{"id":5696,"date":"2013-04-23T13:12:00","date_gmt":"2013-04-23T11:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/?p=5696"},"modified":"2021-08-02T13:15:52","modified_gmt":"2021-08-02T11:15:52","slug":"die-liebe-im-ghetto-zum-70-jahrestag-des-aufstands-im-warschauer-ghetto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instytutpolski.pl\/duesseldorf\/2013\/04\/23\/die-liebe-im-ghetto-zum-70-jahrestag-des-aufstands-im-warschauer-ghetto\/","title":{"rendered":"Die Liebe im Ghetto. Zum 70. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"h3_title\">\u00a0<\/h3>\n<p>\u00a0<\/p>\n<div class=\"edytor programm\">\n<p class=\"news-info\"><strong>Di 23.04.2013 &#8211; Mo 29.04.2013 <\/strong>Gie\u00dfen, Essen, Frankfurt\/Main<\/p>\nEine Veranstaltung anl\u00e4sslich des 70. Jahrestages des Aufstand im Warschauer Ghetto.<br \/>Buchpr\u00e4sentation und Gespr\u00e4ch mit\u00a0<strong>Paula Sawicka<\/strong>\u00a0\u00fcber Marek Edelman und sein Buch \u201eDie Liebe im Ghetto\u201c.<br \/><br \/>Termine und Orte<br \/><strong>Dienstag, 23.04.2013, 19.00 Uhr<\/strong><br \/>Universit\u00e4t Gie\u00dfen, Ausstellungsraum der Universit\u00e4tsbibliothek Gie\u00dfen, Otto-Behaghel-Stra\u00dfe 8, 35394 Gie\u00dfen, Eintritt frei<br \/>\u00a0<strong>Donnerstag, 25.04.2013, 19.00 Uhr<\/strong><br \/>Alte Synagoge, Edmund-K\u00f6rner-Platz 1, 45127 Essen, Seminarraum, Zugang Alfredistra\u00dfe<br \/>Moderation Uri Kaufmann<br \/><strong>Montag, 29.04.2013, 18.15 Uhr<\/strong><br \/>Goethe Universit\u00e4t Frankfurt, Campus Westend, Gr\u00fcneburgplatz 1, Casino, Raum 1.802<br \/><br \/><strong>Marek Edelman<\/strong>\u00a0war einer der Anf\u00fchrer des j\u00fcdischen Widerstands im Warschauer Ghetto und ein unbequemer Mahner. Mit nur einer Handvoll Gef\u00e4hrten organisierte der damals Zweiundzwanzigj\u00e4hrige 1943 den kurzen, hoffnungslosen Kampf gegen die \u00fcberm\u00e4chtigen Deutschen. Eindringlich l\u00e4sst Edelman seine Erinnerungen an das Ghetto lebendig werden. Hier rettete er Gef\u00e4hrten vor der Deportation und gab unter Einsatz seines Lebens das Untergrund-Bulletin heraus. Hier erfuhr er aber auch Zusammenhalt im Angesicht der Gefahr, erlebte bewegende Momente der Liebe, der Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern, zwischen jungen und \u00e4lteren Liebenden.<br \/>Als Marek Edelman 2009 starb, schrieb Die Welt: \u00bbEdelman erz\u00e4hlte seiner Gef\u00e4hrtin aus dem liberalen Solidarno\u015b\u0107-Milieu Paula Sawicka, wonach ihn bisher noch niemand gefragt hat: Liebesgeschichten aus dem Warschauer Ghetto, wahre Begebenheiten. Das ist sein Verm\u00e4chtnis.\u201c<br \/>Marek Edelman wurde 1921 in Warschau geboren. Er war einer der Anf\u00fchrer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Nach Kriegsende studierte Edelman Medizin und wurde Kardiologe. Sp\u00e4ter engagierte er sich in der Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107. Erst 1976 brach er sein langes Schweigen \u00fcber die Zeit im Ghetto. Die Geschichte seines Lebens wurde mehrfach verfilmt. Marek Edelman starb 2009.<br \/><br \/><strong>Paula Sawicka<\/strong>\u00a0ist Psychologin, Dozentin, \u00dcbersetzerin aus dem Englischen. In den 70-ger und 80-ger Jahren engagierte sie sich aktiv in der demokratischen Opposition und wirkte nach 1989 an der Schaffung eines neuen, freien Polens mit. Seit 2004 ist die Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft Offene Republik.<br \/>Kooperation: Gie\u00dfener Zentrum \u00d6stliches Europa (GIZO) der Universit\u00e4t Gie\u00dfen, Universit\u00e4tsbibliothek Gie\u00dfen, J\u00fcdisches Museum Frankfurt, Universit\u00e4t Frankfurt, Alte Synagoge Essen, Verlag Sch\u00f6ffling &amp; Co<br \/><br \/><br \/><strong>Der Aufstand im Warschauer Ghetto \u2013 ein zutiefst polnischer Aufstand<\/strong><br \/>W\u0142adys\u0142aw Bartoszewski im Gespr\u00e4ch mit Aleksandra Klich und Jaros\u0142aw Kurski<br \/>(Gazeta Wyborcza, 12. April 2013)<br \/><br \/><em><strong>Warschau, 19. April 1943. An einem Haus am Muranowski-Platz h\u00e4ngen zwei Flaggen: die wei\u00df-blaue j\u00fcdische und die wei\u00df-rote polnische. Es ist ein Haus im Ghetto, in dem an diesem Tag die Juden den Aufstand beginnen. Erinnern Sie sich an diese Flaggen?<\/strong><\/em><br \/>W\u0142adys\u0142aw Bartoszewski: Nat\u00fcrlich. Sie hingen so hoch, dass man sie aus der Stra\u00dfenbahn, mit der ich nach \u017bolib\u00f3rz fuhr, gut sehen konnte. Auf der Ghetto-Seite k\u00e4mpfte ein Trupp des J\u00fcdischen Milit\u00e4rverbands, auf der arischen Seite, von der Bonifaterska her, liefen die Leute zusammen. Sie waren offensichtlich bewegt.<br \/>Ein spezieller Sturmtrupp attackierte auf Befehl des SS-Generals J\u00fcrgen Stroop die j\u00fcdischen Stellungen und nahm am 20. April nach einem verbissenen Kampf die Flaggen ab. Stroop erw\u00e4hnt das in seinem Bericht. Er schreibt, dass in diesem Kampf ein SS-Untersturmf\u00fchrer Dehmke fiel.<br \/>Die nebeneinanderh\u00e4ngenden Flaggen waren ein Symbol der Gemeinschaft. Die Deutschen hatten nicht zu entscheiden, welches Warschau besser sei und welches schlechter. Es gab nur ein Warschau.<br \/><br \/><em><strong>Der Aufstand im Ghetto war der erste Warschauer Aufstand?<\/strong><\/em><br \/>Zweifellos wurde mehrere Wochen im Zentrum der Stadt verbissen gek\u00e4mpft, die erste gro\u00dfe bewaffnete Aktion in den Warschauer Stra\u00dfen seit dem Beginn der Besatzung im September 1939. Mordechaj Anielewicz, Deckname \u201eAnio\u0142ek\u201c, der Anf\u00fchrer der Aktion im Zentrum des Ghettos schrieb seinem Stellvertreter Jitzhak \u201eAntek\u201c Zuckerman, der sich auf der arischen Seite aufhielt: \u201eMein Lebenstraum hat sich erf\u00fcllt. Die j\u00fcdische Selbstverteidigung im Ghetto ist ein Faktum. Der bewaffnete j\u00fcdische Widerstand und die j\u00fcdische Vergeltung sind Wirklichkeit geworden. Ich habe gesehen, wie wunderbar heldenhaft j\u00fcdische Truppen k\u00e4mpften.\u201c Was Anielewicz schlicht \u201eSelbstverteidigung\u201c nannte, bezeichneten die Nazis, die in den ersten Stunden vom Widerstand der Juden \u00fcberrascht waren und panisch reagierten, in einer Depesche nach Berlin als \u201egut organisierten Aufstand\u201c. Es kommt also auf den Standpunkt an, von dem aus man die Absicht und die Folgen betrachtet.<br \/><br \/><em><strong>Sie arbeiteten damals in der \u017begota, dem Rat f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Juden. Waren Sie \u00fcberrascht, dass die Juden zu den Waffen griffen? Es hie\u00df ja \u2013 Marek Edelman erinnert daran, einer der Anf\u00fchrer des Aufstands \u2013, sie k\u00f6nnten nicht schie\u00dfen, ihnen Gewehre zu geben, w\u00e4re Verschwendung.<\/strong><\/em><br \/>Nein, wir waren kein bisschen, wir hatten damit gerechnet. Denn erstens kamen die Waffen von uns, entweder von der Heimatarmee oder vom Schwarzmarkt \u2013 wir hatten ja selbst kaum welche. Und zweitens gab es im Ghetto Unteroffiziere der Reserve; es war klar, dass sie sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur Wehr setzen w\u00fcrden.<br \/>Im Ghetto herrschten furchtbare Zust\u00e4nde. Die Deutschen hatten schon 1942 fast die gesamte Bev\u00f6lkerung ins Vernichtungslager gebracht. Geblieben waren die f\u00fcnfzig- bis sechzigtausend J\u00fcngsten und Ges\u00fcndesten. Zweihundert von ihnen entschlossen sich zur Selbstverteidigung und agitierten die \u00fcbrigen. Die erste Aktion gab es im Januar 1943, als die Deutschen achttausend Menschen nach Treblinka deportieren wollten. Ab da mussten die Deutschen mit weiterem Widerstand rechnen, aber sie ahnten nicht, wie entschlossen die Juden waren. Dass sie dank der Heimatarmee bewaffnet waren und ihre Haut so teuer wie m\u00f6glich verkaufen wollten.<br \/><br \/><em><strong>Es waren also die polnischen Juden, die sich als erste gegen die Deutschen erhoben. Mehr als ein Jahr vor Ausbruch des Warschauer Aufstands.<\/strong><\/em><br \/>Sie wurden als erste vor eine endg\u00fcltige Wahl gestellt: Sich entweder abschlachten zu lassen oder sich zu wehren, laut aufzuschreien: \u201eIch lasse das nicht zu!