{"id":2331,"date":"2020-10-06T11:50:18","date_gmt":"2020-10-06T09:50:18","guid":{"rendered":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/?p=2331"},"modified":"2020-11-24T12:43:45","modified_gmt":"2020-11-24T11:43:45","slug":"womit-war-die-welt-beschaftigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2020\/10\/06\/womit-war-die-welt-beschaftigt\/","title":{"rendered":"Womit war die Welt besch\u00e4ftigt &#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Als die von Wieprz aus vorsto\u00dfenden polnischen Truppen die bolschewistische Armee einkesselten, ratifizierte man in den USA den 19. Zusatzartikel zur Verfassung, durch den das Frauenwahlrecht eingef\u00fchrt wurde. Frauen verzichteten auf Korsetts, tanzten Charleston, rauchten \u00f6ffentlich Zigaretten, fluchten und trugen Herrenkleidung.<\/strong><\/p>\n<p>Download als <a href=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt.pdf\">PDF (125 KB)<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-2334 size-full\" src=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-1-NAC-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"1761\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-1-NAC-scaled.jpg 1761w, https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-1-NAC-206x300.jpg 206w, https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-1-NAC-704x1024.jpg 704w, https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-1-NAC-768x1116.jpg 768w, https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-1-NAC-1057x1536.jpg 1057w, https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-1-NAC-1409x2048.jpg 1409w\" sizes=\"auto, (max-width: 1761px) 100vw, 1761px\" \/><\/p>\n<p>Am 1. August, als die Bolschewisten den Bug \u00fcberquerten, fand im Berliner Lustgarten eine Demonstration mehrerer Tausend Pazifisten statt. Ihr Motto \u201eNie wieder Krieg!\u201c drang jedoch nicht zu allen Deutschen durch. Manche empfanden Rachegel\u00fcste gegen\u00fcber den Franzosen und Briten oder betrachteten den Wehrdienst als Charakterschmiede und Pflicht eines jeden Patrioten. &nbsp;Alle jedoch waren in Sorge, bald nichts mehr zu bei\u00dfen zu haben.<\/p>\n<p>Seit dem Ende des \u201eGro\u00dfen Kriegs\u201c waren zwar schon mehrere Monate vergangen, seine Spuren waren jedoch auf Schritt und Tritt sichtbar. Sieger und Besiegte erwartete eine finanzielle Katastrophe. Die Umstellung der Wirtschaft auf Friedenszeiten m\u00fcndete in Rezession, Inflation, \u00dcberteuerung und Arbeitslosigkeit. Gewerkschaften riefen zu Streiks und Demonstrationen auf. Die Gro\u00dfst\u00e4dte rangen mit einer Plage \u2013 der Bettelei. Terroristen und ganz gew\u00f6hnliche Verbrecher sch\u00f6pften neue Kraft.<\/p>\n<p><strong>Im Feuerrauch<\/strong><\/p>\n<p>Immer noch kehrten demobilisierte Soldaten, h\u00e4ufig verletzt, nach Hause zur\u00fcck. Die Grenzen der neu entstandenen Staaten waren nach wie vor flie\u00dfend. Immer neue Fl\u00fcchtlingswellen zogen durch Europa \u2013 vor allem aus Russland, wo ein B\u00fcrgerkrieg tobte. Die Franzosen, die in den Osten Millionen investiert hatten, bildeten sich immer noch ein, dass sie die Gebiete wiedererlangen w\u00fcrden. Die Wei\u00dfe Armee lag jedoch in den letzten Z\u00fcgen. Die Roten besetzen Sibirien, drangen bis zum Pazifik und zur Arktis vor, befriedeten Kasachstan und bereiteten sich auf einen Angriff auf die kaukasischen Republiken vor. General Wrangel hielt sich zwar noch auf der Krim, aber an den baldigen Untergang des Bolschewismus wollte kaum noch jemand glauben.<\/p>\n<p>In Kleinasien donnerten ebenfalls die Kanonen. Die T\u00fcrken k\u00e4mpften gegen die Griechen, die vom Wiederaufbau des Byzantinischen Reichs mit Konstantinopel als Hauptstadt tr\u00e4umten. Am 10. August, als der Belagerungszustand \u00fcber Warschau verh\u00e4ngt wurde, zerlegten die Alliierten die \u00dcberbleibsel des Osmanischen Reichs. Der entm\u00fcndigte Sultan sah sich gezwungen, den Vertrag anzunehmen, die Vertragsbestimmungen mussten jedoch mit Gewalt ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer der t\u00fcrkischen Nationalisten Kemal Pascha berief in Ankara, das frei von Besatzungsm\u00e4chten war, eine Nationalversammlung ein und ging zur Gegenoffensive \u00fcber. Dann verjagte er zuerst die Franzosen aus S\u00fcdanatolien. Dies ging mit einem Massaker an den einheimischen Armeniern einher.<\/p>\n<p>Die Griechen, die Smyrna besetzten, nach Konstantinopel den gr\u00f6\u00dften Hafen in der Region, begannen mit der Umsetzung ihrer \u201eMegali Idea\u201c (Gro\u00dfen Idee) in Form eines Pogroms im muslimischen Viertel und der Zerst\u00f6rung von Moscheen. Dabei handelte es sich um ein weiteres Glied in der Kette von Verbrechen, die das ethnische und religi\u00f6se Mosaik Kleinasiens zunichte machten. Der Traum von einer neuen hellenistischen Epoche l\u00f6ste sich zwei Jahre sp\u00e4ter in Nichts auf \u2013 zusammen mit dem Rauch der brennenden, von den T\u00fcrken zur\u00fcckeroberten Stadt Smyrna.<\/p>\n<p><strong>Der Offizier mit dem Schweinekopf<\/strong><\/p>\n<p>Die alte, vorindustrielle Welt lag im Sterben und die K\u00fcnstler waren die Ersten, die dies bemerkten. Im M\u00e4rz 1920 verk\u00fcndete der Apostel der Avantgarde Francis Picabia im Pariser Th\u00e9\u00e2tre de l&#8217;\u0152uvre das \u201eManifeste cannibaledada\u201c. Im April organisierten seine Br\u00fcder im Geiste eine Ausstellung im Hinterhof eines K\u00f6lner Brauhauses.<\/p>\n<p>Die Besucher mussten die Ausstellung durch die Herrentoilette betreten und an einem kleinen M\u00e4dchen im Kommunionskleidchen vorbeigehen, das obsz\u00f6ne Gedichte vortrug. In einem Aquarium, das mit blutrot gef\u00e4rbtem Wasser gef\u00fcllt war, schwamm eine Frauenper\u00fccke und auf dem Boden des Aquariums lag ein Wecker. Man muss zugeben, dass die K\u00fcnstler die Reaktion der \u00d6ffentlichkeit vorhergesehen hatten: Neben einem der Exponate hing ein Beil an einer Kette, was eine klare Aufforderung zur Zerst\u00f6rung des \u201eWerks der Anti-Kunst\u201c war.<\/p>\n<p>Am 30. Juni, dem Vorabend der Gr\u00fcndung des \u00fcberparteilichen Rats f\u00fcr Nationale Verteidigung durch die Polen, begann an der Spree die Erste Internationale Dada-Messe. Zu ihren Attraktionen geh\u00f6rte ein von der Decke h\u00e4ngender \u201ePreu\u00dfischer Erzengel\u201c \u2013 eine ausgestopfte Offiziersuniform mit einem Schweinekopf. Provokationen, die darauf ausgelegt waren, Skandale hervorzurufen, wurden \u2013 ebenso wie die extreme Politisierung, die Verachtung von Traditionen und ein absurder Humor \u2013 zum Markenzeichen der Dadaisten. Ohne Furcht vor der Abschw\u00e4chung der revolution\u00e4ren Welle erkl\u00e4rten die Ber\u00fchmtheiten der Bewegung ihre Solidarit\u00e4t mit Lenin und seinen Kameraden.<\/p>\n<p>Der Primus der neuen \u00c4sthetik war Deutschland. In Berlin, der damals drittgr\u00f6\u00dften Stadt der Welt, gr\u00fcndete Erwin Piscator das \u201eProletarische Theater.\u201c Bei Potsdam wuchs St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck der rechter Winkel beraubte Einsteinturm empor \u2013 ein Symbol der Moderne in der Architektur. F\u00fcr die Mehrheit der Kulturkonsumenten war das avantgardistische Men\u00fc schwer verdaulich. Die These, dass Innovation das Hauptkriterium f\u00fcr den Wert von Kunst ist, war noch nicht zum Axiom geworden.<\/p>\n<p><strong>Teuflische Rhythmen<\/strong><\/p>\n<p>Im Kino waren Monster nach wie vor angesagt. Deutschland war die Wiege der am Makabren Gefallen findenden und mit krankhaftem Erotismus unterf\u00fctterten <em>gothic novel<\/em>. