00fcltig wurden oder sogar die Nation verrieten. Wie oft w\u00e4hrend der Knechtschaft musste man den bitteren Geschmack der Niederlage \u00fcberwinden, als alles zeigte, dass die Worte \u201efinis Poloniae\u201c in Erf\u00fcllung gingen?\nBereits 1797 wurde unter den Soldaten-Auswanderern in Italien, die als erste in den an der Seite Napoleons und Frankreichs gebildeten polnischen Legionen k\u00e4mpften, ein Lied entstanden, das Hoffnung brachte. Seine Worte \u201eNoch ist Polen nicht verloren, solange wir leben...\u201c \u2013 sind heute unsere Nationalhymne, und die nachfolgenden Worte \u201eWas uns die fremde \u00dcbermacht genommen hat, holen wir uns mit dem S\u00e4bel zur\u00fcck...\u201c bestimmten das Programm des bewaffneten Kampfes in nationalen Aufst\u00e4nden.\nDie gr\u00f6\u00dften \u2013 im November 1830 und im Januar 1863 \u2013 richteten sich gegen Russland endeten mit den blutigen Repressionen, der Deportation von Tausenden der Aufst\u00e4ndischen nach Sibirien, der Beschlagnahme von Eigentum, dem Verlust vieler Institutionen und Rechte und der Einf\u00fchrung einer brutalen Russifizierung.\nUnunterbrochen \u00fcberdauerte aber der polnische Geist in den Familien, in den H\u00e4usern, wo M\u00fctter den Kindern das Vaterunser beibrachten und von alten, ruhmreichen Zeiten und stolzen Helden erz\u00e4hlten. Sie beteten zur \"Heiligen Jungfrau, die den Tschenstochauer Kloster am Hellen Berg verteidigt und im Tor der Morgenr\u00f6te in Wilna leuchtet\" und pilgerten zu diesen heiligen St\u00e4tten. Die Kirche unterst\u00fctzte diesen Geist, und nie mangelte es an Priestern, die das Schicksal der Nation teilten, Schulen errichteten, den aufst\u00e4ndischen Einheiten beitraten, um mit ihnen in Sibirien oder am Galgen zu enden.\nMilit\u00e4rische Niederlagen und Repressionen leiteten die Polen zu anderen Aktivit\u00e4ten. Sie suchten nach M\u00f6glichkeiten und hatten Erfolge in der Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung. Ihre Spuren finden wir heute an den Karten und in den wissenschaftlichen Publikationen. Nach diesen, die nach dem Januaraufstand 1863 nach Sibirien deportiert wurden, wurden Czerski-, Dybowski- und Ciechanowski-Gebirge genannt. Andererseits sto\u00dfen wir im fernen Chile fast \u00fcberall auf die Erinnerung an Ignacy Domeyko \u2013 einen Auswanderer, der nach der Niederlage des Novemberaufstandes gezwungen war, seine Heimat zu verlassen.\nZu gleicher Zeit wurden in der Heimat Wirtschaftsverb\u00e4nde, Banken, landwirtschaftliche Unternehmen, Bibliotheken und wissenschaftliche Vereinigungen von oftmals ehemaligen Aufst\u00e4ndischen gegr\u00fcndet. Es stellte sich heraus, dass sie trotz Repressionen den polnischen Landbesitz und das Netzwerk eigener Institutionen wirksam bewahrten. Es gab viele, die \u2013 auch im Dienst der Besatzungsm\u00e4chte \u2013 f\u00fcr ihre Heimat arbeiteten.\nDie n\u00e4chsten Generationen ohne einen eigenen Staat f\u00fchlten sich nicht nur immer noch als Polen, sondern waren auch bereit, vieles f\u00fcr ihre Heimat zu opfern. Das Ged\u00e4chtnis und die Kultur dauerten an, in ihnen dr\u00fcckte sich die der Unabh\u00e4ngigkeit beraubte Nation aus. Die herausragendsten Werke, die w\u00e4hrend der Besatzung entstanden sind, bilden immer noch den nationalen Kanon. Dazu geh\u00f6ren die Werke der gro\u00dfen romantischen Dichter, die im Ausland arbeiteten: Adam Mickiewicz, Juliusz S\u0142owacki und Zygmunt Krasi\u0144ski. \u00dcber die Grenzen geschmuggelt, durch Zensur verboten, weckten sie die weiteren Generationen der Polen auf, genauso wie die erzpolnischen Werke des Komponisten und Pianisten Fryderyk Chopin, die aus der Sehnsucht nach Polen hervorgingen. Seine Musik ber\u00fchrt immer noch Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.\nPolen existierte nicht auf der Karte Europas, als Maria Curie-Sk\u0142odowska als erste Polin und erste Frau, die den Nobelpreis erhielt, das von ihr entdeckte Element als \u201ePolonium\u201c bezeichnete und die \u201epolnische\u201c Pr\u00e4senz dauerhaft in das Periodensystem einschrieb. Zwei Jahre sp\u00e4ter \u2013 1905 \u2013 wurde dem Autor von \u201eQuo vadis?