\u201c Sie w\u00e4hlten die zweite M\u00f6glichkeit. Wie es die J\u00fcdische Kampforganisation in einem Appell vom 4. Dezember 1942 angek\u00fcndigt hatte: \u201eDer Hitlerismus hat die Ausl\u00f6schung aller Juden zum Ziel. Wir wollen in dieser Situation kein Dreck, kein Gew\u00fcrm sein. Helft euch gegenseitig. Seid bereit, euer Leben zu verteidigen. Denkt immer daran, dass auch wir \u2013 die j\u00fcdische Zivilbev\u00f6lkerung \u2013 an der Front f\u00fcr Freiheit und Menschlichkeit k\u00e4mpfen.\u201c<br \/>F\u00fcr mich liegt die Gr\u00f6\u00dfe des Ghettoaufstands, dass es ein v\u00f6llig aussichtsloser Kampf war. Ein typisch polnischer Kampf um die Ehre. Die Ehre gebietet einem Mann, \u201eNein!\u201c zu sagen, wenn Schw\u00e4chere sterben: Frauen, Kinder, Greise. Sie zu verteidigen, bis zuletzt, auch um den Preis des eigenen Lebens. Diese Haltung f\u00fchrte zum Aufstand im Warschauer Ghetto.<br \/>Der Warschauer Aufstand indes erwuchs aus anderen Motiven. Er war Teil der Strategie einer der alliierten Armeen, der Heimatarmee. F\u00fcr uns, die Polen im arischen Teil Warschaus, war im Sommer 1944 der Aufstand eine nationale Notwendigkeit, wir wollten beweisen, dass wir unsere Hauptstadt selbst befreien k\u00f6nnen.<br \/>Die polnischen Juden, die ein Jahr fr\u00fcher zu den Waffen griffen, hatten keine Chance. Die Front war fern, knapp westlich der Wolga. Sie konnten nicht auf Unterst\u00fctzung aus der Luft hoffen. Sie verfolgten keine strategischen Ziele. Wenn man also \u00fcber die Sinnhaftigkeit des Warschauer Aufstandes streiten kann, so ist der Sinn des Aufstands im Warschauer Ghetto eindeutig: Er war ein Brandopfer. Ein Masada ohne jegliche Hoffnung. Aus diesem Grund wurde in Israel der Ghettoaufstand lange geringgesch\u00e4tzt. Man sch\u00e4mte sich seiner sogar. Der Staat Israel zog seine St\u00e4rke aus milit\u00e4rischen Siegen, nicht aus Niederlagen, selbst wenn es moralische Siege waren. Der Ghettoaufstand passte nicht in dieses Bild.<br \/><br \/><em><strong>Zum 45. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto schrieb Lech Wa\u0142\u0119sa an Marek Edelman, es handele sich vielleicht um den polnischsten aller polnischen Aufst\u00e4nde.<\/strong><\/em><br \/>Und er hat recht. Einen derart in der romantischen Tradition wurzelnden Aufstand konnten nur die polnischen Juden organisieren. Ich betone: die polnischen. In keinem anderen von Hitler besetzten Land war ein derartiger polnisch-j\u00fcdischer Irrsinn denkbar.<br \/><br \/><em><strong>Die Organisatoren des Aufstands, zumal der Bund mit Marek Edelman, wollten mit der Heimatarmee kooperieren. Das gelang nicht ganz.<\/strong><\/em><br \/>Die Heimatarmee war nicht darauf eingestellt, das Ghetto zu retten, was viele Leute schmerzte. Das hatte verschiedene Gr\u00fcnde. Ein erster Schlag war im M\u00e4rz 1943 die Verhaftung von Arje Wilner, einem Verbindungsmann aus dem Ghetto, der uns kontaktierte, um etwa Waffen f\u00fcr die Juden zu organisieren. Man muss nicht dar\u00fcber streiten, wie viele sie bekamen, wir hatten selbst fast keine. Und selbst wenn es f\u00fcnf Mal so viele Pistolen gewesen w\u00e4ren, w\u00e4ren h\u00f6chsten ein paar Deutsche mehr gestorben, das Ghetto h\u00e4tte es nicht gerettet. Wilner verriet keine Namen, aber als Verbindungsmann war er verloren. Das schw\u00e4chte die polnisch-j\u00fcdischen Kontakte. Die zweite Sache war, dass der Ghettoaufstand f\u00fcr die Heimatarmee zu fr\u00fch ausbrach. Das hatten die Deutschen mit immer neuen Deportationen erzwungen. Vom bevorstehenden Aufstand erfuhr die Heimatarmee erst wenige Tage, bevor er ausbrach.<br \/><br \/><em><strong>H\u00e4tte die Heimatarmee den j\u00fcdischen Aufst\u00e4ndischen \u00fcberhaupt helfen k\u00f6nnen?<\/strong><\/em><br \/>Wie denn? Einen Aufstand in ganz Warschau machen? Bei all den deutschen Kr\u00e4ften und ohne Aussicht auf Hilfe von au\u00dfen? Die vom Untergrund durchsetzte Stadt aufs Spiel setzen? Das Ghetto war nicht zu retten, h\u00f6chstens einzelne Personen. Man versuchte es auch. Im Bericht \u00fcber die Zerst\u00f6rung des j\u00fcdischen Viertels erw\u00e4hnt Stroop mehrfach die Kooperation der Polen mit den k\u00e4mpfenden Juden sowie Angriffe von \u201epolnischen Banditen\u201c auf Deutsche au\u00dferhalb des Ghettos. Es w\u00e4re leichter gewesen, wenn die Juden bereit gewesen w\u00e4ren, das Ghetto zu verlassen, aber sie wollten bis zuletzt dort ausharren, solange noch die Chance bestand, einen Deutschen zu erwischen. Die Juden k\u00e4mpften einen aussichtslosen Kampf allein f\u00fcr ihre Werte. Dessen waren sie sich voll bewusst. Es waren kluge und intelligente Leute, die wussten, was sie taten.<br \/><br \/><em><strong>Edelman h\u00e4tte aus dem Ghetto fliehen k\u00f6nnen. Er tat es nicht, sondern blieb und k\u00e4mpfte. Aus Verantwortungsbewusstsein: \u201eWer A sagt, muss auch B sagen\u201c, sagte er immer. Aus diesem Grund beteiligte er sich \u2013 als Pole j\u00fcdischer Abstammung \u2013 auch am Warschauer Aufstand. Erst k\u00e4mpfte er f\u00fcr das Lebensrecht der Juden, dann f\u00fcr Polen.<\/strong><\/em><br \/>Menschen wie Marek Edelman sind ein Schatz. Sein Verhalten und seine Einstellung zeigen, dass es sich lohnt, anst\u00e4ndig zu bleiben. Edelman schwebte eine Gemeinschaft vor, die nicht durch Rasse, Weltanschauung, Ethnie oder Nationalit\u00e4t geeint wird, sondern durch den humanen Kampf gegen das B\u00f6se und f\u00fcr die Armen und Schwachen. Ich lernte kennen, nachdem ich aus dem Gef\u00e4ngnis kam, 1956 oder 1957. Mir imponierte seine unglaubliche Konsequenz, die ihn zu einem gro\u00dfen Menschen machte, an der aber auch seine Familie zerbrach: W\u00e4hrend der antisemitischen Kampagne 1968 ging seine Frau mit den Kindern nach Paris, er blieb. Das war eine bewusste Entscheidung. Er f\u00fchlte sich als Pole und beanspruchte f\u00fcr sich das Recht, in Polen zu leben wie jeder andere, und wollte sich von niemandem vorschreiben lassen, was er zu tun habe.<br \/><br \/><em><strong>Wie Julian Tuwim, der in seinem ergreifenden Gedicht \u201eWir, die polnischen Juden\u201c schreibt: \u201eIch bin Pole, weil es mir gef\u00e4llt\u201c. Es war Krieg, Tuwim lebte in London, seine Mutter starb im Ghetto, doch er erkl\u00e4rte, warum er Pole sein m\u00f6chte \u2013 mit j\u00fcdischen Wurzeln, von denen er sich nicht loszusagen gedachte.<\/strong><\/em><br \/>Leute wie Tuwim, litauische Juden, hatten eigentlich keinen Grund, sich als polnische Staatsb\u00fcrger zu f\u00fchlen, schlie\u00dflich wurden sie auf russischem Staatsgebiet geboren, gro\u00dfenteils auch im Umfeld der russischen Kultur. Und doch w\u00e4hlten sie Polen.<br \/><br \/><em><strong>Sie haben gesagt, man habe nicht Deutschen entscheiden lassen wollen, welches Warschau besser und welches schlechter sei, es habe nur eine Hauptstadt gegeben. F\u00fcr manche Leute gab es w\u00e4hrend des Kriegs aber doch zwei Warschaus. Mein Vater h\u00f6rte als Zehnj\u00e4hriger an der Mauer zum brennenden Ghetto den Satz: \u201eDie J\u00fcdlein schmoren.\u201c Jan Nowak-Jeziora\u0144ski erinnert sich, dass bei der Stra\u00dfenbahnfahrt durchs Ghetto die anderen Passagiere gleichg\u00fcltig den Blick von ausgehungerten Menschen abwandten. Und es gibt das Bild des Karussells an der Ghettomauer in Czes\u0142aw Mi\u0142oszs Gedicht \u201eCampo di Fiori\u201c.<\/strong><\/em><br \/>Vom 19. April an war ich t\u00e4glich unweit der Ghettomauer unterwegs, in der Gegend der Bonifraterska und des Krasi\u0144ski-Platzes. Ich traf Vertreter der j\u00fcdischen Organisationen. Ich beobachtete, was geschah \u2013 als Konspirant, aber auch als Warschauer und Augenzeuge. Und ich w\u00fcrde unterstreichen, was Jitzchak Zuckerman viele Jahre sp\u00e4ter \u00fcber die Stimmung au\u00dferhalb des Ghettos geschrieben hat: Dass es viel Sympathie f\u00fcr die Juden gab, weil sie gegen die Deutschen k\u00e4mpften und weil man von ihrem Mut und ihrer Kraft beeindruckt war. Dennoch, auch das schreibt Zuckerman, gab es auch \u201eLeute, vor allem aus der Halbwelt, f\u00fcr die wir nur Ungeziefer waren, das aus den brennenden H\u00e4usern sprang. Doch das darf man nicht verallgemeinern. Ich selbst habe Polen gesehen, die weinten. Die dastanden und weinten.