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass der filmische Horror ausgerechnet hier seinen Anfang fand. Seit Februar spukte \u201eDas Cabinet des Dr. Caligari\u201c \u00fcber die Leinw\u00e4nde, im Oktober fand die Urauff\u00fchrung des dritten (und einzigen bis heute erhaltenen) Teils des \u201eGolem\u201c statt.<\/p>\n<p>In \u00dcbersee str\u00f6mten die Massen in eine Verfilmung von \u201eDr. Jekylland und Mr. Hyde\u201c, auch wenn die kitschigen Melodramen mit Rudolph Valentino und der sinnlichen Apolonia Cha\u0142upiec \u2013 besser bekannt als Pola Negri \u2013 zugegebenerweise mehr Erfolg hatten.<\/p>\n<p>Und in der Literatur? Zur Bibel der \u201everlorenen Generation\u201c wurde die posthume Ausgabe der Gedichtsammlung Wilfred Owens, der kurz vor Kriegsende gefallen war. Mit einiger Versp\u00e4tung erblickte auch das 1916 von Agatha Christie geschriebene \u201eGeheimnisvolle Verbrechen in Styles\u201c das Licht der Welt \u2013 die erste Erz\u00e4hlung, in der der Detektiv Hercule Poirot auftauchte. Der Berufs-Provokateur D.H. Lawrence entt\u00e4uschte seine Fans nicht und baute in seine \u201eLiebenden Frauen\u201c ein bisexuelles Motiv ein.<\/p>\n<p>Die Eliten lasen leidenschaftlich den vor Pessimismus strotzenden \u201eUntergang des Abendlandes\u201c von Oswald Spengler. In der zeitgleich erschienenen Streitschrift \u201ePreu\u00dfentum und Sozialismus\u201c, die an seine Landsleute gerichtet war, rief der Historiosoph zum Kampf gegen die zwei Plagen der Gegenwart auf: Demokratie und Kapitalismus. Die Deutschen w\u00fcrden es seiner Meinung nach nur dann schaffen, sich dem Aufstand der Armen und der Ausbreitung der farbigen Rassen entgegenzustellen, wenn sie mit eiserner Hand regiert w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Als Symptome des Untergangs der Zivilisation wurden neben den Ausschweifungen der Bolschewisten und Dadaisten auch die Entw\u00fcrfe der Architekten des Bauhauses angesehen, die angeblich einer \u201e\u00c4sthetik der Schwarzen\u201c huldigten. Zu einem weiteren Vorboten der Apokalypse wurde der Jazz, der die Welt in Coronavirus-Geschwindigkeit eroberte. New Orleans galt als Wiege der \u201eteuflischen Musik\u201c, aber in Chicago und im New Yorker Harlem, wo die Vorbehalte gegen schwarze und synkopierte Musik weniger ausgepr\u00e4gt waren, offenbarte der Jazz sein kommerzielles Potenzial.<\/p>\n<p>Das Lied \u201eCrazy Blues\u201c, das am 10. August von Mamie Smith aufgenommen wurde, avancierte zur meistverkauften Platte des Jahres 1920. Und damit war nicht das letzte Wort der Sklaven-Nachkommen gesprochen. Es machten Ger\u00fcchte die Runde, dass ein gewisser Junge in einem Orchester auf einem der Dampfschiffe, die \u00fcber den Mississippi schipperten, dem Kornett unheimliche T\u00f6ne entlockt. Aufgrund seiner Geschw\u00e4tzigkeit nannte man ihn Satchelmouth. In Wirklichkeit hie\u00df er Louis Armstrong.<\/p>\n<p><strong>Der Mann auf den Schienen<\/strong><\/p>\n<p>Frankreich war die st\u00e4rkste Milit\u00e4rmacht in Europa, aber wirtschaftlich konnte es sich kaum auf den Beinen halten. Frieden zu schaffen stellte sich als noch schwieriger heraus als den Krieg zu gewinnen. In Paris glaubte man, dass die besiegten Deutschen \u201ef\u00fcr alles bezahlen\u201c w\u00fcrden. Im Juli wurde nach einer Reihe zwischenstaatlicher Verhandlungen beschlossen, dass Frankreich am meisten erhalten soll, 52 Prozent der Reparationen, eine genaue Summe wurde jedoch nicht festgelegt.<\/p>\n<p>Berlin spielte angesichts des unentschlossenen Standpunkts Gro\u00dfbritanniens und der Meinungen von Experten wie beispielsweise John Keynes, die soufflierten, dass der beste Ausweg aus der Krise sei, Geld in die deutsche Wirtschaft zu pumpen, auf Zeit. Die Deutschen sabotierten ebenfalls die Abr\u00fcstung, zu der sie durch den Versailler Vertrag verpflichtet worden waren.<\/p>\n<p>Am 23. Mai, als die Rote Armee vergebens versuchte, die polnische Front an der Ukraine zu durchbrechen, brach an der Staatsspitze Frankreichs eine Krise aus. Kurz vor Mitternacht traf ein Bahnw\u00e4rter aus Montargis auf eine \u00fcber die Gleise wandelnde Gestalt im Pyjama. \u201eMein Freund, du wirst es nicht glauben, aber ich bin der Pr\u00e4sident der Republik\u201c \u2013 erkl\u00e4rte der barf\u00fc\u00dfige und mit blauen Flecken \u00fcbers\u00e4te Mann.<\/p>\n<p>Der Eisenbahner traute seinen Augen nicht. Er legte den Schlafwandler in sein eigenes Bett und rief einen Arzt. Unterdessen jagte der Pr\u00e4sidentenzug fr\u00f6hlich weiter gen S\u00fcden. Erst am n\u00e4chsten Morgen bemerkte der Diener, der das Staatsoberhaupt ergebnislos zu wecken suchte, dass das Schlafabteil leer war.<\/p>\n<p>In einer offiziellen Mitteilung wurde verk\u00fcndet, dass der 65-j\u00e4hrige Paul Deschanel durch das Fenster aus dem Zug gefallen sei, das er \u201ein dem Wunsch\u201c ge\u00f6ffnet habe, \u201edie Temperatur zu senken\u201c, und dass er nur leichte Verletzungen davongetragen habe. Die Presse \u00fcbte sich in bewundernswerter Zur\u00fcckhaltung, aber der Pr\u00e4sident kehrte nie wieder zu seiner alten Form zur\u00fcck. Als er gerade in Begleitung zweier Abgeordneter durch den Garten des \u00c9lys\u00e9e-Palasts schlenderte, beschloss er pl\u00f6tzlich, auf einen Baum zu klettern. Ein anderes Mal stand er um sechs Uhr morgens auf, um \u2013 angekleidet \u2013 ein Bad im Teich zu nehmen.<\/p>\n<p>Die \u00c4rzte diagnostizierten Neurasthenie. Am 21. September wurde im Parlament ein Brief verlesen, in dem Deschanel aufgrund seines schlechten gesundheitlichen Zustands sein Amt zur Verf\u00fcgung stellte. Sieben Monate lang hatte er an der Spitze des Staates gestanden. Er zeichnete sich durch keinerlei Besonderheiten aus. Bekannt war er f\u00fcr seine eleganten Anz\u00fcge und seine Zuvorkommenheit, er bem\u00fchte sich um gute Beziehungen zu allen Parteien.<\/p>\n<p>Seine Wahl war eine gro\u00dfe Sensation gewesen. Eigentlich hatte man erwartet, dass die Abgeordneten f\u00fcr den Ministerpr\u00e4sidenten \u2013 den \u201eTiger\u201c Georges Clemenceau \u2013 stimmen w\u00fcrden. Nach seiner Niederlage bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen f\u00fchlte sich der Vater des Sieges von 1918 von seinen undankbaren Landsleuten gekr\u00e4nkt, kehrte der Politik den R\u00fccken und fuhr nach Afrika und Asien, wo er die Gelegenheit hatte, echte Tiger zu jagen.<\/p>\n<p>An der Spitze der Regierung stand nunmehr der raffinierte Sozialist Alexandre Millerand. Er erkl\u00e4rte sich einverstanden, Nachfolger Deschanels im Pr\u00e4sidentenamt zu werden, da er wusste, dass er den Staat nach wie vor lenken w\u00fcrde \u2013 wenn auch nur vom R\u00fccksitz aus.<\/p>\n<p>Auch die franz\u00f6sischen Katholiken hatten Grund zur Freude. Am 16. Mai wurde Jeanne d\u2018Arc von Papst Benedikt XV. heiliggesprochen.<\/p>\n<p><strong>Gestern M\u00e4dchen, heute Flapper<\/strong><\/p>\n<p>Die Briten h\u00e4tten bestimmt \u00fcber die Probleme ihrer Nachbarn gespottet, wenn sie nicht selbst noch gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten gehabt h\u00e4tten. Irland trennten nur noch wenige Monate von seiner Abspaltung vom Vereinigten K\u00f6nigreich. Neben Unruhen in Belfast musste sich der Premierminister Lloyd George mit Bergarbeiter-Streiks herumschlagen. Nach au\u00dfen hin versuchten die Gro\u00dfm\u00e4chte jedoch, die Fasson zu bewahren. Man ging dazu \u00fcber, die geheimen Absprachen aus Kriegszeiten zu umzusetzen.