\u201c Henryk Sienkiewicz der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen. Damals war er der meistgelesene Schriftsteller von Russland bis nach USA. W\u00e4hrend der Nobelpreisgala sprach er \u00fcber seine Heimat: \u201eSie wurde f\u00fcr tot erkl\u00e4rt, und dies ist einer der tausenden Beweise daf\u00fcr, dass sie lebt. Sie wurde f\u00fcr erobert erkl\u00e4rt, und hier ist ein neuer Beweis daf\u00fcr, dass sie wei\u00df, wie man gewinnt\u201c. Im Geiste seiner \u201eTrilogie\u201c \u2013 eines Romans, der die Kriege der Republik Polen mit den T\u00fcrken, Schweden und Kosaken im 17. Jahrhundert beschreibt \u2013 wurde eine ganze polnische Armee erzogen, gegen welche die Besatzungsm\u00e4chte mehrmals k\u00e4mpfen mussten. Viele junge Leute, die im Ersten Weltkrieg den Legionen von Pi\u0142sudski oder der von den polnischen Auswanderern in den USA gebildeten Armee beitraten, hatten B\u00fccher von Sienkiewicz in ihren Rucks\u00e4cken. Sie waren bereit, f\u00fcr Polen zu k\u00e4mpfen und zu sterben, obwohl sogar ihre Gro\u00dfeltern es nie frei gesehen haben.\nPolen war auch in den Gem\u00e4lden der historischen Maler lebendig. Einer der originellsten, Jacek Malczewski, rief aus: \u201eMalt so, dass Polen wieder auferstehen kann\u201c. Ein Jahr nach dem Tod des beliebtesten von ihnen \u2013Jan Matejko \u2013 wurde in Lemberg eine Ausstellung seiner Werke organisiert. Es war gerade der hundertste Jahrestag der Schlacht von Rac\u0142awice im Jahr 1794. Dort siegte \u00fcber die Russen die polnische Armee, unterst\u00fctzt von Bauerntruppen, gef\u00fchrt von Tadeusz Ko\u015bciuszko, dem Helden des amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieges.\nIn einer speziell erbauten Rotunde wurde ein monumentales Gem\u00e4lde von Jan Styka und Wojciech Kossak gezeigt, das \u00fcber hundert Meter lang ist und den siegreichen Kampf gegen die Russen darstellt. Unz\u00e4hlige Polen legten Hunderte Kilometer zur\u00fcck, um es anzuschauen. Sie fl\u00fcsterten in Bewunderung: \u201eEs ist kein Bild, es ist eine Tat.\u201c Wir k\u00f6nnen nicht berechnen, wie viele von diesen Tausenden junger Menschen, oft aus fernen D\u00f6rfern, zu Polen wurden. Sie erschufen eine moderne Nation, eine Nation noch ohne eigenen Staat, aber wie reich an Kultur und Br\u00e4uchen. Dank ihnen nicht nur dauerte das Polentum an, aber zu Polen wurden auch die Enkelkinder dieser, die aus Nachbarl\u00e4ndern kamen, um Polen zu germanisieren und zu russifizieren. Polen verf\u00fchrte sie mit ihrem \u201eunersch\u00f6pflichen Geist\u201c. Aus ihm ist die Tat des 11. November 1918 entstanden, die uns das unabh\u00e4ngige Polen gebracht hat.\nText ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung\nZur Demokratie unter den V\u00f6lkern Europas. Casus - Polen\nAUTOR: Prof Wojciech ROSZKOWSKI\nWerfen wir einen Blick auf die Europakarte nach dem Wiener Kongress 1815 und diese nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Wir sehen deutliche Ver\u00e4nderungen: in Mittel- und Osteuropa sind viele neue Staaten entstanden. In der polnischen Tradition ist der Unterschied zwischen dem \"Entstehen\" des unabh\u00e4ngigen Polens im Jahr 1918 und seiner \"Wiedergeburt\" sehr deutlich. Jemand, der den ersten Begriff verwendet, ignoriert die Bedeutung des Endes des Ersten Weltkriegs f\u00fcr Polen und sogar \u00fcbersieht tausend Jahre fr\u00fcherer Geschichte Polens.\nDiese Geschichte hatte viele dramatische Wendungen, und das 20. Jahrhundert war von besonderer \u00dcberh\u00e4ufung dieser Dramen gepr\u00e4gt. Ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts geborener Pole hatte die Gelegenheit, sich an die Herrschaft der Besatzungsm\u00e4chte \u2013 \u00d6sterreich-Ungarn, Deutschland und Russland \u2013 zu gew\u00f6hnen, welche \u00fcber 120 Jahre lang \u00fcber polnische L\u00e4nder herrschten. Er erlebte auch dann im November 1918 die Euphorie der Wiederbelebung des Staates, die Niederlage dieses Staates infolge der deutschen und sowjetischen Invasion im September 1939, den Wiederaufbau des Staates nach 1945 in Form eines totalit\u00e4ren Vasallen der Sowjetunion und schlie\u00dflich den Zusammenbruch der kommunistischen Regierung und die Geburt eines neuen Polens, das demokratisch ist, obwohl es die Last des 20. Jahrhunderts tr\u00e4gt, mit der Last der Massenmorde, der Deportationen, der \u00dcbersiedlungen und der Enteignungen. Nach 1989 wird Polen wiedergeboren, aber die Polen entdecken ihre Identit\u00e4t nur mit M\u00fche.