\u201c Zuckerman stand in derselben Menge an der Ghettomauer wie ich. Sein Bericht ist objektiv. Zu oft hei\u00dft es, es habe zwar anst\u00e4ndige Leute gegeben, aber die Mehrheit habe gleichg\u00fcltig oder unwillig auf das Ghetto geschaut. Es stimmt, dass an der Ghettomauer Gestapospitzel standen. Ich wei\u00df es, denn ich habe sie gesehen. Ala Edelman h\u00f6rte ansonsten rechtschaffene Leute schreckliche Dinge \u00fcber die Juden sagen. Ich habe derlei nicht geh\u00f6rt.<br \/><br \/><em><strong>Die \u017begota hat den Juden geholfen, aber ich sch\u00e4me mich f\u00fcr die Schmalzowniks und Spitzel. F\u00fcr die Gleichg\u00fcltigkeit und Verachtung der Menschen.<\/strong><\/em><br \/>Ich sch\u00e4me mich nicht, denn ich habe nichts getan, wof\u00fcr ich mich sch\u00e4men m\u00fcsste.<br \/><br \/><em><strong>Ich sch\u00e4me mich f\u00fcr die B\u00fcrger meines Landes.<\/strong><\/em><br \/>Meine Liebe, so gesehen m\u00fcssten sich die Franzosen wegen Petain und Laval an die Brust schlagen. Kardinal Jean-Marie Lustiger hat mir einmal gesagt: \u201eMeine j\u00fcdische Familie stammt aus B\u0119dzin, meine Mutter und meine Schwester wurden von der Vichy-Polizei verhaftet und an die Deutschen \u00fcbergeben. Beide starben in Birkenau. Ich bin Erzbischof von Paris. Soll ich mich f\u00fcr den erzkatholischen Petain sch\u00e4men? Seine Schuld auf mich nehmen?\u201c Sie k\u00f6nnen nicht f\u00fcr jedermann Verantwortung \u00fcbernehmen.<br \/><br \/><em><strong>Patriotismus ist das Gef\u00fchl von Gemeinschaft.<\/strong><\/em><br \/>Aber ein Volk besteht nicht nur aus Engeln, sonst m\u00fcsste niemand selig gesprochen, kanonisiert oder auf andere Weise ausgezeichnet werden.<br \/><br \/><em><strong>Sie haben mit anderen gegen den Politologen und Historiker Krzysztof Jasiewicz von der Polnischen Akademie der Wissenschaften protestiert, der \u00f6ffentlich behauptet, die Juden tr\u00fcgen selbst die Schuld am Holocaust.<\/strong><\/em><br \/>Nat\u00fcrlich, das ist Antisemitismus, Herr Jasiewicz muss die Konsequenzen seiner Worte tragen. Zumal er den Professorentitel f\u00fchrt. Es kann nicht sein, dass jeder herausposaunt, was ihm gerade auf der Zunge liegt. Mit der Freiheit w\u00e4chst die Verantwortung. Auch die Verantwortung f\u00fcr das Wort \u2013 das ist der Pr\u00fcfstein der Demokratie. Leider ist dieser Antisemitismus nicht neu. Er ist die Norm, und es gibt L\u00e4nder, etwa das schon erw\u00e4hnte Frankreich, in denen er st\u00e4rker ist als in Polen. Man muss die Menschen kontinuierlich bilden, erziehen, ihnen ein Beispiel geben. Eine andere L\u00f6sung sehe ich nicht.<br \/><br \/><em><strong>Barbara Engelking, die sich als Historikerin mit der Geschichte der Juden befasst, ist dagegen, dass neben dem Museum f\u00fcr die Geschichte der Polnischen Juden auf dem Terrain des ehemaligen Ghettos ein Denkmal f\u00fcr die Gerechten \u2013 Polen, die Juden retteten \u2013 errichtet wird. Im Ghetto solle man sich auf das Gedenken an die Juden konzentrieren.<\/strong><\/em><br \/>Das sehe ich anders. Die schlichte Wand mit den Namen der anerkannten Gerechten ist ein sch\u00f6nes Beispiel der Solidarit\u00e4t. Wem sollte sie schaden? Auch Professor Adam Rotfeld, der als Kind aus dem Holocaust gerettet wurde, ist der Meinung, die Polen, die w\u00e4hrend der Schoa ihren Nachbarn und Freunden, aber auch Fremden die Hand ausstreckten, h\u00e4tten ein Denkmal verdient. Die Initiative zu diesem Denkmal ging ja auch von herausragenden Vertretern der j\u00fcdischen Gemeinde aus. Und wenn auf dem Terrain des Ghettos Platz ist, um an den anst\u00e4ndigen Deutschen Willy Brandt zu erinnern, warum dann nicht auch an anst\u00e4ndige Polen?<br \/><br \/><em><strong>Kann man nach dem Ende der kommunistischen Geschichtsklitterung den Aufstand im Warschauer Ghetto nun endlich offen als Teil der polnischen Geschichte bezeichnen?<\/strong><\/em><br \/>Gewiss. Ich habe das schon vor f\u00fcnfzig Jahren in meinem Buch \u201eDie 1859 Tage von Warschau\u201c getan. Von der Errichtung des Ghettos bis zur endg\u00fcltigen Liquidierung beschreibe ich alle Ereignisse im j\u00fcdischen Viertel parallel zum Geschehen im arischen Teil. Denn es war eine Stadt. Und in diesem Sinne war es ein polnischer Aufstand. Ein gemeinsamer Kampf. Der Appell vom 23. April 1943, der um die Welt ging, beginnt mit den Worten: \u201ePolen, B\u00fcrger, Freiheitsk\u00e4mpfer!\u201c Dann folgen eine Chronik der Ereignisse im Ghetto und die Worte vom \u201eKampf f\u00fcr unsere und eure Freiheit\u201c \u2013 geschrieben von Ignacy Samsonowicz vom Bund in den R\u00e4umen der \u017begota in der \u017burawia-Stra\u00dfe, wo er untergeschl\u00fcpft war. Am Warschauer Aufstand 1944 beteiligten die Juden sich ebenfalls im Geiste der polnischen Gemeinschaft. Zuckerman rief in der Aufstandspresse die j\u00fcdische Jugend zum Kampf auf: \u201eEin Jahr nach dem ruhmreichen Widerstand in den Ghettos und Arbeitslagern, nach der Verteidigung unseres Lebens und unserer W\u00fcrde k\u00e4mpfen wir heute gemeinsam mit dem ganzen polnischen Volk f\u00fcr die Freiheit. Niemand darf dabei abseits stehen. F\u00fcr ein freies, souver\u00e4nes, starkes und gerechtes Polen.\u201c<br \/>Das Museum f\u00fcr die Geschichte der Polnischen Juden in Warschau ist ein Museum des Lebens, der gemeinsamen Geschichte von Polen und Juden als Teil der polnischen Geschichte. Der Kleinst\u00e4dte mit f\u00fcnfzig oder achtzig Prozent j\u00fcdischen Einwohnern. In den meisten F\u00e4llen lebten die Menschen dort eintr\u00e4chtig zusammen.<br \/>Stanis\u0142aw Lem, Stanis\u0142aw Jerzy Lec, Marian Hemar oder Julian Tuwim sind f\u00fcr mich normale polnische Intellektuelle. Sie wurden im Kult der polnischen Literatur erzogen wie etwa auch der Jurist Gideon Hausner, der mit seinem Vater, einem Diplomaten, als Vierzehnj\u00e4hriger nach Pal\u00e4stina ging, und den ich Jahre sp\u00e4ter, als ich ihm am Rande des Eichmann-Prozesses begegnete, ein sch\u00f6nes Polnisch mit makellosem Lemberger sprechen h\u00f6rte. Es bewegt mich, wenn ich h\u00f6re, dass in der ersten Legislaturperiode der Knesset in Jerusalem die Abgeordneten f\u00fcrchterlich stritten. Vierzig Prozent von ihnen kamen aus Polen, das war die polnische Streitsucht! Ich bin auch ger\u00fchrt, wenn man mir sagt, dass in israelischen H\u00e4usern Polnisch gesprochen wird. Oder wenn Zbigniew Brzezi\u0144ski daran erinnert, wie der konservative israelische Politiker Menachem Begin, das hei\u00dft Mietek Biegun aus Brest-Litowsk, in Camp David pl\u00f6tzlich vom Englischen ins Polnische wechselte.<br \/>Ich schreibe und spreche \u00fcber diese Menschen, solange ich kann, weil ich mich ihnen verpflichtet f\u00fchle \u2013 zumal denen, die daran glaubten, dass es sich lohnt, anst\u00e4ndig zu bleiben. Um jeden Preis. Nicht mehr und nicht weniger.<br \/><br \/>Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u00a0 Di 23.04.2013 &#8211; Mo 29.04.2013 Gie\u00dfen, Essen, Frankfurt\/Main Eine Veranstaltung anl\u00e4sslich des 70. Jahrestages des Aufstand im Warschauer Ghetto.Buchpr\u00e4sentation und Gespr\u00e4ch mit\u00a0Paula Sawicka\u00a0\u00fcber Marek Edelman und sein Buch \u201eDie Liebe im Ghetto\u201c. 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Eindringlich l\u00e4sst Edelman seine Erinnerungen an das Ghetto lebendig werden. Hier rettete er Gef\u00e4hrten vor der Deportation und gab unter Einsatz seines Lebens das Untergrund-Bulletin heraus. Hier erfuhr er aber auch Zusammenhalt im Angesicht der Gefahr, erlebte bewegende Momente der Liebe, der Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern, zwischen jungen und \u00e4lteren Liebenden.Als Marek Edelman 2009 starb, schrieb Die Welt: \u00bbEdelman erz\u00e4hlte seiner Gef\u00e4hrtin aus dem liberalen Solidarno\u015b\u0107-Milieu Paula Sawicka, wonach ihn bisher noch niemand gefragt hat: Liebesgeschichten aus dem Warschauer Ghetto, wahre Begebenheiten. Das ist sein Verm\u00e4chtnis.