<\/p>\n<p>Die Araber mussten sich von ihrem Traum von der Selbstbestimmung verabschieden \u2013 Frankreich besetzte den Libanon und Syrien, Gro\u00dfbritannien den Irak, Jordanien und Pal\u00e4stina. Vor allem Letzteres wurde zu einer Quelle nicht enden wollender Schwierigkeiten. Der frisch gebackene Unterstaatssekret\u00e4r f\u00fcr Kolonien Winston Churchill klagte, dass das Empire sich um Gebiete bereicherte, die \u201evon aggressiven, aufbrausenden und arroganten Politikern und Theologen beherrscht werden, die noch dazu kein Geld haben\u201c.<\/p>\n<p>Den Europ\u00e4ern wurde langsam bewusst, dass der gr\u00f6\u00dfte, ja vielleicht sogar einzige Sieger des \u201eGro\u00dfen Kriegs\u201c die Vereinigten Staaten von Amerika waren. Amerika setzte Trends. Kurzhaarfrisuren und kurze Plisseer\u00f6cke wurden zum Symbol der \u201ewilden Zwanziger\u201c. Am 2. November begann ein Radiosender in Pittsburgh als Erster weltweit, ein regelm\u00e4\u00dfiges Nachrichten- und Musikprogramm zu \u00fcbertragen. Der gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Eigent\u00fcmer hatte zuvor einen Vertrag mit einem lokalen Plattenladen abgeschlossen: Im Tausch gegen die neuesten Hits informierte er seine Zuh\u00f6rer in der Sendung, wo und zu welchem Preis sie diese erwerben konnten.<\/p>\n<p><strong>Eine gute Zigarre ist die Basis<\/strong><\/p>\n<p>Durch das Verschulden der USA geriet das Versailler System direkt nach seiner Geburt in Turbulenzen. Der Senat, in dem mehrheitlich Gegner von Pr\u00e4sident Wilson vertreten waren, lehnte die Ratifizierung des Friedensvertrags und den Beitritt zum von ihm erdachten V\u00f6lkerbund ab \u2013 einer Organisation, die dauerhaften Frieden gew\u00e4hrleisten sollte. Die meisten Amerikaner unterst\u00fctzten den missionarischen Eifer Wilsons nicht. Er selbst, der seit Herbst 1919 aufgrund eines Schlaganfalls teilweise gel\u00e4hmt war, zeigte sich nicht mehr in der \u00d6ffentlichkeit. Die meiste Zeit verbrachte er in einem abgedunkelten Schlafzimmer.<\/p>\n<p>Die Amtsgewalt \u00fcbte gewisserma\u00dfen Edith Wilson aus, eine wenig gebildete, aber resolute Frau. Sie war es, welche die Korrespondenz und den Zugang zu ihrem Mann kontrollierte, bei der Unterzeichnung von Dokumenten seine Hand f\u00fchrte und den Willen und die Entscheidungen des Kranken bekanntgab. \u201eDieses Land wird von einem Weib regiert!\u201c, schimpfte einer der Kongressabgeordneten.<\/p>\n<p>Der Vizepr\u00e4sident Thomas Marhsall brannte nicht darauf, die Pflichten des Staatsoberhaupts zu \u00fcbernehmen. Er hatte den Ruf eines Faulpelzes und ging mit der Aussage in die Geschichte ein: \u201eWas dieses Land wirklich braucht, sind gute Zigarren f\u00fcr f\u00fcnf Dollar.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Zustand dauerte bis zum Ende der Amtszeit im M\u00e4rz 1921 an. Zuvor hatten die Amerikaner im November einen neuen Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt \u2013 Warren G. Harding. Gemeinsam mit ihm tauchte im Wei\u00dfen Haus die \u201eOhio Gang\u201c auf \u2013 eine Gruppe alter Kumpel, mit denen der Vater der Nation bis zum Morgengrauen Poker spielte.<\/p>\n<p><strong>Gin direkt aus der Wanne<\/strong><\/p>\n<p>Die neue Regierungs-Riege roch nach Korruption, im Leben der US-B\u00fcrger hielten hingegen tiefgreifende Ver\u00e4nderungen Einzug. Auf den Wegen und Stra\u00dfen waren schon fast 10 Mio. Automobile unterwegs, jeder dritte Haushalt machte vom Segen der Elektrizit\u00e4t Gebrauch. Seit einem Jahr galt die Prohibition, weniger Menschen erkrankten an Lebersch\u00e4den, die M\u00e4nner kamen n\u00fcchterner zur Arbeit. Gleichzeitig bl\u00fchten jedoch der Schwarzmarkt und die kriminelle Unterwelt auf.<\/p>\n<p>Die Amerikaner brannten in gro\u00dfen Mengen Alkohol. \u201eLetzten Sonntag habe ich f\u00fcnf Gallonen Methodistenbr\u00e4u gebraut, sie aber zu fr\u00fch abgef\u00fcllt, was zu einer Reihe schrecklicher Explosionen gef\u00fchrt hat. Mein Nachbar ist schreiend aus dem Haus gelaufen. Er dachte, dass die Sowjets die Stadt eingenommen haben\u201c, gab ein bekannter Feuilletonist bekannt. Die Anh\u00e4nger h\u00e4rterer Getr\u00e4nke stellten hausgemachten \u201eBadewannen-Gin\u201c her. Eine Nebenwirkung der Prohibition war der verst\u00e4rkte Verkauf von Coca-Cola und Fruchts\u00e4ften. Sie wurden verwendet, um die verbotenen Drinks zu mischen.<\/p>\n<p><strong>Ein pyramidales<\/strong><strong> Gesch\u00e4ft<\/strong><\/p>\n<p>Am 18. August, als die von dem Wieprz aus vorsto\u00dfenden polnischen Truppen die bolschewistische Armee einkesselten, ratifizierte man in den USA den 19. Zusatzartikel zur Verfassung, durch den das Frauenwahlrecht eingef\u00fchrt wurde. Die Emanzipation machte kolossale Fortschritte. Frauen verzichteten auf Korsetts, tanzten Charleston, rauchten \u00f6ffentlich Zigaretten, fluchten, sa\u00dfen am Steuer, trugen Herrenkleidung und \u00fcbten m\u00e4nnliche Berufe aus.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich das Schicksal der Republik Polen bald entschied, posaunte die amerikanische Presse den Zusammenbruch von Charles Ponzis Finanzpyramide heraus. Dieser t\u00fcchtige Gesch\u00e4ftsmann hatte jedem, der seine Securities Exchange Company mit Bargeld versorgte, eine Rendite in H\u00f6he von 50 % versprochen. Einige Monate lang hielt er sein Wort, w\u00e4hrend er w\u00f6chentlich eine Million Dollar abr\u00e4umte.<\/p>\n<p>Schlussendlich platzte die Spekulationsblase nach enth\u00fcllenden Artikeln in der \u201eBoston Post\u201c mit einem lauten Knall. Ponzi landete f\u00fcr f\u00fcnf Jahre hinter Gittern. Anschlie\u00dfend wurde er nach Italien abgeschoben, weil er keine US-amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft besa\u00df.<\/p>\n<p>Am 16. September kam es zum ersten terroristischen Anschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. In der Wall Street wurden durch die Explosion eines mit Dynamit beladenen Pferdewagens 38 Personen get\u00f6tet und \u00fcber 400 Personen verletzt. Der T\u00e4ter dieses Massakers wurde nie gefasst, zweifellos war er jedoch ein erbitterter Gegner des Kapitalismus.<\/p>\n<p><strong>Wie der Kaiser zum Holzf\u00e4ller wurde<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland befand sich nach wie vor st\u00e4ndig unter Kontrolle. Das Land wurde (ebenso wie Ungarn, \u00d6sterreich, Bulgarien und die T\u00fcrkei) nicht zu den olympischen Sommerspielen in Antwerpen eingeladen, die im April begannen. In Artikel 227 des Versailler Vertrags war die Schaffung eines Tribunals vorgesehen, vor dem \u00fcber die Kriegsverbrecher geurteilt werden sollte.<\/p>\n<p>Den Alliierten lag vor allem daran, Kaiser Wilhelm II., der sich in Holland aufhielt, auf die Anklagebank zu bringen. Man warf ihm \u201eVerbrechen gegen die internationale Moral\u201c vor. Es wurde sogar ein Ort f\u00fcr den Gerichtsprozess bestimmt \u2013 das Schloss von Dover.<\/p>\n<p>Der gest\u00fcrzte Herrscher erhielt Briefe voller Beleidigungen und Drohungen. Die Nachricht, dass eine Gruppe amerikanischer Offiziere planen w\u00fcrde, ihn zu entf\u00fchren, entsetzte ihn so sehr, dass er begann, eine Krankheit vorzut\u00e4uschen und sich einen Bart wachsen zu lassen. Wilhelms Freunde tr\u00f6steten ihn damit, dass er im schlimmsten Fall wie Napoleon auf eine exotische Insel verbannt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Im Januar und Februar stellten die Alliierten einen formellen Auslieferungsantrag, den die Holl\u00e4nder rundheraus ablehnten. Der Ex-Kaiser musste jedoch versprechen, dass er allen politischen Aktivit\u00e4ten vollkommen entsagen w\u00fcrde. Von dem Geld, das er von der preu\u00dfischen Regierung erhielt, kaufte er sich ein 60 Hektar gro\u00dfes Gut. In der Presse machten Bilder des Hohenzollern die Runde, auf denen er Holz f\u00e4llte und s\u00e4gte \u2013 das war seine neue Leidenschaft. Die Holzscheiben versah er mit Datum und Unterschrift, dann verschenkte er sie. Er lebte weiter in der Vorstellung, dass er eines Tages auf den Thron zur\u00fcckkehren werde.