\nZu Beginn des 21. Jahrhunderts tr\u00e4gt das Polentum das Brandmal all dieser Dramen, und \u00fcberrascht mit Eigenschaften, die Konsequenz sowohl dieser Dramen sind, als auch der Reaktionen auf diese. Das Schicksal Polens hing weitgehend von seinen m\u00e4chtigen Nachbarn ab, die es nicht akzeptieren wollten. Aus diesem Grund standen Polen in ihrer Geschichte sehr oft vor einem Dilemma \"k\u00e4mpfen oder nicht k\u00e4mpfen?\", aber auch \"sich anpassen oder nicht?\" oder worin und wie man sich anpassen soll, um nicht unterzugehen. Die polnische Hymne beginnt mit den Worten: \"Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben\". Das Dilemma bestand jedoch sehr oft darin, wie wir werden m\u00f6chten, um zu \u00fcberleben, und wie viel soll es kosten, um auf die eigene Art leben zu k\u00f6nnen.\nDie Geschichte Polens ist ein Wissensschatz \u00fcber das soziale und politische Leben. Aus der Geschichte der Adelsdemokratie der Ersten Polnischen Republik, d.h. des Staates vor den Teilungen des 18. Jahrhunderts, k\u00f6nnen die heutigen Demokratien lernen, wie schreckliche Kosten f\u00fcr ein Land entstehen k\u00f6nnen, in dem Freiheit nicht mit Verantwortung verbunden ist. Trotz der gro\u00dfen Anstrengungen der Reformer, die am 3. Mai 1791 die erste Verfassung in Europa verabschiedeten, teilten die Nachbarm\u00e4chte unter sich die Erste Republik.\nAus der Geschichte der polnischen nationalen Aufst\u00e4nde des 19. Jahrhunderts lernt man Heldentum, Patriotismus, aber nicht Effektivit\u00e4t, Geopolitik und materielle Einschr\u00e4nkungen der eigenen Tr\u00e4ume \u2013 aber doch die \u00dcberlebenskunst. Von der Wiedergeburt Polens nach 1918 kann man die au\u00dfergew\u00f6hnliche Kunst der Improvisation lernen, und auch die Effektivit\u00e4t beim Aufbau der Grundlagen der Staatlichkeit fast von Grund auf. Zu den polnischen Erfolgen dieser Zeit geh\u00f6rten beispielsweise die W\u00e4hrungsreform von W\u0142adys\u0142aw Grabski, der Bau des zentralen Industriegebiets oder des Hafens in Gdynia. Aus der Niederlage von 1939 und der deutschen und sowjetischen Besatzung kann man die Kunst des Widerstands gegen die schrecklichsten Praktiken des Genozids lernen. Polen unter kommunistischer Herrschaft und in Friedenszeiten war eine h\u00f6llische Erfahrung der Anpassung an das System trotz nat\u00fcrlicher Neigungen, aus der die Polen geistig schwer verletzt hervorgingen. Dank der zehn Millionen Mitglieder z\u00e4hlenden Solidarno\u015b\u0107-Bewegung und der Unterst\u00fctzung des polnischen Papstes Johannes Paul II waren sie am Ende siegreich, womit sie die Fundamente der Teilung Europas zerbrachen.\nDer Wiederaufbau des Staates nach 1989 war voll ungen\u00fctzter M\u00f6glichkeiten, gepr\u00e4gt von der Abh\u00e4ngigkeit vom ausl\u00e4ndischen Kapital und der postkommunistischen Eliten mit Vasallenmentalit\u00e4t, aber es ist gelungen, recht sicher in die Europ\u00e4ische Union einzutreten und die Sicherheit durch den Betritt zu NATO zu st\u00e4rken, wor\u00fcber fast alle Polen gleicher Meinung waren. Polen bleibt ein Land, das viele Gegner hat. Und doch haben im Fr\u00fchjahr 2020 die polnischen Beh\u00f6rden und ihre n\u00e4chsten s\u00fcdlichen Nachbarn die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie in dem Ausma\u00df verhindert, von dem hochentwickelte westliche L\u00e4nder betroffen waren. In Polen, das von falschen Meinungen in den Gremien der Europ\u00e4ischen Union geplagt wird, wird die Mitgliedschaft allgemein nicht in Frage gestellt. Die Tatsache, dass das Gleichgewicht des Wirtschaftsumsatzes mit den EU-L\u00e4ndern f\u00fcr Polen ung\u00fcnstig ist, da der Export von Gewinnen st\u00e4ndig h\u00f6her ist als die EU-Subventionen, macht keinen gro\u00dfen Eindruck. Dar\u00fcber hinaus provoziert sinnloser EU-Druck eher Widerstand als Einsch\u00fcchterung der Polen und st\u00e4rkt den gesunden Menschenverstand in Bezug auf die politische Realit\u00e4t.