\u201cMarek Edelman wurde 1921 in Warschau geboren. Er war einer der Anf\u00fchrer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Nach Kriegsende studierte Edelman Medizin und wurde Kardiologe. Sp\u00e4ter engagierte er sich in der Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107. Erst 1976 brach er sein langes Schweigen \u00fcber die Zeit im Ghetto. Die Geschichte seines Lebens wurde mehrfach verfilmt. Marek Edelman starb 2009.Paula Sawicka\u00a0ist Psychologin, Dozentin, \u00dcbersetzerin aus dem Englischen. In den 70-ger und 80-ger Jahren engagierte sie sich aktiv in der demokratischen Opposition und wirkte nach 1989 an der Schaffung eines neuen, freien Polens mit. Seit 2004 ist die Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft Offene Republik.Kooperation: Gie\u00dfener Zentrum \u00d6stliches Europa (GIZO) der Universit\u00e4t Gie\u00dfen, Universit\u00e4tsbibliothek Gie\u00dfen, J\u00fcdisches Museum Frankfurt, Universit\u00e4t Frankfurt, Alte Synagoge Essen, Verlag Sch\u00f6ffling &amp; CoDer Aufstand im Warschauer Ghetto \u2013 ein zutiefst polnischer AufstandW\u0142adys\u0142aw Bartoszewski im Gespr\u00e4ch mit Aleksandra Klich und Jaros\u0142aw Kurski(Gazeta Wyborcza, 12. April 2013)Warschau, 19. April 1943. An einem Haus am Muranowski-Platz h\u00e4ngen zwei Flaggen: die wei\u00df-blaue j\u00fcdische und die wei\u00df-rote polnische. Es ist ein Haus im Ghetto, in dem an diesem Tag die Juden den Aufstand beginnen. Erinnern Sie sich an diese Flaggen?W\u0142adys\u0142aw Bartoszewski: Nat\u00fcrlich. Sie hingen so hoch, dass man sie aus der Stra\u00dfenbahn, mit der ich nach \u017bolib\u00f3rz fuhr, gut sehen konnte. Auf der Ghetto-Seite k\u00e4mpfte ein Trupp des J\u00fcdischen Milit\u00e4rverbands, auf der arischen Seite, von der Bonifaterska her, liefen die Leute zusammen. Sie waren offensichtlich bewegt.Ein spezieller Sturmtrupp attackierte auf Befehl des SS-Generals J\u00fcrgen Stroop die j\u00fcdischen Stellungen und nahm am 20. April nach einem verbissenen Kampf die Flaggen ab. Stroop erw\u00e4hnt das in seinem Bericht. Er schreibt, dass in diesem Kampf ein SS-Untersturmf\u00fchrer Dehmke fiel.Die nebeneinanderh\u00e4ngenden Flaggen waren ein Symbol der Gemeinschaft. Die Deutschen hatten nicht zu entscheiden, welches Warschau besser sei und welches schlechter. Es gab nur ein Warschau.Der Aufstand im Ghetto war der erste Warschauer Aufstand?Zweifellos wurde mehrere Wochen im Zentrum der Stadt verbissen gek\u00e4mpft, die erste gro\u00dfe bewaffnete Aktion in den Warschauer Stra\u00dfen seit dem Beginn der Besatzung im September 1939. Mordechaj Anielewicz, Deckname \u201eAnio\u0142ek\u201c, der Anf\u00fchrer der Aktion im Zentrum des Ghettos schrieb seinem Stellvertreter Jitzhak \u201eAntek\u201c Zuckerman, der sich auf der arischen Seite aufhielt: \u201eMein Lebenstraum hat sich erf\u00fcllt. Die j\u00fcdische Selbstverteidigung im Ghetto ist ein Faktum. Der bewaffnete j\u00fcdische Widerstand und die j\u00fcdische Vergeltung sind Wirklichkeit geworden. Ich habe gesehen, wie wunderbar heldenhaft j\u00fcdische Truppen k\u00e4mpften.\u201c Was Anielewicz schlicht \u201eSelbstverteidigung\u201c nannte, bezeichneten die Nazis, die in den ersten Stunden vom Widerstand der Juden \u00fcberrascht waren und panisch reagierten, in einer Depesche nach Berlin als \u201egut organisierten Aufstand\u201c. Es kommt also auf den Standpunkt an, von dem aus man die Absicht und die Folgen betrachtet.Sie arbeiteten damals in der \u017begota, dem Rat f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Juden. Waren Sie \u00fcberrascht, dass die Juden zu den Waffen griffen? Es hie\u00df ja \u2013 Marek Edelman erinnert daran, einer der Anf\u00fchrer des Aufstands \u2013, sie k\u00f6nnten nicht schie\u00dfen, ihnen Gewehre zu geben, w\u00e4re Verschwendung.Nein, wir waren kein bisschen, wir hatten damit gerechnet. Denn erstens kamen die Waffen von uns, entweder von der Heimatarmee oder vom Schwarzmarkt \u2013 wir hatten ja selbst kaum welche. Und zweitens gab es im Ghetto Unteroffiziere der Reserve; es war klar, dass sie sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur Wehr setzen w\u00fcrden.Im Ghetto herrschten furchtbare Zust\u00e4nde. Die Deutschen hatten schon 1942 fast die gesamte Bev\u00f6lkerung ins Vernichtungslager gebracht. Geblieben waren die f\u00fcnfzig- bis sechzigtausend J\u00fcngsten und Ges\u00fcndesten. Zweihundert von ihnen entschlossen sich zur Selbstverteidigung und agitierten die \u00fcbrigen. Die erste Aktion gab es im Januar 1943, als die Deutschen achttausend Menschen nach Treblinka deportieren wollten. Ab da mussten die Deutschen mit weiterem Widerstand rechnen, aber sie ahnten nicht, wie entschlossen die Juden waren. Dass sie dank der Heimatarmee bewaffnet waren und ihre Haut so teuer wie m\u00f6glich verkaufen wollten.Es waren also die polnischen Juden, die sich als erste gegen die Deutschen erhoben. Mehr als ein Jahr vor Ausbruch des Warschauer Aufstands.Sie wurden als erste vor eine endg\u00fcltige Wahl gestellt: Sich entweder abschlachten zu lassen oder sich zu wehren, laut aufzuschreien: \u201eIch lasse das nicht zu!\u201c Sie w\u00e4hlten die zweite M\u00f6glichkeit. Wie es die J\u00fcdische Kampforganisation in einem Appell vom 4. Dezember 1942 angek\u00fcndigt hatte: \u201eDer Hitlerismus hat die Ausl\u00f6schung aller Juden zum Ziel. Wir wollen in dieser Situation kein Dreck, kein Gew\u00fcrm sein. Helft euch gegenseitig. Seid bereit, euer Leben zu verteidigen. Denkt immer daran, dass auch wir \u2013 die j\u00fcdische Zivilbev\u00f6lkerung \u2013 an der Front f\u00fcr Freiheit und Menschlichkeit k\u00e4mpfen.\u201cF\u00fcr mich liegt die Gr\u00f6\u00dfe des Ghettoaufstands, dass es ein v\u00f6llig aussichtsloser Kampf war. Ein typisch polnischer Kampf um die Ehre. Die Ehre gebietet einem Mann, \u201eNein!\u201c zu sagen, wenn Schw\u00e4chere sterben: Frauen, Kinder, Greise. Sie zu verteidigen, bis zuletzt, auch um den Preis des eigenen Lebens. Diese Haltung f\u00fchrte zum Aufstand im Warschauer Ghetto.Der Warschauer Aufstand indes erwuchs aus anderen Motiven. Er war Teil der Strategie einer der alliierten Armeen, der Heimatarmee. F\u00fcr uns, die Polen im arischen Teil Warschaus, war im Sommer 1944 der Aufstand eine nationale Notwendigkeit, wir wollten beweisen, dass wir unsere Hauptstadt selbst befreien k\u00f6nnen.Die polnischen Juden, die ein Jahr fr\u00fcher zu den Waffen griffen, hatten keine Chance. Die Front war fern, knapp westlich der Wolga. Sie konnten nicht auf Unterst\u00fctzung aus der Luft hoffen. Sie verfolgten keine strategischen Ziele. Wenn man also \u00fcber die Sinnhaftigkeit des Warschauer Aufstandes streiten kann, so ist der Sinn des Aufstands im Warschauer Ghetto eindeutig: Er war ein Brandopfer. Ein Masada ohne jegliche Hoffnung. Aus diesem Grund wurde in Israel der Ghettoaufstand lange geringgesch\u00e4tzt. Man sch\u00e4mte sich seiner sogar. Der Staat Israel zog seine St\u00e4rke aus milit\u00e4rischen Siegen, nicht aus Niederlagen, selbst wenn es moralische Siege waren. Der Ghettoaufstand passte nicht in dieses Bild.Zum 45. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto schrieb Lech Wa\u0142\u0119sa an Marek Edelman, es handele sich vielleicht um den polnischsten aller polnischen Aufst\u00e4nde.Und er hat recht. Einen derart in der romantischen Tradition wurzelnden Aufstand konnten nur die polnischen Juden organisieren. Ich betone: die polnischen. In keinem anderen von Hitler besetzten Land war ein derartiger polnisch-j\u00fcdischer Irrsinn denkbar.Die Organisatoren des Aufstands, zumal der Bund mit Marek Edelman, wollten mit der Heimatarmee kooperieren. Das gelang nicht ganz.Die Heimatarmee war nicht darauf eingestellt, das Ghetto zu retten, was viele Leute schmerzte. Das hatte verschiedene Gr\u00fcnde. Ein erster Schlag war im M\u00e4rz 1943 die Verhaftung von Arje Wilner, einem Verbindungsmann aus dem Ghetto, der uns kontaktierte, um etwa Waffen f\u00fcr die Juden zu organisieren. Man muss nicht dar\u00fcber streiten, wie viele sie bekamen, wir hatten selbst fast keine. Und selbst wenn es f\u00fcnf Mal so viele Pistolen gewesen w\u00e4ren, w\u00e4ren h\u00f6chsten ein paar Deutsche mehr gestorben, das Ghetto h\u00e4tte es nicht gerettet. Wilner verriet keine Namen, aber als Verbindungsmann war er verloren. Das schw\u00e4chte die polnisch-j\u00fcdischen Kontakte. Die zweite Sache war, dass der Ghettoaufstand f\u00fcr die Heimatarmee zu fr\u00fch ausbrach. Das hatten die Deutschen mit immer neuen Deportationen erzwungen. Vom bevorstehenden Aufstand erfuhr die Heimatarmee erst wenige Tage, bevor er ausbrach.H\u00e4tte die Heimatarmee den j\u00fcdischen Aufst\u00e4ndischen \u00fcberhaupt helfen k\u00f6nnen?Wie denn? Einen Aufstand in ganz Warschau machen? Bei all den deutschen Kr\u00e4ften und ohne Aussicht auf Hilfe von au\u00dfen? Die vom Untergrund durchsetzte Stadt aufs Spiel setzen? Das Ghetto war nicht zu retten, h\u00f6chstens einzelne Personen. Man versuchte es auch. Im Bericht \u00fcber die Zerst\u00f6rung des j\u00fcdischen Viertels erw\u00e4hnt Stroop mehrfach die Kooperation der Polen mit den k\u00e4mpfenden Juden sowie Angriffe von \u201epolnischen Banditen\u201c auf Deutsche au\u00dferhalb des Ghettos. Es w\u00e4re leichter gewesen, wenn die Juden bereit gewesen w\u00e4ren, das Ghetto zu verlassen, aber sie wollten bis zuletzt dort ausharren, solange noch die Chance bestand, einen Deutschen zu erwischen. Die Juden k\u00e4mpften einen aussichtslosen Kampf allein f\u00fcr ihre Werte. Dessen waren sie sich voll bewusst. Es waren kluge und intelligente Leute, die wussten, was sie taten.Edelman h\u00e4tte aus dem Ghetto fliehen k\u00f6nnen. Er tat es nicht, sondern blieb und k\u00e4mpfte. Aus Verantwortungsbewusstsein: \u201eWer A sagt, muss auch B sagen\u201c, sagte er immer. Aus diesem Grund beteiligte er sich \u2013 als Pole j\u00fcdischer Abstammung \u2013 auch am Warschauer Aufstand. Erst k\u00e4mpfte er f\u00fcr das Lebensrecht der Juden, dann f\u00fcr Polen.Menschen wie Marek Edelman sind ein Schatz. Sein Verhalten und seine Einstellung zeigen, dass es sich lohnt, anst\u00e4ndig zu bleiben. Edelman schwebte eine Gemeinschaft vor, die nicht durch Rasse, Weltanschauung, Ethnie oder Nationalit\u00e4t geeint wird, sondern durch den humanen Kampf gegen das B\u00f6se und f\u00fcr die Armen und Schwachen. Ich lernte kennen, nachdem ich aus dem Gef\u00e4ngnis kam, 1956 oder 1957. Mir imponierte seine unglaubliche Konsequenz, die ihn zu einem gro\u00dfen Menschen machte, an der aber auch seine Familie zerbrach: W\u00e4hrend der antisemitischen Kampagne 1968 ging seine Frau mit den Kindern nach Paris, er blieb. Das war eine bewusste Entscheidung. Er f\u00fchlte sich als Pole und beanspruchte f\u00fcr sich das Recht, in Polen zu leben wie jeder andere, und wollte sich von niemandem vorschreiben lassen, was er zu tun habe.Wie Julian Tuwim, der in seinem ergreifenden Gedicht \u201eWir, die polnischen Juden\u201c schreibt: \u201eIch bin Pole, weil es mir gef\u00e4llt\u201c. Es war Krieg, Tuwim lebte in London, seine Mutter starb im Ghetto, doch er erkl\u00e4rte, warum er Pole sein m\u00f6chte \u2013 mit j\u00fcdischen Wurzeln, von denen er sich nicht loszusagen gedachte.Leute wie Tuwim, litauische Juden, hatten eigentlich keinen Grund, sich als polnische Staatsb\u00fcrger zu f\u00fchlen, schlie\u00dflich wurden sie auf russischem Staatsgebiet geboren, gro\u00dfenteils auch im Umfeld der russischen Kultur. Und doch w\u00e4hlten sie Polen.Sie haben gesagt, man habe nicht Deutschen entscheiden lassen wollen, welches Warschau besser und welches schlechter sei, es habe nur eine Hauptstadt gegeben. F\u00fcr manche Leute gab es w\u00e4hrend des Kriegs aber doch zwei Warschaus. Mein Vater h\u00f6rte als Zehnj\u00e4hriger an der Mauer zum brennenden Ghetto den Satz: \u201eDie J\u00fcdlein schmoren.\u201c Jan Nowak-Jeziora\u0144ski erinnert sich, dass bei der Stra\u00dfenbahnfahrt durchs Ghetto die anderen Passagiere gleichg\u00fcltig den Blick von ausgehungerten Menschen abwandten. Und es gibt das Bild des Karussells an der Ghettomauer in Czes\u0142aw Mi\u0142oszs Gedicht \u201eCampo di Fiori\u201c.Vom 19. April an war ich t\u00e4glich unweit der Ghettomauer unterwegs, in der Gegend der Bonifraterska und des Krasi\u0144ski-Platzes. Ich traf Vertreter der j\u00fcdischen Organisationen. Ich beobachtete, was geschah \u2013 als Konspirant, aber auch als Warschauer und Augenzeuge. Und ich w\u00fcrde unterstreichen, was Jitzchak Zuckerman viele Jahre sp\u00e4ter \u00fcber die Stimmung au\u00dferhalb des Ghettos geschrieben hat: Dass es viel Sympathie f\u00fcr die Juden gab, weil sie gegen die Deutschen k\u00e4mpften und weil man von ihrem Mut und ihrer Kraft beeindruckt war. Dennoch, auch das schreibt Zuckerman, gab es auch \u201eLeute, vor allem aus der Halbwelt, f\u00fcr die wir nur Ungeziefer waren, das aus den brennenden H\u00e4usern sprang. Doch das darf man nicht verallgemeinern. Ich selbst habe Polen gesehen, die weinten. Die dastanden und weinten.\u201c Zuckerman stand in derselben Menge an der Ghettomauer wie ich. Sein Bericht ist objektiv. Zu oft hei\u00dft es, es habe zwar anst\u00e4ndige Leute gegeben, aber die Mehrheit habe gleichg\u00fcltig oder unwillig auf das Ghetto geschaut. Es stimmt, dass an der Ghettomauer Gestapospitzel standen. Ich wei\u00df es, denn ich habe sie gesehen. Ala Edelman h\u00f6rte ansonsten rechtschaffene Leute schreckliche Dinge \u00fcber die Juden sagen. Ich habe derlei nicht geh\u00f6rt.Die \u017begota hat den Juden geholfen, aber ich sch\u00e4me mich f\u00fcr die Schmalzowniks und Spitzel. F\u00fcr die Gleichg\u00fcltigkeit und Verachtung der Menschen.Ich sch\u00e4me mich nicht, denn ich habe nichts getan, wof\u00fcr ich mich sch\u00e4men m\u00fcsste.Ich sch\u00e4me mich f\u00fcr die B\u00fcrger meines Landes.Meine Liebe, so gesehen m\u00fcssten sich die Franzosen wegen Petain und Laval an die Brust schlagen. Kardinal Jean-Marie Lustiger hat mir einmal gesagt: \u201eMeine j\u00fcdische Familie stammt aus B\u0119dzin, meine Mutter und meine Schwester wurden von der Vichy-Polizei verhaftet und an die Deutschen \u00fcbergeben. Beide starben in Birkenau. Ich bin Erzbischof von Paris. Soll ich mich f\u00fcr den erzkatholischen Petain sch\u00e4men? Seine Schuld auf mich nehmen?\u201c Sie k\u00f6nnen nicht f\u00fcr jedermann Verantwortung \u00fcbernehmen.Patriotismus ist das Gef\u00fchl von Gemeinschaft.Aber ein Volk besteht nicht nur aus Engeln, sonst m\u00fcsste niemand selig gesprochen, kanonisiert oder auf andere Weise ausgezeichnet werden.Sie haben mit anderen gegen den Politologen und Historiker Krzysztof Jasiewicz von der Polnischen Akademie der Wissenschaften protestiert, der \u00f6ffentlich behauptet, die Juden tr\u00fcgen selbst die Schuld am Holocaust.Nat\u00fcrlich, das ist Antisemitismus, Herr Jasiewicz muss die Konsequenzen seiner Worte tragen. Zumal er den Professorentitel f\u00fchrt. Es kann nicht sein, dass jeder herausposaunt, was ihm gerade auf der Zunge liegt. Mit der Freiheit w\u00e4chst die Verantwortung. Auch die Verantwortung f\u00fcr das Wort \u2013 das ist der Pr\u00fcfstein der Demokratie. Leider ist dieser Antisemitismus nicht neu. Er ist die Norm, und es gibt L\u00e4nder, etwa das schon erw\u00e4hnte Frankreich, in denen er st\u00e4rker ist als in Polen. Man muss die Menschen kontinuierlich bilden, erziehen, ihnen ein Beispiel geben. Eine andere L\u00f6sung sehe ich nicht.Barbara Engelking, die sich als Historikerin mit der Geschichte der Juden befasst, ist dagegen, dass neben dem Museum f\u00fcr die Geschichte der Polnischen Juden auf dem Terrain des ehemaligen Ghettos ein Denkmal f\u00fcr die Gerechten \u2013 Polen, die Juden retteten \u2013 errichtet wird. Im Ghetto solle man sich auf das Gedenken an die Juden