<\/p>\n<p><strong>Gef\u00e4lschte Rubel, echtes Quecksilber<\/strong><\/p>\n<p>Unterdessen herrschte in der deutschen Politik ein wackeliges Gleichgewicht. Im M\u00e4rz zettelten Soldaten in Berlin einen vom Direktor der Kreditbank Wolfgang Kapp unterst\u00fctzten Putsch an. Nach einigen Tagen mussten sie jedoch wie begossene Pudel in ihre Kaserne zur\u00fcckkehren. Im April \u00fcbernahm im Ruhrgebiet die anarchistische Rote Ruhrarmee die Macht \u2013 mit \u00e4hnlichem Erfolg. Bei den Reichstagswahlen im Juni konnte kein eindeutiger Sieger ermittelt werden. In Deutschland brach das Zeitalter der Minderheitskabinette an.<\/p>\n<p>In Bayern schwang der 31-j\u00e4hrige Adolf Hitler bombastische Reden, in denen er eine j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung aufdeckte. Die \u201eM\u00fcnchener Post\u201c nannte ihn einen Kom\u00f6dianten und \u201eR\u00e4delsf\u00fchrer des P\u00f6bels\u201c. Obwohl sich der NSDAP-F\u00fchrer f\u00f6rmlich zerriss und kreuz und quer das Land bereiste, hatte seine Partei am Ende des Jahres kaum zweitausend Mitglieder (Anfang des Jahres waren es allerdings lediglich 190). Als gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung betrachtete die Polizei den ehemaligen deutschen Chef der Obersten Heeresleitung Erich von Ludendorff, der sich im Sommer in M\u00fcnchen niedergelassen hatte.<\/p>\n<p>Der General schmiedete Pl\u00e4ne f\u00fcr einen antibolschewistischen Kreuzzug und den Umsturz des Versailler Systems. Der ungarische Reichsverweser Mikl\u00f3s Horthy empfing seine Emiss\u00e4re im Gegenzug f\u00fcr das Versprechen, dass die Wei\u00dfe Internationale zun\u00e4chst erst einmal die Tschechoslowakei platt machen w\u00fcrde, und erkl\u00e4rte sich damit einverstanden, das Unterfangen zu unterst\u00fctzen und beim Druck falscher Rubelnoten behilflich zu sein. Mit ihnen sollte der Sold der Armee bezahlt werden, die sich aus russischen Emigranten rekrutierte. Lediglich Pal Teleki, der Au\u00dfenminister und baldige Ministerpr\u00e4sident, widersetzte sich. Er sollte Recht behalten, denn einer der Verschw\u00f6rer (der seine j\u00fcdische Identit\u00e4t verborgen hielt) entpuppte sich als prinzipienloser Mensch. Er verkaufte den Tschechen die Aufzeichnungen vom Geheimtreffen f\u00fcr rund 500.000 Kronen (also ca. 40.000 Euro). Zum Jahresende ver\u00f6ffentlichte die britische \u201eTimes\u201c diese Unterlagen mit einem entsprechenden Kommentar, was die Wei\u00dfe Internationale kompromittierte, bevor sie etwas dagegen ausrichten konnte. Ludendorff fand schnell ein neues Lebensziel: Er beschloss, die Macht in Bayern zu erlangen und Gold aus Quecksilber herzustellen.<\/p>\n<p><strong>Nicht auf den Dichter schie\u00dfen<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1920 war Gabriele D\u2018Annunzio der beliebteste italienische Dichter \u2013 der von seinen Anh\u00e4ngern \u201eIl Vate\u201c(Prophet) oder \u201eDuce\u201c (F\u00fchrer) genannt wurde. Der temperamentvolle Poet entschied kurzerhand \u00fcber einen der Gebietskonflikte Italiens mit dem K\u00f6nigreich der Serben, Kroaten und Slowenen, also Jugoslawien. An der Spitze einer Handvoll Freiwilliger besetzte er den Hafen Fiume (das heutige Rijeka) in der Adria und rief eine neue politische Einheit aus: Die italienische Regentschaft am Quarnero. Er r\u00e4umte den Frauen das Wahlrecht ein (die Italienerinnen mussten noch weitere 25 Jahre auf dieses Privileg warten) und gestattete ihnen, sich scheiden zu lassen. Er f\u00fchrte auch eine eigene W\u00e4hrung und den \u201er\u00f6mischen Gru\u00df\u201c mit dem rechten, ausgestreckten Arm ein.<\/p>\n<p>Nach Fiume kamen nach und nach Prominente, angef\u00fchrt vom Radio-Erfinder Marconi und dem Dirigenten Toscanini, und zahlreiche Sonderlinge. Ger\u00fcchte machten die Runde, dass die Stadt zu einem Paradies f\u00fcr Homosexuelle und Drogenabh\u00e4ngige geworden sei. Im September entwarf D\u2018Annunzio ein Wappen mit dem Sternbild des Gro\u00dfen B\u00e4ren und rief eine republikanische Verfassung aus, die er in Zukunft allen Landsleuten aufzwingen wollte.<\/p>\n<p>Er erarbeitete sogar einen Plan f\u00fcr einen Marsch auf Rom, aber die italienische Regierung kam ihm zuvor. Man handelte mit Belgrad aus, dass Fiume den Status einer Freien Stadt erlangen sollte. Ausgerechnet am Heiligen Abend wurde die Regentschaft am Quarnero vom Meer aus angegriffen. Die 15-monatige Herrschaft des Poeten fand ihr Ende. Der verletzte und verbitterte D\u2018Annunzio zog sich aus der aktiven Politik zur\u00fcck und lie\u00df sich in einer Villa mit Blick auf den Gardasee nieder. Dort verbrachte er umgeben von Liebhaberinnen den Rest seines Lebens.<\/p>\n<p><strong>Der Mond \u00fcber London<\/strong><\/p>\n<p>Benito Mussolini, Chef einer faschistischen Kleinstpartei, r\u00fchrte keinen Finger, um seinem Idol zu helfen. Auch er wollte Duce werden. Auf \u00c4nderung seines Schicksals hoffte ebenso der 21-j\u00e4hrige Ernest Hemingway, der gerade als Journalist bei der kanadischen Zeitung \u201eToronto Star\u201c angefangen hatte. Der zwei Jahre \u00e4ltere Joseph Goebbels, Sympathisant der extremen Linken und ewiger Student, wollte Selbstmord begehen, nachdem ihm ein M\u00e4dchen (das er zuvor einem Freund ausgespannt hatte) einen Korb gegeben hatte.<\/p>\n<p>Der 28-j\u00e4hrige Veteran Josip Broz fasste den Beschluss, nach Kroatien zur\u00fcckzukehren. An der Grenze wurde er festgenommen und gemeinsam mit seiner Frau, die er in Sibirien kennengelernt hatte, einer einw\u00f6chigen Quarant\u00e4ne unterstellt. Die Polizei vermutete (nicht unbegr\u00fcndet), dass er ein verdeckter Bolschewist sei. Stephan Bandera wurde im Gymnasium in Stryj unterrichtet. Nicolae Ceau\u0219escu hingegen, Sohn eines moldawischen S\u00e4ufers, l\u00f6ffelte Maisbrei in einem Haus aus Stroh und Lehm.<\/p>\n<p>Die gescheiterte Selbstm\u00f6rderin Anna Anderson, die sich seit dem 17. Februar in einem Berliner Krankenhaus befand, war noch nicht auf den Gedanken gekommen, Bekannt zu geben, dass sie die auf wundersame Weise gerettete Tochter des russischen Zaren sei. In Barcelona feierte Antoni Gaudi einen Erfolg: Vier der achtzehn geplanten T\u00fcrme der gigantischen Basilika waren fertiggestellt worden. Niemand ahnte, dass die Sagrada Familia einhundert Jahre sp\u00e4ter immer noch nicht vollendet sein w\u00fcrde. Das Leben ging weiter. Am 18. August rollte der erste Nachtbus durch die Stra\u00dfen Londons.