\nTrotz des Drucks und der Moden, die aus dem \"progressiven\" Westen kommen, der selber eigene Probleme oft nicht merkt, binden traditionelle Werte immer noch die polnische Gesellschaft. Die Bindung an das Familienleben kann sich aus der Bedeutung famili\u00e4rer Bindungen im ehemaligen Adelspolens und aus der Erinnerung an die Bedrohung der polnischen Familie unter den Teilungen sowie w\u00e4hrend des letzten Krieges und der Besetzung ergeben. Der Respekt f\u00fcr Frauen, der sich im alten Brauch ausdr\u00fcckt, ihre Hand zu k\u00fcssen, kommt aus der ziemlich unabh\u00e4ngigen Rolle der Frauen in der Ersten Republik und ihrer Bedeutung w\u00e4hrend der Teilungen und sogar unter der kommunistischen Herrschaft, als diese \"polnische M\u00fctter\" tapfer in den Warteschlangen k\u00e4mpften, um das Haus zu versorgen. Die Liebe zur Freiheit ist in Polen besonders stark, wenn man ber\u00fccksichtigt, wie lange den Polen diese Freiheit in den letzten zwei Jahrhunderten fehlte. Au\u00dferdem k\u00f6nnen die Polen stolz darauf sein, dass ihre ehemalige polnisch-litauische Republik eine Oase der Adelsdemokratie war. So war es in der Zeit, als nur sehr begrenzte Kreise der Aristokratie Einfluss auf die Regierungen westlicher L\u00e4nder hatten.\nIm Allgemeinen reagieren die Polen sehr lebhaft auf die Erh\u00f6hung oder Dem\u00fctigung der polnischen Wesensart. Wenn sie kritische Bemerkungen h\u00f6ren, verteidigen sie sich heftig, aber wenn jemand eine \u00fcbertriebene Apotheose des Polentums verk\u00fcndet, beschweren sie sich \u00fcber ihr Land. Dies beweist, dass sie ihre polnische Wesensart ernst nehmen, aber infolgedessen oft extreme Beurteilungen abgeben. Die Geschichte hat sie gelehrt, sich der L\u00fcge zu widersetzen, die sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft zusammenh\u00e4ngt betrifft.\nText ver\u00f6ffentlicht in der Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze (Polen) im Rahmen eines historischen Bildungsprojekts des Instituts f\u00fcr nationale Erinnerung"},{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/2020\/11\/10\/zum-polnischen-unabhangigkeitstag-am-11-11-2020\/#primaryimage","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/A1_11.11-grafika-rocznicowa-niemiecki.png","contentUrl":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2020\/11\/A1_11.11-grafika-rocznicowa-niemiecki.png","width":1920,"height":1080},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/2020\/11\/10\/zum-polnischen-unabhangigkeitstag-am-11-11-2020\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Home","item":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Zum polnischen Unabh\u00e4ngigkeitstag am 11.11.2020"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/#website","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/","name":"Instytut Polski w Dusseldorfie","description":"Instytuty Polskie","potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"pl-PL"},{"@type":"Person","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/#\/schema\/person\/6b4b76776c5d49a1eb862046e311998e","name":"kolinskia","image":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/#\/schema\/person\/image\/","url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/9bb79075402c1d25f1e9e4e8260c2d13?s=96&d=mm&r=g","contentUrl":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/9bb79075402c1d25f1e9e4e8260c2d13?s=96&d=mm&r=g","caption":"kolinskia"},"url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/author\/kolinskia\/"}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3428","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/users\/103"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3428"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3428\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3459,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3428\/revisions\/3459"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3428"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3428"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3428"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}