konzentrieren.Das sehe ich anders. Die schlichte Wand mit den Namen der anerkannten Gerechten ist ein sch\u00f6nes Beispiel der Solidarit\u00e4t. Wem sollte sie schaden? Auch Professor Adam Rotfeld, der als Kind aus dem Holocaust gerettet wurde, ist der Meinung, die Polen, die w\u00e4hrend der Schoa ihren Nachbarn und Freunden, aber auch Fremden die Hand ausstreckten, h\u00e4tten ein Denkmal verdient. Die Initiative zu diesem Denkmal ging ja auch von herausragenden Vertretern der j\u00fcdischen Gemeinde aus. Und wenn auf dem Terrain des Ghettos Platz ist, um an den anst\u00e4ndigen Deutschen Willy Brandt zu erinnern, warum dann nicht auch an anst\u00e4ndige Polen?Kann man nach dem Ende der kommunistischen Geschichtsklitterung den Aufstand im Warschauer Ghetto nun endlich offen als Teil der polnischen Geschichte bezeichnen?Gewiss. Ich habe das schon vor f\u00fcnfzig Jahren in meinem Buch \u201eDie 1859 Tage von Warschau\u201c getan. Von der Errichtung des Ghettos bis zur endg\u00fcltigen Liquidierung beschreibe ich alle Ereignisse im j\u00fcdischen Viertel parallel zum Geschehen im arischen Teil. Denn es war eine Stadt. Und in diesem Sinne war es ein polnischer Aufstand. Ein gemeinsamer Kampf. Der Appell vom 23. April 1943, der um die Welt ging, beginnt mit den Worten: \u201ePolen, B\u00fcrger, Freiheitsk\u00e4mpfer!\u201c Dann folgen eine Chronik der Ereignisse im Ghetto und die Worte vom \u201eKampf f\u00fcr unsere und eure Freiheit\u201c \u2013 geschrieben von Ignacy Samsonowicz vom Bund in den R\u00e4umen der \u017begota in der \u017burawia-Stra\u00dfe, wo er untergeschl\u00fcpft war. Am Warschauer Aufstand 1944 beteiligten die Juden sich ebenfalls im Geiste der polnischen Gemeinschaft. Zuckerman rief in der Aufstandspresse die j\u00fcdische Jugend zum Kampf auf: \u201eEin Jahr nach dem ruhmreichen Widerstand in den Ghettos und Arbeitslagern, nach der Verteidigung unseres Lebens und unserer W\u00fcrde k\u00e4mpfen wir heute gemeinsam mit dem ganzen polnischen Volk f\u00fcr die Freiheit. Niemand darf dabei abseits stehen. F\u00fcr ein freies, souver\u00e4nes, starkes und gerechtes Polen.\u201cDas Museum f\u00fcr die Geschichte der Polnischen Juden in Warschau ist ein Museum des Lebens, der gemeinsamen Geschichte von Polen und Juden als Teil der polnischen Geschichte. Der Kleinst\u00e4dte mit f\u00fcnfzig oder achtzig Prozent j\u00fcdischen Einwohnern. In den meisten F\u00e4llen lebten die Menschen dort eintr\u00e4chtig zusammen.Stanis\u0142aw Lem, Stanis\u0142aw Jerzy Lec, Marian Hemar oder Julian Tuwim sind f\u00fcr mich normale polnische Intellektuelle. Sie wurden im Kult der polnischen Literatur erzogen wie etwa auch der Jurist Gideon Hausner, der mit seinem Vater, einem Diplomaten, als Vierzehnj\u00e4hriger nach Pal\u00e4stina ging, und den ich Jahre sp\u00e4ter, als ich ihm am Rande des Eichmann-Prozesses begegnete, ein sch\u00f6nes Polnisch mit makellosem Lemberger sprechen h\u00f6rte. Es bewegt mich, wenn ich h\u00f6re, dass in der ersten Legislaturperiode der Knesset in Jerusalem die Abgeordneten f\u00fcrchterlich stritten. Vierzig Prozent von ihnen kamen aus Polen, das war die polnische Streitsucht! Ich bin auch ger\u00fchrt, wenn man mir sagt, dass in israelischen H\u00e4usern Polnisch gesprochen wird. Oder wenn Zbigniew Brzezi\u0144ski daran erinnert, wie der konservative israelische Politiker Menachem Begin, das hei\u00dft Mietek Biegun aus Brest-Litowsk, in Camp David pl\u00f6tzlich vom Englischen ins Polnische wechselte.Ich schreibe und spreche \u00fcber diese Menschen, solange ich kann, weil ich mich ihnen verpflichtet f\u00fchle \u2013 zumal denen, die daran glaubten, dass es sich lohnt, anst\u00e4ndig zu bleiben. Um jeden Preis. 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Eindringlich l\u00e4sst Edelman seine Erinnerungen an das Ghetto lebendig werden. Hier rettete er Gef\u00e4hrten vor der Deportation und gab unter Einsatz seines Lebens das Untergrund-Bulletin heraus. Hier erfuhr er aber auch Zusammenhalt im Angesicht der Gefahr, erlebte bewegende Momente der Liebe, der Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern, zwischen jungen und \u00e4lteren Liebenden.Als Marek Edelman 2009 starb, schrieb Die Welt: \u00bbEdelman erz\u00e4hlte seiner Gef\u00e4hrtin aus dem liberalen Solidarno\u015b\u0107-Milieu Paula Sawicka, wonach ihn bisher noch niemand gefragt hat: Liebesgeschichten aus dem Warschauer Ghetto, wahre Begebenheiten. Das ist sein Verm\u00e4chtnis.\u201cMarek Edelman wurde 1921 in Warschau geboren. Er war einer der Anf\u00fchrer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Nach Kriegsende studierte Edelman Medizin und wurde Kardiologe. Sp\u00e4ter engagierte er sich in der Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107. Erst 1976 brach er sein langes Schweigen \u00fcber die Zeit im Ghetto. Die Geschichte seines Lebens wurde mehrfach verfilmt. Marek Edelman starb 2009.Paula Sawicka\u00a0ist Psychologin, Dozentin, \u00dcbersetzerin aus dem Englischen. In den 70-ger und 80-ger Jahren engagierte sie sich aktiv in der demokratischen Opposition und wirkte nach 1989 an der Schaffung eines neuen, freien Polens mit. Seit 2004 ist die Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft Offene Republik.Kooperation: Gie\u00dfener Zentrum \u00d6stliches Europa (GIZO) der Universit\u00e4t Gie\u00dfen, Universit\u00e4tsbibliothek Gie\u00dfen, J\u00fcdisches Museum Frankfurt, Universit\u00e4t Frankfurt, Alte Synagoge Essen, Verlag Sch\u00f6ffling &amp; CoDer Aufstand im Warschauer Ghetto \u2013 ein zutiefst polnischer AufstandW\u0142adys\u0142aw Bartoszewski im Gespr\u00e4ch mit Aleksandra Klich und Jaros\u0142aw Kurski(Gazeta Wyborcza, 12. April 2013)Warschau, 19. April 1943. An einem Haus am Muranowski-Platz h\u00e4ngen zwei Flaggen: die wei\u00df-blaue j\u00fcdische und die wei\u00df-rote polnische. Es ist ein Haus im Ghetto, in dem an diesem Tag die Juden den Aufstand beginnen. Erinnern Sie sich an diese Flaggen?W\u0142adys\u0142aw Bartoszewski: Nat\u00fcrlich. Sie hingen so hoch, dass man sie aus der Stra\u00dfenbahn, mit der ich nach \u017bolib\u00f3rz fuhr, gut sehen konnte. Auf der Ghetto-Seite k\u00e4mpfte ein Trupp des J\u00fcdischen Milit\u00e4rverbands, auf der arischen Seite, von der Bonifaterska her, liefen die Leute zusammen. Sie waren offensichtlich bewegt.Ein spezieller Sturmtrupp attackierte auf Befehl des SS-Generals J\u00fcrgen Stroop die j\u00fcdischen Stellungen und nahm am 20. April nach einem verbissenen Kampf die Flaggen ab. Stroop erw\u00e4hnt das in seinem Bericht. Er schreibt, dass in diesem Kampf ein SS-Untersturmf\u00fchrer Dehmke fiel.Die nebeneinanderh\u00e4ngenden Flaggen waren ein Symbol der Gemeinschaft. Die Deutschen hatten nicht zu entscheiden, welches Warschau besser sei und welches schlechter. Es gab nur ein Warschau.Der Aufstand im Ghetto war der erste Warschauer Aufstand?Zweifellos wurde mehrere Wochen im Zentrum der Stadt verbissen gek\u00e4mpft, die erste gro\u00dfe bewaffnete Aktion in den Warschauer Stra\u00dfen seit dem Beginn der Besatzung im September 1939. Mordechaj Anielewicz, Deckname \u201eAnio\u0142ek\u201c, der Anf\u00fchrer der Aktion im Zentrum des Ghettos schrieb seinem Stellvertreter Jitzhak \u201eAntek\u201c Zuckerman, der sich auf der arischen Seite aufhielt: \u201eMein Lebenstraum hat sich erf\u00fcllt. Die j\u00fcdische Selbstverteidigung im Ghetto ist ein Faktum. Der bewaffnete j\u00fcdische Widerstand und die j\u00fcdische Vergeltung sind Wirklichkeit geworden. Ich habe gesehen, wie wunderbar heldenhaft j\u00fcdische Truppen k\u00e4mpften.