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"https:\/\/tygodnik.tvp.pl\/49283459\/czym-zajmowal-sie-swiat-gdy-mielismy-bolszewikow-na-karku\">https:\/\/tygodnik.tvp.pl<\/a><\/em><em>, 07.08.2020<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Agata Biernacka<\/em><\/p>\n<p><em>Redaktion: Rainer Mende (Polnisches Institut Berlin \u2013 Filiale Leipzig)<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bilder: <a href=\"https:\/\/www.szukajwarchiwach.gov.pl\/jednostka\/-\/jednostka\/5968408\/obiekty\/393538#opis_obiektu\">Obraz artystki malarki Kazimiery D\u0105browskiej przedstawiaj\u0105cy portret tancerki Haliny Szmolc\u00f3wny namalowany w 1920 roku<\/a> &amp; <a href=\"https:\/\/www.szukajwarchiwach.gov.pl\/jednostka\/-\/jednostka\/5923909\/obiekty\/311376#opis_obiektu\">Rysunek z 1929 roku artysty malarza Henryka Berlewiego przedstawiaj\u0105cy portret \u017cony dyplomaty Tadeusza Jackowskiego Anny Schildenfeld-Schiller<\/a> \/ Narodowe Archiwum Cyfrowe (NAC)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n<h3>Artikel in der Rubrik \u201cpressPOLSKA\u201d<\/h3><div class=\"event_loop event_list  no-list\" id=\"event_list1\" style=\"height:auto;\" ><div class=\"event_item event_past status-EventScheduled location-type-OfflineEventAttendanceMode language-Deutsch category-PressPOLSKA post_tag-PressPOLSKA\" data-color=\"000000\" style=\"\"><a href=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2023\/09\/08\/murdered-for-human-kindness\/\"><h5>Murdered for human kindness <\/h5><\/a><div class=\"event_data event_date \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"event_date\" data-start=\"pi\u0105tek 8 wrze\u015bnia 2023\" data-end=\"pi\u0105tek 8 wrze\u015bnia 2023\">\n\t\t\t\t\t\t\t<time itemprop=\"dtstart\" datetime=\"2023-09-08T00:00:00+02:00\"><span class=\"date date-single\">8 wrze\u015bnia 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DNA <\/h5><\/a><div class=\"event_data event_date \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"event_date\" data-start=\"\u015broda 3 maja 2023\" data-end=\"\u015broda 3 maja 2023\">\n\t\t\t\t\t\t\t<time itemprop=\"dtstart\" datetime=\"2023-05-03T00:00:00+02:00\"><span class=\"date date-single\">3 maja 2023<\/span>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/time>\n\t\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_date --><span class=\"eventpost-status\">Scheduled<\/span>\n\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_date --><div class=\"event_data event_category \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"event_categories\">\t\t\t\t\t<span  class=\"event_category\">PressPOLSKA <\/span><\/span>\n\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_category --><div class=\"event_data event_location \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\n\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_location --><\/div><!-- .event_item --><div class=\"event_item event_past status-EventScheduled location-type-OfflineEventAttendanceMode language-Deutsch category-PressPOLSKA post_tag-PressPOLSKA\" data-color=\"000000\" style=\"\"><a href=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2023\/05\/03\/mateusz-morawiecki-the-constitution-of-polish-freedom\/\"><h5>Mateusz Morawiecki: The Constitution of Polish Freedom <\/h5><\/a><div class=\"event_data event_date \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"event_date\" data-start=\"\u015broda 3 maja 2023\" data-end=\"\u015broda 3 maja 2023\">\n\t\t\t\t\t\t\t<time itemprop=\"dtstart\" datetime=\"2023-05-03T00:00:00+02:00\"><span class=\"date date-single\">3 maja 2023<\/span>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/time>\n\t\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_date --><span class=\"eventpost-status\">Scheduled<\/span>\n\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_date --><div class=\"event_data event_category \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<span 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href=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2023\/02\/24\/polish-view-on-russias-full-scale-invasion-of-ukraine\/\"><h5>Polish View on Russia&#8217;s Full-Scale-Invasion of Ukraine <\/h5><\/a><div class=\"event_data event_date \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"event_date\" data-start=\"pi\u0105tek 24 lutego 2023\" data-end=\"pi\u0105tek 24 lutego 2023\">\n\t\t\t\t\t\t\t<time itemprop=\"dtstart\" datetime=\"2023-02-24T00:00:00+01:00\"><span class=\"date date-single\">24 lutego 2023<\/span>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/time>\n\t\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_date --><span class=\"eventpost-status\">Scheduled<\/span>\n\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_date --><div class=\"event_data event_category \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"event_categories\">\t\t\t\t\t<span  class=\"event_category\">PressPOLSKA <\/span><\/span>\n\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_category --><div class=\"event_data 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href=\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2022\/08\/22\/zbigniew-rau-freedom-and-equality\/\"><h5>Freedom and equality of nations are the only defence against the threat of imperialism <\/h5><\/a><div class=\"event_data event_date \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"event_date\" data-start=\"poniedzia\u0142ek 22 sierpnia 2022\" data-end=\"poniedzia\u0142ek 22 sierpnia 2022\">\n\t\t\t\t\t\t\t<time itemprop=\"dtstart\" datetime=\"2022-08-22T00:00:00+02:00\"><span class=\"date date-single\">22 sierpnia 2022<\/span>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/time>\n\t\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_date --><span class=\"eventpost-status\">Scheduled<\/span>\n\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_date --><div class=\"event_data event_category \" itemscope itemtype=\"http:\/\/microformats.org\/profile\/hcard\">\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"event_categories\">\t\t\t\t\t<span  class=\"event_category\">PressPOLSKA <\/span><\/span>\n\t\t\t\t\t<\/div><!-- .event_category 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Zusatzartikel zur Verfassung, durch den das Frauenwahlrecht eingef\u00fchrt wurde. Frauen verzichteten auf Korsetts, tanzten Charleston, rauchten \u00f6ffentlich Zigaretten, fluchten und trugen Herrenkleidung.\\nDownload als PDF (125 KB)\\nAm 1. August, als die Bolschewisten den Bug \u00fcberquerten, fand im Berliner Lustgarten eine Demonstration mehrerer Tausend Pazifisten statt. Ihr Motto \u201eNie wieder Krieg!\u201c drang jedoch nicht zu allen Deutschen durch. Manche empfanden Rachegel\u00fcste gegen\u00fcber den Franzosen und Briten oder betrachteten den Wehrdienst als Charakterschmiede und Pflicht eines jeden Patrioten.  Alle jedoch waren in Sorge, bald nichts mehr zu bei\u00dfen zu haben.\\nSeit dem Ende des \u201eGro\u00dfen Kriegs\u201c waren zwar schon mehrere Monate vergangen, seine Spuren waren jedoch auf Schritt und Tritt sichtbar. Sieger und Besiegte erwartete eine finanzielle Katastrophe. Die Umstellung der Wirtschaft auf Friedenszeiten m\u00fcndete in Rezession, Inflation, \u00dcberteuerung und Arbeitslosigkeit. Gewerkschaften riefen zu Streiks und Demonstrationen auf. Die Gro\u00dfst\u00e4dte rangen mit einer Plage \u2013 der Bettelei. Terroristen und ganz gew\u00f6hnliche Verbrecher sch\u00f6pften neue Kraft.\\nIm Feuerrauch\\nImmer noch kehrten demobilisierte Soldaten, h\u00e4ufig verletzt, nach Hause zur\u00fcck. Die Grenzen der neu entstandenen Staaten waren nach wie vor flie\u00dfend. Immer neue Fl\u00fcchtlingswellen zogen durch Europa \u2013 vor allem aus Russland, wo ein B\u00fcrgerkrieg tobte. Die Franzosen, die in den Osten Millionen investiert hatten, bildeten sich immer noch ein, dass sie die Gebiete wiedererlangen w\u00fcrden. Die Wei\u00dfe Armee lag jedoch in den letzten Z\u00fcgen. Die Roten besetzen Sibirien, drangen bis zum Pazifik und zur Arktis vor, befriedeten Kasachstan und bereiteten sich auf einen Angriff auf die kaukasischen Republiken vor. General Wrangel hielt sich zwar noch auf der Krim, aber an den baldigen Untergang des Bolschewismus wollte kaum noch jemand glauben.\\nIn Kleinasien donnerten ebenfalls die Kanonen. Die T\u00fcrken k\u00e4mpften gegen die Griechen, die vom Wiederaufbau des Byzantinischen Reichs mit Konstantinopel als Hauptstadt tr\u00e4umten. Am 10. August, als der Belagerungszustand \u00fcber Warschau verh\u00e4ngt wurde, zerlegten die Alliierten die \u00dcberbleibsel des Osmanischen Reichs. Der entm\u00fcndigte Sultan sah sich gezwungen, den Vertrag anzunehmen, die Vertragsbestimmungen mussten jedoch mit Gewalt ausgef\u00fchrt werden.\\nDer F\u00fchrer der t\u00fcrkischen Nationalisten Kemal Pascha berief in Ankara, das frei von Besatzungsm\u00e4chten war, eine Nationalversammlung ein und ging zur Gegenoffensive \u00fcber. Dann verjagte er zuerst die Franzosen aus S\u00fcdanatolien. Dies ging mit einem Massaker an den einheimischen Armeniern einher.\\nDie Griechen, die Smyrna besetzten, nach Konstantinopel den gr\u00f6\u00dften Hafen in der Region, begannen mit der Umsetzung ihrer \u201eMegali Idea\u201c (Gro\u00dfen Idee) in Form eines Pogroms im muslimischen Viertel und der Zerst\u00f6rung von Moscheen. Dabei handelte es sich um ein weiteres Glied in der Kette von Verbrechen, die das ethnische und religi\u00f6se Mosaik Kleinasiens zunichte machten. Der Traum von einer neuen hellenistischen Epoche l\u00f6ste sich zwei Jahre sp\u00e4ter in Nichts auf \u2013 zusammen mit dem Rauch der brennenden, von den T\u00fcrken zur\u00fcckeroberten Stadt Smyrna.\\nDer Offizier mit dem Schweinekopf\\nDie alte, vorindustrielle Welt lag im Sterben und die K\u00fcnstler waren die Ersten, die dies bemerkten. Im M\u00e4rz 1920 verk\u00fcndete der Apostel der Avantgarde Francis Picabia im Pariser Th\u00e9\u00e2tre de l'\u0152uvre das \u201eManifeste cannibaledada\u201c. Im April organisierten seine Br\u00fcder im Geiste eine Ausstellung im Hinterhof eines K\u00f6lner Brauhauses.\\nDie Besucher mussten die Ausstellung durch die Herrentoilette betreten und an einem kleinen M\u00e4dchen im Kommunionskleidchen vorbeigehen, das obsz\u00f6ne Gedichte vortrug. In einem Aquarium, das mit blutrot gef\u00e4rbtem Wasser gef\u00fcllt war, schwamm eine Frauenper\u00fccke und auf dem Boden des Aquariums lag ein Wecker. Man muss zugeben, dass die K\u00fcnstler die Reaktion der \u00d6ffentlichkeit vorhergesehen hatten: Neben einem der Exponate hing ein Beil an einer Kette, was eine klare Aufforderung zur Zerst\u00f6rung des \u201eWerks der Anti-Kunst\u201c war.\\nAm 30. Juni, dem Vorabend der Gr\u00fcndung des \u00fcberparteilichen Rats f\u00fcr Nationale Verteidigung durch die Polen, begann an der Spree die Erste Internationale Dada-Messe. Zu ihren Attraktionen geh\u00f6rte ein von der Decke h\u00e4ngender \u201ePreu\u00dfischer Erzengel\u201c \u2013 eine ausgestopfte Offiziersuniform mit einem Schweinekopf. Provokationen, die darauf ausgelegt waren, Skandale hervorzurufen, wurden \u2013 ebenso wie die extreme Politisierung, die Verachtung von Traditionen und ein absurder Humor \u2013 zum Markenzeichen der Dadaisten. Ohne Furcht vor der Abschw\u00e4chung der revolution\u00e4ren Welle erkl\u00e4rten die Ber\u00fchmtheiten der Bewegung ihre Solidarit\u00e4t mit Lenin und seinen Kameraden.\\nDer Primus der neuen \u00c4sthetik war Deutschland. In Berlin, der damals drittgr\u00f6\u00dften Stadt der Welt, gr\u00fcndete Erwin Piscator das \u201eProletarische Theater.\u201c Bei Potsdam wuchs St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck der rechter Winkel beraubte Einsteinturm empor \u2013 ein Symbol der Moderne in der Architektur. F\u00fcr die Mehrheit der Kulturkonsumenten war das avantgardistische Men\u00fc schwer verdaulich. Die These, dass Innovation das Hauptkriterium f\u00fcr den Wert von Kunst ist, war noch nicht zum Axiom geworden.\\nTeuflische Rhythmen\\nIm Kino waren Monster nach wie vor angesagt. Deutschland war die Wiege der am Makabren Gefallen findenden und mit krankhaftem Erotismus unterf\u00fctterten gothic novel. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass der filmische Horror ausgerechnet hier seinen Anfang fand. Seit Februar spukte \u201eDas Cabinet des Dr. Caligari\u201c \u00fcber die Leinw\u00e4nde, im Oktober fand die Urauff\u00fchrung des dritten (und einzigen bis heute erhaltenen) Teils des \u201eGolem\u201c statt.\\nIn \u00dcbersee str\u00f6mten die Massen in eine Verfilmung von \u201eDr. Jekylland und Mr. Hyde\u201c, auch wenn die kitschigen Melodramen mit Rudolph Valentino und der sinnlichen Apolonia Cha\u0142upiec \u2013 besser bekannt als Pola Negri \u2013 zugegebenerweise mehr Erfolg hatten.\\nUnd in der Literatur? Zur Bibel der \u201everlorenen Generation\u201c wurde die posthume Ausgabe der Gedichtsammlung Wilfred Owens, der kurz vor Kriegsende gefallen war. Mit einiger Versp\u00e4tung erblickte auch das 1916 von Agatha Christie geschriebene \u201eGeheimnisvolle Verbrechen in Styles\u201c das Licht der Welt \u2013 die erste Erz\u00e4hlung, in der der Detektiv Hercule Poirot auftauchte. Der Berufs-Provokateur D.H. Lawrence entt\u00e4uschte seine Fans nicht und baute in seine \u201eLiebenden Frauen\u201c ein bisexuelles Motiv ein.\\nDie Eliten lasen leidenschaftlich den vor Pessimismus strotzenden \u201eUntergang des Abendlandes\u201c von Oswald Spengler. In der zeitgleich erschienenen Streitschrift \u201ePreu\u00dfentum und Sozialismus\u201c, die an seine Landsleute gerichtet war, rief der Historiosoph zum Kampf gegen die zwei Plagen der Gegenwart auf: Demokratie und Kapitalismus. Die Deutschen w\u00fcrden es seiner Meinung nach nur dann schaffen, sich dem Aufstand der Armen und der Ausbreitung der farbigen Rassen entgegenzustellen, wenn sie mit eiserner Hand regiert w\u00fcrden.\\nAls Symptome des Untergangs der Zivilisation wurden neben den Ausschweifungen der Bolschewisten und Dadaisten auch die Entw\u00fcrfe der Architekten des Bauhauses angesehen, die angeblich einer \u201e\u00c4sthetik der Schwarzen\u201c huldigten. Zu einem weiteren Vorboten der Apokalypse wurde der Jazz, der die Welt in Coronavirus-Geschwindigkeit eroberte. New Orleans galt als Wiege der \u201eteuflischen Musik\u201c, aber in Chicago und im New Yorker Harlem, wo die Vorbehalte gegen schwarze und synkopierte Musik weniger ausgepr\u00e4gt waren, offenbarte der Jazz sein kommerzielles Potenzial.\\nDas Lied \u201eCrazy Blues\u201c, das am 10. August von Mamie Smith aufgenommen wurde, avancierte zur meistverkauften Platte des Jahres 1920. Und damit war nicht das letzte Wort der Sklaven-Nachkommen gesprochen. Es machten Ger\u00fcchte die Runde, dass ein gewisser Junge in einem Orchester auf einem der Dampfschiffe, die \u00fcber den Mississippi schipperten, dem Kornett unheimliche T\u00f6ne entlockt. Aufgrund seiner Geschw\u00e4tzigkeit nannte man ihn Satchelmouth. In Wirklichkeit hie\u00df er Louis Armstrong.\\nDer Mann auf den Schienen\\nFrankreich war die st\u00e4rkste Milit\u00e4rmacht in Europa, aber wirtschaftlich konnte es sich kaum auf den Beinen halten. Frieden zu schaffen stellte sich als noch schwieriger heraus als den Krieg zu gewinnen. In Paris glaubte man, dass die besiegten Deutschen \u201ef\u00fcr alles bezahlen\u201c w\u00fcrden. Im Juli wurde nach einer Reihe zwischenstaatlicher Verhandlungen beschlossen, dass Frankreich am meisten erhalten soll, 52 Prozent der Reparationen, eine genaue Summe wurde jedoch nicht festgelegt.\\nBerlin spielte angesichts des unentschlossenen Standpunkts Gro\u00dfbritanniens und der Meinungen von Experten wie beispielsweise John Keynes, die soufflierten, dass der beste Ausweg aus der Krise sei, Geld in die deutsche Wirtschaft zu pumpen, auf Zeit. Die Deutschen sabotierten ebenfalls die Abr\u00fcstung, zu der sie durch den Versailler Vertrag verpflichtet worden waren.\\nAm 23. Mai, als die Rote Armee vergebens versuchte, die polnische Front an der Ukraine zu durchbrechen, brach an der Staatsspitze Frankreichs eine Krise aus. Kurz vor Mitternacht traf ein Bahnw\u00e4rter aus Montargis auf eine \u00fcber die Gleise wandelnde Gestalt im Pyjama. \u201eMein Freund, du wirst es nicht glauben, aber ich bin der Pr\u00e4sident der Republik\u201c \u2013 erkl\u00e4rte der barf\u00fc\u00dfige und mit blauen Flecken \u00fcbers\u00e4te Mann.