\u201c Was Anielewicz schlicht \u201eSelbstverteidigung\u201c nannte, bezeichneten die Nazis, die in den ersten Stunden vom Widerstand der Juden \u00fcberrascht waren und panisch reagierten, in einer Depesche nach Berlin als \u201egut organisierten Aufstand\u201c. Es kommt also auf den Standpunkt an, von dem aus man die Absicht und die Folgen betrachtet.Sie arbeiteten damals in der \u017begota, dem Rat f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der Juden. Waren Sie \u00fcberrascht, dass die Juden zu den Waffen griffen? Es hie\u00df ja \u2013 Marek Edelman erinnert daran, einer der Anf\u00fchrer des Aufstands \u2013, sie k\u00f6nnten nicht schie\u00dfen, ihnen Gewehre zu geben, w\u00e4re Verschwendung.Nein, wir waren kein bisschen, wir hatten damit gerechnet. Denn erstens kamen die Waffen von uns, entweder von der Heimatarmee oder vom Schwarzmarkt \u2013 wir hatten ja selbst kaum welche. Und zweitens gab es im Ghetto Unteroffiziere der Reserve; es war klar, dass sie sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur Wehr setzen w\u00fcrden.Im Ghetto herrschten furchtbare Zust\u00e4nde. Die Deutschen hatten schon 1942 fast die gesamte Bev\u00f6lkerung ins Vernichtungslager gebracht. Geblieben waren die f\u00fcnfzig- bis sechzigtausend J\u00fcngsten und Ges\u00fcndesten. Zweihundert von ihnen entschlossen sich zur Selbstverteidigung und agitierten die \u00fcbrigen. Die erste Aktion gab es im Januar 1943, als die Deutschen achttausend Menschen nach Treblinka deportieren wollten. Ab da mussten die Deutschen mit weiterem Widerstand rechnen, aber sie ahnten nicht, wie entschlossen die Juden waren. Dass sie dank der Heimatarmee bewaffnet waren und ihre Haut so teuer wie m\u00f6glich verkaufen wollten.Es waren also die polnischen Juden, die sich als erste gegen die Deutschen erhoben. Mehr als ein Jahr vor Ausbruch des Warschauer Aufstands.Sie wurden als erste vor eine endg\u00fcltige Wahl gestellt: Sich entweder abschlachten zu lassen oder sich zu wehren, laut aufzuschreien: \u201eIch lasse das nicht zu!\u201c Sie w\u00e4hlten die zweite M\u00f6glichkeit. Wie es die J\u00fcdische Kampforganisation in einem Appell vom 4. Dezember 1942 angek\u00fcndigt hatte: \u201eDer Hitlerismus hat die Ausl\u00f6schung aller Juden zum Ziel. Wir wollen in dieser Situation kein Dreck, kein Gew\u00fcrm sein. Helft euch gegenseitig. Seid bereit, euer Leben zu verteidigen. Denkt immer daran, dass auch wir \u2013 die j\u00fcdische Zivilbev\u00f6lkerung \u2013 an der Front f\u00fcr Freiheit und Menschlichkeit k\u00e4mpfen.\u201cF\u00fcr mich liegt die Gr\u00f6\u00dfe des Ghettoaufstands, dass es ein v\u00f6llig aussichtsloser Kampf war. Ein typisch polnischer Kampf um die Ehre. Die Ehre gebietet einem Mann, \u201eNein!\u201c zu sagen, wenn Schw\u00e4chere sterben: Frauen, Kinder, Greise. Sie zu verteidigen, bis zuletzt, auch um den Preis des eigenen Lebens. Diese Haltung f\u00fchrte zum Aufstand im Warschauer Ghetto.Der Warschauer Aufstand indes erwuchs aus anderen Motiven. Er war Teil der Strategie einer der alliierten Armeen, der Heimatarmee. F\u00fcr uns, die Polen im arischen Teil Warschaus, war im Sommer 1944 der Aufstand eine nationale Notwendigkeit, wir wollten beweisen, dass wir unsere Hauptstadt selbst befreien k\u00f6nnen.Die polnischen Juden, die ein Jahr fr\u00fcher zu den Waffen griffen, hatten keine Chance. Die Front war fern, knapp westlich der Wolga. Sie konnten nicht auf Unterst\u00fctzung aus der Luft hoffen. Sie verfolgten keine strategischen Ziele. Wenn man also \u00fcber die Sinnhaftigkeit des Warschauer Aufstandes streiten kann, so ist der Sinn des Aufstands im Warschauer Ghetto eindeutig: Er war ein Brandopfer. Ein Masada ohne jegliche Hoffnung. Aus diesem Grund wurde in Israel der Ghettoaufstand lange geringgesch\u00e4tzt. Man sch\u00e4mte sich seiner sogar. Der Staat Israel zog seine St\u00e4rke aus milit\u00e4rischen Siegen, nicht aus Niederlagen, selbst wenn es moralische Siege waren. Der Ghettoaufstand passte nicht in dieses Bild.Zum 45. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto schrieb Lech Wa\u0142\u0119sa an Marek Edelman, es handele sich vielleicht um den polnischsten aller polnischen Aufst\u00e4nde.Und er hat recht. Einen derart in der romantischen Tradition wurzelnden Aufstand konnten nur die polnischen Juden organisieren. Ich betone: die polnischen. In keinem anderen von Hitler besetzten Land war ein derartiger polnisch-j\u00fcdischer Irrsinn denkbar.Die Organisatoren des Aufstands, zumal der Bund mit Marek Edelman, wollten mit der Heimatarmee kooperieren. Das gelang nicht ganz.Die Heimatarmee war nicht darauf eingestellt, das Ghetto zu retten, was viele Leute schmerzte. Das hatte verschiedene Gr\u00fcnde. Ein erster Schlag war im M\u00e4rz 1943 die Verhaftung von Arje Wilner, einem Verbindungsmann aus dem Ghetto, der uns kontaktierte, um etwa Waffen f\u00fcr die Juden zu organisieren. Man muss nicht dar\u00fcber streiten, wie viele sie bekamen, wir hatten selbst fast keine. Und selbst wenn es f\u00fcnf Mal so viele Pistolen gewesen w\u00e4ren, w\u00e4ren h\u00f6chsten ein paar Deutsche mehr gestorben, das Ghetto h\u00e4tte es nicht gerettet. Wilner verriet keine Namen, aber als Verbindungsmann war er verloren. Das schw\u00e4chte die polnisch-j\u00fcdischen Kontakte. Die zweite Sache war, dass der Ghettoaufstand f\u00fcr die Heimatarmee zu fr\u00fch ausbrach. Das hatten die Deutschen mit immer neuen Deportationen erzwungen. Vom bevorstehenden Aufstand erfuhr die Heimatarmee erst wenige Tage, bevor er ausbrach.H\u00e4tte die Heimatarmee den j\u00fcdischen Aufst\u00e4ndischen \u00fcberhaupt helfen k\u00f6nnen?Wie denn? Einen Aufstand in ganz Warschau machen? Bei all den deutschen Kr\u00e4ften und ohne Aussicht auf Hilfe von au\u00dfen? Die vom Untergrund durchsetzte Stadt aufs Spiel setzen? Das Ghetto war nicht zu retten, h\u00f6chstens einzelne Personen. Man versuchte es auch. Im Bericht \u00fcber die Zerst\u00f6rung des j\u00fcdischen Viertels erw\u00e4hnt Stroop mehrfach die Kooperation der Polen mit den k\u00e4mpfenden Juden sowie Angriffe von \u201epolnischen Banditen\u201c auf Deutsche au\u00dferhalb des Ghettos. Es w\u00e4re leichter gewesen, wenn die Juden bereit gewesen w\u00e4ren, das Ghetto zu verlassen, aber sie wollten bis zuletzt dort ausharren, solange noch die Chance bestand, einen Deutschen zu erwischen. Die Juden k\u00e4mpften einen aussichtslosen Kampf allein f\u00fcr ihre Werte. Dessen waren sie sich voll bewusst. Es waren kluge und intelligente Leute, die wussten, was sie taten.Edelman h\u00e4tte aus dem Ghetto fliehen k\u00f6nnen. Er tat es nicht, sondern blieb und k\u00e4mpfte. Aus Verantwortungsbewusstsein: \u201eWer A sagt, muss auch B sagen\u201c, sagte er immer. Aus diesem Grund beteiligte er sich \u2013 als Pole j\u00fcdischer Abstammung \u2013 auch am Warschauer Aufstand. Erst k\u00e4mpfte er f\u00fcr das Lebensrecht der Juden, dann f\u00fcr Polen.Menschen wie Marek Edelman sind ein Schatz. Sein Verhalten und seine Einstellung zeigen, dass es sich lohnt, anst\u00e4ndig zu bleiben. Edelman schwebte eine Gemeinschaft vor, die nicht durch Rasse, Weltanschauung, Ethnie oder Nationalit\u00e4t geeint wird, sondern durch den humanen Kampf gegen das B\u00f6se und f\u00fcr die Armen und Schwachen. Ich lernte kennen, nachdem ich aus dem Gef\u00e4ngnis kam, 1956 oder 1957. Mir imponierte seine unglaubliche Konsequenz, die ihn zu einem gro\u00dfen Menschen machte, an der aber auch seine Familie zerbrach: W\u00e4hrend der antisemitischen Kampagne 1968 ging seine Frau mit den Kindern nach Paris, er blieb. Das war eine bewusste Entscheidung. Er f\u00fchlte sich als Pole und beanspruchte f\u00fcr sich das Recht, in Polen zu leben wie jeder andere, und wollte sich von niemandem vorschreiben lassen, was er zu tun habe.Wie Julian Tuwim, der in seinem ergreifenden Gedicht \u201eWir, die polnischen Juden\u201c schreibt: \u201eIch bin Pole, weil es mir gef\u00e4llt\u201c. Es war Krieg, Tuwim lebte in London, seine Mutter starb im Ghetto, doch er erkl\u00e4rte, warum er Pole sein m\u00f6chte \u2013 mit j\u00fcdischen Wurzeln, von denen er sich nicht loszusagen gedachte.Leute wie Tuwim, litauische Juden, hatten eigentlich keinen Grund, sich als polnische Staatsb\u00fcrger zu f\u00fchlen, schlie\u00dflich wurden sie auf russischem Staatsgebiet geboren, gro\u00dfenteils auch im Umfeld der russischen Kultur. Und doch w\u00e4hlten sie Polen.Sie haben gesagt, man habe nicht Deutschen entscheiden lassen wollen, welches Warschau besser und welches schlechter sei, es habe nur eine Hauptstadt gegeben. F\u00fcr manche Leute gab es w\u00e4hrend des Kriegs aber doch zwei Warschaus. Mein Vater h\u00f6rte als Zehnj\u00e4hriger an der Mauer zum brennenden Ghetto den Satz: \u201eDie J\u00fcdlein schmoren.\u201c Jan Nowak-Jeziora\u0144ski erinnert sich, dass bei der Stra\u00dfenbahnfahrt durchs Ghetto die anderen Passagiere gleichg\u00fcltig den Blick von ausgehungerten Menschen abwandten. Und es gibt das Bild des Karussells an der Ghettomauer in Czes\u0142aw Mi\u0142oszs Gedicht \u201eCampo di Fiori\u201c.Vom 19. April an war ich t\u00e4glich unweit der Ghettomauer unterwegs, in der Gegend der Bonifraterska und des Krasi\u0144ski-Platzes. Ich traf Vertreter der j\u00fcdischen Organisationen. Ich beobachtete, was geschah \u2013 als Konspirant, aber auch als Warschauer und Augenzeuge. Und ich w\u00fcrde unterstreichen, was Jitzchak Zuckerman viele Jahre sp\u00e4ter \u00fcber die Stimmung au\u00dferhalb des Ghettos geschrieben hat: Dass es viel Sympathie f\u00fcr die Juden gab, weil sie gegen die Deutschen k\u00e4mpften und weil man von ihrem Mut und ihrer Kraft beeindruckt war. Dennoch, auch das schreibt Zuckerman, gab es auch \u201eLeute, vor allem aus der Halbwelt, f\u00fcr die wir nur Ungeziefer waren, das aus den brennenden H\u00e4usern sprang. Doch das darf man nicht verallgemeinern. Ich selbst habe Polen gesehen, die weinten. Die dastanden und weinten.\u201c Zuckerman stand in derselben Menge an der Ghettomauer wie ich. Sein Bericht ist objektiv. Zu oft hei\u00dft es, es habe zwar anst\u00e4ndige Leute gegeben, aber die Mehrheit habe gleichg\u00fcltig oder unwillig auf das Ghetto geschaut. Es stimmt, dass an der Ghettomauer Gestapospitzel standen. Ich wei\u00df es, denn ich habe sie gesehen. Ala Edelman h\u00f6rte ansonsten rechtschaffene Leute schreckliche Dinge \u00fcber die Juden sagen. Ich habe derlei nicht geh\u00f6rt.Die \u017begota hat den Juden geholfen, aber ich sch\u00e4me mich f\u00fcr die Schmalzowniks und Spitzel. F\u00fcr die Gleichg\u00fcltigkeit und Verachtung der Menschen.Ich sch\u00e4me mich nicht, denn ich habe nichts getan, wof\u00fcr ich mich sch\u00e4men m\u00fcsste.Ich sch\u00e4me mich f\u00fcr die B\u00fcrger meines Landes.Meine Liebe, so gesehen m\u00fcssten sich die Franzosen wegen Petain und Laval an die Brust schlagen. Kardinal Jean-Marie Lustiger hat mir einmal gesagt: \u201eMeine j\u00fcdische Familie stammt aus B\u0119dzin, meine Mutter und meine Schwester wurden von der Vichy-Polizei verhaftet und an die Deutschen \u00fcbergeben. Beide starben in Birkenau. Ich bin Erzbischof von Paris. Soll ich mich f\u00fcr den erzkatholischen Petain sch\u00e4men? Seine Schuld auf mich nehmen?\u201c Sie k\u00f6nnen nicht f\u00fcr jedermann Verantwortung \u00fcbernehmen.Patriotismus ist das Gef\u00fchl von Gemeinschaft.Aber ein Volk besteht nicht nur aus Engeln, sonst m\u00fcsste niemand selig gesprochen, kanonisiert oder auf andere Weise ausgezeichnet werden.Sie haben mit anderen gegen den Politologen und Historiker Krzysztof Jasiewicz von der Polnischen Akademie der Wissenschaften protestiert, der \u00f6ffentlich behauptet, die Juden tr\u00fcgen selbst die Schuld am Holocaust.Nat\u00fcrlich, das ist Antisemitismus, Herr Jasiewicz muss die Konsequenzen seiner Worte tragen. Zumal er den Professorentitel f\u00fchrt. Es kann nicht sein, dass jeder herausposaunt, was ihm gerade auf der Zunge liegt. Mit der Freiheit w\u00e4chst die Verantwortung. Auch die Verantwortung f\u00fcr das Wort \u2013 das ist der Pr\u00fcfstein der Demokratie. Leider ist dieser Antisemitismus nicht neu. Er ist die Norm, und es gibt L\u00e4nder, etwa das schon erw\u00e4hnte Frankreich, in denen er st\u00e4rker ist als in Polen. Man muss die Menschen kontinuierlich bilden, erziehen, ihnen ein Beispiel geben. Eine andere L\u00f6sung sehe ich nicht.Barbara Engelking, die sich als Historikerin mit der Geschichte der Juden befasst, ist dagegen, dass neben dem Museum f\u00fcr die Geschichte der Polnischen Juden auf dem Terrain des ehemaligen Ghettos ein Denkmal f\u00fcr die Gerechten \u2013 Polen, die Juden retteten \u2013 errichtet wird. Im Ghetto solle man sich auf das Gedenken an die Juden konzentrieren.Das sehe ich anders. Die schlichte Wand mit den Namen der anerkannten Gerechten ist ein sch\u00f6nes Beispiel der Solidarit\u00e4t. Wem sollte sie schaden? Auch Professor Adam Rotfeld, der als Kind aus dem Holocaust gerettet wurde, ist der Meinung, die Polen, die w\u00e4hrend der Schoa ihren Nachbarn und Freunden, aber auch Fremden die Hand ausstreckten, h\u00e4tten ein Denkmal verdient. Die Initiative zu diesem Denkmal ging ja auch von herausragenden Vertretern der j\u00fcdischen Gemeinde aus. Und wenn auf dem Terrain des Ghettos Platz ist, um an den anst\u00e4ndigen Deutschen Willy Brandt zu erinnern, warum dann nicht auch an anst\u00e4ndige Polen?Kann man nach dem Ende der kommunistischen Geschichtsklitterung den Aufstand im Warschauer Ghetto nun endlich offen als Teil der polnischen Geschichte bezeichnen?Gewiss. Ich habe das schon vor f\u00fcnfzig Jahren in meinem Buch \u201eDie 1859 Tage von Warschau\u201c getan. Von der Errichtung des Ghettos bis zur endg\u00fcltigen Liquidierung beschreibe ich alle Ereignisse im j\u00fcdischen Viertel parallel zum Geschehen im arischen Teil. Denn es war eine Stadt. Und in diesem Sinne war es ein polnischer Aufstand. Ein gemeinsamer Kampf. Der Appell vom 23. April 1943, der um die Welt ging, beginnt mit den Worten: \u201ePolen, B\u00fcrger, Freiheitsk\u00e4mpfer!\u201c Dann folgen eine Chronik der Ereignisse im Ghetto und die Worte vom \u201eKampf f\u00fcr unsere und eure Freiheit\u201c \u2013 geschrieben von Ignacy Samsonowicz vom Bund in den R\u00e4umen der \u017begota in der \u017burawia-Stra\u00dfe, wo er untergeschl\u00fcpft war. Am Warschauer Aufstand 1944 beteiligten die Juden sich ebenfalls im Geiste der polnischen Gemeinschaft. Zuckerman rief in der Aufstandspresse die j\u00fcdische Jugend zum Kampf auf: \u201eEin Jahr nach dem ruhmreichen Widerstand in den Ghettos und Arbeitslagern, nach der Verteidigung unseres Lebens und unserer W\u00fcrde k\u00e4mpfen wir heute gemeinsam mit dem ganzen polnischen Volk f\u00fcr die Freiheit. Niemand darf dabei abseits stehen. F\u00fcr ein freies, souver\u00e4nes, starkes und gerechtes Polen.\u201cDas Museum f\u00fcr die Geschichte der Polnischen Juden in Warschau ist ein Museum des Lebens, der gemeinsamen Geschichte von Polen und Juden als Teil der polnischen Geschichte. Der Kleinst\u00e4dte mit f\u00fcnfzig oder achtzig Prozent j\u00fcdischen Einwohnern. In den meisten F\u00e4llen lebten die Menschen dort eintr\u00e4chtig zusammen.Stanis\u0142aw Lem, Stanis\u0142aw Jerzy Lec, Marian Hemar oder Julian Tuwim sind f\u00fcr mich normale polnische Intellektuelle. Sie wurden im Kult der polnischen Literatur erzogen wie etwa auch der Jurist Gideon Hausner, der mit seinem Vater, einem Diplomaten, als Vierzehnj\u00e4hriger nach Pal\u00e4stina ging, und den ich Jahre sp\u00e4ter, als ich ihm am Rande des Eichmann-Prozesses begegnete, ein sch\u00f6nes Polnisch mit makellosem Lemberger sprechen h\u00f6rte. Es bewegt mich, wenn ich h\u00f6re, dass in der ersten Legislaturperiode der Knesset in Jerusalem die Abgeordneten f\u00fcrchterlich stritten. Vierzig Prozent von ihnen kamen aus Polen, das war die polnische Streitsucht! Ich bin auch ger\u00fchrt, wenn man mir sagt, dass in israelischen H\u00e4usern Polnisch gesprochen wird. Oder wenn Zbigniew Brzezi\u0144ski daran erinnert, wie der konservative israelische Politiker Menachem Begin, das hei\u00dft Mietek Biegun aus Brest-Litowsk, in Camp David pl\u00f6tzlich vom Englischen ins Polnische wechselte.Ich schreibe und spreche \u00fcber diese Menschen, solange ich kann, weil ich mich ihnen verpflichtet f\u00fchle \u2013 zumal denen, die daran glaubten, dass es sich lohnt, anst\u00e4ndig zu bleiben. Um jeden Preis. 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