\\nDer Eisenbahner traute seinen Augen nicht. Er legte den Schlafwandler in sein eigenes Bett und rief einen Arzt. Unterdessen jagte der Pr\u00e4sidentenzug fr\u00f6hlich weiter gen S\u00fcden. Erst am n\u00e4chsten Morgen bemerkte der Diener, der das Staatsoberhaupt ergebnislos zu wecken suchte, dass das Schlafabteil leer war.\\nIn einer offiziellen Mitteilung wurde verk\u00fcndet, dass der 65-j\u00e4hrige Paul Deschanel durch das Fenster aus dem Zug gefallen sei, das er \u201ein dem Wunsch\u201c ge\u00f6ffnet habe, \u201edie Temperatur zu senken\u201c, und dass er nur leichte Verletzungen davongetragen habe. Die Presse \u00fcbte sich in bewundernswerter Zur\u00fcckhaltung, aber der Pr\u00e4sident kehrte nie wieder zu seiner alten Form zur\u00fcck. Als er gerade in Begleitung zweier Abgeordneter durch den Garten des \u00c9lys\u00e9e-Palasts schlenderte, beschloss er pl\u00f6tzlich, auf einen Baum zu klettern. Ein anderes Mal stand er um sechs Uhr morgens auf, um \u2013 angekleidet \u2013 ein Bad im Teich zu nehmen.\\nDie \u00c4rzte diagnostizierten Neurasthenie. Am 21. September wurde im Parlament ein Brief verlesen, in dem Deschanel aufgrund seines schlechten gesundheitlichen Zustands sein Amt zur Verf\u00fcgung stellte. Sieben Monate lang hatte er an der Spitze des Staates gestanden. Er zeichnete sich durch keinerlei Besonderheiten aus. Bekannt war er f\u00fcr seine eleganten Anz\u00fcge und seine Zuvorkommenheit, er bem\u00fchte sich um gute Beziehungen zu allen Parteien.\\nSeine Wahl war eine gro\u00dfe Sensation gewesen. Eigentlich hatte man erwartet, dass die Abgeordneten f\u00fcr den Ministerpr\u00e4sidenten \u2013 den \u201eTiger\u201c Georges Clemenceau \u2013 stimmen w\u00fcrden. Nach seiner Niederlage bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen f\u00fchlte sich der Vater des Sieges von 1918 von seinen undankbaren Landsleuten gekr\u00e4nkt, kehrte der Politik den R\u00fccken und fuhr nach Afrika und Asien, wo er die Gelegenheit hatte, echte Tiger zu jagen.\\nAn der Spitze der Regierung stand nunmehr der raffinierte Sozialist Alexandre Millerand. Er erkl\u00e4rte sich einverstanden, Nachfolger Deschanels im Pr\u00e4sidentenamt zu werden, da er wusste, dass er den Staat nach wie vor lenken w\u00fcrde \u2013 wenn auch nur vom R\u00fccksitz aus.\\nAuch die franz\u00f6sischen Katholiken hatten Grund zur Freude. Am 16. Mai wurde Jeanne d\u2018Arc von Papst Benedikt XV. heiliggesprochen.\\nGestern M\u00e4dchen, heute Flapper\\nDie Briten h\u00e4tten bestimmt \u00fcber die Probleme ihrer Nachbarn gespottet, wenn sie nicht selbst noch gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten gehabt h\u00e4tten. Irland trennten nur noch wenige Monate von seiner Abspaltung vom Vereinigten K\u00f6nigreich. Neben Unruhen in Belfast musste sich der Premierminister Lloyd George mit Bergarbeiter-Streiks herumschlagen. Nach au\u00dfen hin versuchten die Gro\u00dfm\u00e4chte jedoch, die Fasson zu bewahren. Man ging dazu \u00fcber, die geheimen Absprachen aus Kriegszeiten zu umzusetzen.\\nDie Araber mussten sich von ihrem Traum von der Selbstbestimmung verabschieden \u2013 Frankreich besetzte den Libanon und Syrien, Gro\u00dfbritannien den Irak, Jordanien und Pal\u00e4stina. Vor allem Letzteres wurde zu einer Quelle nicht enden wollender Schwierigkeiten. Der frisch gebackene Unterstaatssekret\u00e4r f\u00fcr Kolonien Winston Churchill klagte, dass das Empire sich um Gebiete bereicherte, die \u201evon aggressiven, aufbrausenden und arroganten Politikern und Theologen beherrscht werden, die noch dazu kein Geld haben\u201c.\\nDen Europ\u00e4ern wurde langsam bewusst, dass der gr\u00f6\u00dfte, ja vielleicht sogar einzige Sieger des \u201eGro\u00dfen Kriegs\u201c die Vereinigten Staaten von Amerika waren. Amerika setzte Trends. Kurzhaarfrisuren und kurze Plisseer\u00f6cke wurden zum Symbol der \u201ewilden Zwanziger\u201c. Am 2. November begann ein Radiosender in Pittsburgh als Erster weltweit, ein regelm\u00e4\u00dfiges Nachrichten- und Musikprogramm zu \u00fcbertragen. Der gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Eigent\u00fcmer hatte zuvor einen Vertrag mit einem lokalen Plattenladen abgeschlossen: Im Tausch gegen die neuesten Hits informierte er seine Zuh\u00f6rer in der Sendung, wo und zu welchem Preis sie diese erwerben konnten.\\nEine gute Zigarre ist die Basis\\nDurch das Verschulden der USA geriet das Versailler System direkt nach seiner Geburt in Turbulenzen. Der Senat, in dem mehrheitlich Gegner von Pr\u00e4sident Wilson vertreten waren, lehnte die Ratifizierung des Friedensvertrags und den Beitritt zum von ihm erdachten V\u00f6lkerbund ab \u2013 einer Organisation, die dauerhaften Frieden gew\u00e4hrleisten sollte. Die meisten Amerikaner unterst\u00fctzten den missionarischen Eifer Wilsons nicht. Er selbst, der seit Herbst 1919 aufgrund eines Schlaganfalls teilweise gel\u00e4hmt war, zeigte sich nicht mehr in der \u00d6ffentlichkeit. Die meiste Zeit verbrachte er in einem abgedunkelten Schlafzimmer.\\nDie Amtsgewalt \u00fcbte gewisserma\u00dfen Edith Wilson aus, eine wenig gebildete, aber resolute Frau. Sie war es, welche die Korrespondenz und den Zugang zu ihrem Mann kontrollierte, bei der Unterzeichnung von Dokumenten seine Hand f\u00fchrte und den Willen und die Entscheidungen des Kranken bekanntgab. \u201eDieses Land wird von einem Weib regiert!\u201c, schimpfte einer der Kongressabgeordneten.\\nDer Vizepr\u00e4sident Thomas Marhsall brannte nicht darauf, die Pflichten des Staatsoberhaupts zu \u00fcbernehmen. Er hatte den Ruf eines Faulpelzes und ging mit der Aussage in die Geschichte ein: \u201eWas dieses Land wirklich braucht, sind gute Zigarren f\u00fcr f\u00fcnf Dollar.\u201c\\nDieser Zustand dauerte bis zum Ende der Amtszeit im M\u00e4rz 1921 an. Zuvor hatten die Amerikaner im November einen neuen Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt \u2013 Warren G. Harding. Gemeinsam mit ihm tauchte im Wei\u00dfen Haus die \u201eOhio Gang\u201c auf \u2013 eine Gruppe alter Kumpel, mit denen der Vater der Nation bis zum Morgengrauen Poker spielte.\\nGin direkt aus der Wanne\\nDie neue Regierungs-Riege roch nach Korruption, im Leben der US-B\u00fcrger hielten hingegen tiefgreifende Ver\u00e4nderungen Einzug. Auf den Wegen und Stra\u00dfen waren schon fast 10 Mio. Automobile unterwegs, jeder dritte Haushalt machte vom Segen der Elektrizit\u00e4t Gebrauch. Seit einem Jahr galt die Prohibition, weniger Menschen erkrankten an Lebersch\u00e4den, die M\u00e4nner kamen n\u00fcchterner zur Arbeit. Gleichzeitig bl\u00fchten jedoch der Schwarzmarkt und die kriminelle Unterwelt auf.\\nDie Amerikaner brannten in gro\u00dfen Mengen Alkohol. \u201eLetzten Sonntag habe ich f\u00fcnf Gallonen Methodistenbr\u00e4u gebraut, sie aber zu fr\u00fch abgef\u00fcllt, was zu einer Reihe schrecklicher Explosionen gef\u00fchrt hat. Mein Nachbar ist schreiend aus dem Haus gelaufen. Er dachte, dass die Sowjets die Stadt eingenommen haben\u201c, gab ein bekannter Feuilletonist bekannt. Die Anh\u00e4nger h\u00e4rterer Getr\u00e4nke stellten hausgemachten \u201eBadewannen-Gin\u201c her. Eine Nebenwirkung der Prohibition war der verst\u00e4rkte Verkauf von Coca-Cola und Fruchts\u00e4ften. Sie wurden verwendet, um die verbotenen Drinks zu mischen.\\nEin pyramidales Gesch\u00e4ft\\nAm 18. August, als die von dem Wieprz aus vorsto\u00dfenden polnischen Truppen die bolschewistische Armee einkesselten, ratifizierte man in den USA den 19. Zusatzartikel zur Verfassung, durch den das Frauenwahlrecht eingef\u00fchrt wurde. Die Emanzipation machte kolossale Fortschritte. Frauen verzichteten auf Korsetts, tanzten Charleston, rauchten \u00f6ffentlich Zigaretten, fluchten, sa\u00dfen am Steuer, trugen Herrenkleidung und \u00fcbten m\u00e4nnliche Berufe aus.\\nW\u00e4hrend sich das Schicksal der Republik Polen bald entschied, posaunte die amerikanische Presse den Zusammenbruch von Charles Ponzis Finanzpyramide heraus. Dieser t\u00fcchtige Gesch\u00e4ftsmann hatte jedem, der seine Securities Exchange Company mit Bargeld versorgte, eine Rendite in H\u00f6he von 50 % versprochen. Einige Monate lang hielt er sein Wort, w\u00e4hrend er w\u00f6chentlich eine Million Dollar abr\u00e4umte.\\nSchlussendlich platzte die Spekulationsblase nach enth\u00fcllenden Artikeln in der \u201eBoston Post\u201c mit einem lauten Knall. Ponzi landete f\u00fcr f\u00fcnf Jahre hinter Gittern. Anschlie\u00dfend wurde er nach Italien abgeschoben, weil er keine US-amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft besa\u00df.\\nAm 16. September kam es zum ersten terroristischen Anschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. In der Wall Street wurden durch die Explosion eines mit Dynamit beladenen Pferdewagens 38 Personen get\u00f6tet und \u00fcber 400 Personen verletzt. Der T\u00e4ter dieses Massakers wurde nie gefasst, zweifellos war er jedoch ein erbitterter Gegner des Kapitalismus.\\nWie der Kaiser zum Holzf\u00e4ller wurde\\nDeutschland befand sich nach wie vor st\u00e4ndig unter Kontrolle. Das Land wurde (ebenso wie Ungarn, \u00d6sterreich, Bulgarien und die T\u00fcrkei) nicht zu den olympischen Sommerspielen in Antwerpen eingeladen, die im April begannen. In Artikel 227 des Versailler Vertrags war die Schaffung eines Tribunals vorgesehen, vor dem \u00fcber die Kriegsverbrecher geurteilt werden sollte.\\nDen Alliierten lag vor allem daran, Kaiser Wilhelm II., der sich in Holland aufhielt, auf die Anklagebank zu bringen. Man warf ihm \u201eVerbrechen gegen die internationale Moral\u201c vor. Es wurde sogar ein Ort f\u00fcr den Gerichtsprozess bestimmt \u2013 das Schloss von Dover.\\nDer gest\u00fcrzte Herrscher erhielt Briefe voller Beleidigungen und Drohungen. Die Nachricht, dass eine Gruppe amerikanischer Offiziere planen w\u00fcrde, ihn zu entf\u00fchren, entsetzte ihn so sehr, dass er begann, eine Krankheit vorzut\u00e4uschen und sich einen Bart wachsen zu lassen. Wilhelms Freunde tr\u00f6steten ihn damit, dass er im schlimmsten Fall wie Napoleon auf eine exotische Insel verbannt werden w\u00fcrde.\\nIm Januar und Februar stellten die Alliierten einen formellen Auslieferungsantrag, den die Holl\u00e4nder rundheraus ablehnten. Der Ex-Kaiser musste jedoch versprechen, dass er allen politischen Aktivit\u00e4ten vollkommen entsagen w\u00fcrde. Von dem Geld, das er von der preu\u00dfischen Regierung erhielt, kaufte er sich ein 60 Hektar gro\u00dfes Gut. In der Presse machten Bilder des Hohenzollern die Runde, auf denen er Holz f\u00e4llte und s\u00e4gte \u2013 das war seine neue Leidenschaft. Die Holzscheiben versah er mit Datum und Unterschrift, dann verschenkte er sie. Er lebte weiter in der Vorstellung, dass er eines Tages auf den Thron zur\u00fcckkehren werde.\\nGef\u00e4lschte Rubel, echtes Quecksilber\\nUnterdessen herrschte in der deutschen Politik ein wackeliges Gleichgewicht. Im M\u00e4rz zettelten Soldaten in Berlin einen vom Direktor der Kreditbank Wolfgang Kapp unterst\u00fctzten Putsch an. Nach einigen Tagen mussten sie jedoch wie begossene Pudel in ihre Kaserne zur\u00fcckkehren. Im April \u00fcbernahm im Ruhrgebiet die anarchistische Rote Ruhrarmee die Macht \u2013 mit \u00e4hnlichem Erfolg. Bei den Reichstagswahlen im Juni konnte kein eindeutiger Sieger ermittelt werden. In Deutschland brach das Zeitalter der Minderheitskabinette an.\\nIn Bayern schwang der 31-j\u00e4hrige Adolf Hitler bombastische Reden, in denen er eine j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung aufdeckte. Die \u201eM\u00fcnchener Post\u201c nannte ihn einen Kom\u00f6dianten und \u201eR\u00e4delsf\u00fchrer des P\u00f6bels\u201c. Obwohl sich der NSDAP-F\u00fchrer f\u00f6rmlich zerriss und kreuz und quer das Land bereiste, hatte seine Partei am Ende des Jahres kaum zweitausend Mitglieder (Anfang des Jahres waren es allerdings lediglich 190). Als gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung betrachtete die Polizei den ehemaligen deutschen Chef der Obersten Heeresleitung Erich von Ludendorff, der sich im Sommer in M\u00fcnchen niedergelassen hatte.\\nDer General schmiedete Pl\u00e4ne f\u00fcr einen antibolschewistischen Kreuzzug und den Umsturz des Versailler Systems. Der ungarische Reichsverweser Mikl\u00f3s Horthy empfing seine Emiss\u00e4re im Gegenzug f\u00fcr das Versprechen, dass die Wei\u00dfe Internationale zun\u00e4chst erst einmal die Tschechoslowakei platt machen w\u00fcrde, und erkl\u00e4rte sich damit einverstanden, das Unterfangen zu unterst\u00fctzen und beim Druck falscher Rubelnoten behilflich zu sein. Mit ihnen sollte der Sold der Armee bezahlt werden, die sich aus russischen Emigranten rekrutierte. Lediglich Pal Teleki, der Au\u00dfenminister und baldige Ministerpr\u00e4sident, widersetzte sich. Er sollte Recht behalten, denn einer der Verschw\u00f6rer (der seine j\u00fcdische Identit\u00e4t verborgen hielt) entpuppte sich als prinzipienloser Mensch. Er verkaufte den Tschechen die Aufzeichnungen vom Geheimtreffen f\u00fcr rund 500.000 Kronen (also ca. 40.000 Euro). Zum Jahresende ver\u00f6ffentlichte die britische \u201eTimes\u201c diese Unterlagen mit einem entsprechenden Kommentar, was die Wei\u00dfe Internationale kompromittierte, bevor sie etwas dagegen ausrichten konnte. Ludendorff fand schnell ein neues Lebensziel: Er beschloss, die Macht in Bayern zu erlangen und Gold aus Quecksilber herzustellen.\\nNicht auf den Dichter schie\u00dfen\\nIm Jahr 1920 war Gabriele D\u2018Annunzio der beliebteste italienische Dichter \u2013 der von seinen Anh\u00e4ngern \u201eIl Vate\u201c(Prophet) oder \u201eDuce\u201c (F\u00fchrer) genannt wurde. Der temperamentvolle Poet entschied kurzerhand \u00fcber einen der Gebietskonflikte Italiens mit dem K\u00f6nigreich der Serben, Kroaten und Slowenen, also Jugoslawien. An der Spitze einer Handvoll Freiwilliger besetzte er den Hafen Fiume (das heutige Rijeka) in der Adria und rief eine neue politische Einheit aus: Die italienische Regentschaft am Quarnero. Er r\u00e4umte den Frauen das Wahlrecht ein (die Italienerinnen mussten noch weitere 25 Jahre auf dieses Privileg warten) und gestattete ihnen, sich scheiden zu lassen. Er f\u00fchrte auch eine eigene W\u00e4hrung und den \u201er\u00f6mischen Gru\u00df\u201c mit dem rechten, ausgestreckten Arm ein.\\nNach Fiume kamen nach und nach Prominente, angef\u00fchrt vom Radio-Erfinder Marconi und dem Dirigenten Toscanini, und zahlreiche Sonderlinge. Ger\u00fcchte machten die Runde, dass die Stadt zu einem Paradies f\u00fcr Homosexuelle und Drogenabh\u00e4ngige geworden sei. Im September entwarf D\u2018Annunzio ein Wappen mit dem Sternbild des Gro\u00dfen B\u00e4ren und rief eine republikanische Verfassung aus, die er in Zukunft allen Landsleuten aufzwingen wollte.\\nEr erarbeitete sogar einen Plan f\u00fcr einen Marsch auf Rom, aber die italienische Regierung kam ihm zuvor. Man handelte mit Belgrad aus, dass Fiume den Status einer Freien Stadt erlangen sollte. Ausgerechnet am Heiligen Abend wurde die Regentschaft am Quarnero vom Meer aus angegriffen. Die 15-monatige Herrschaft des Poeten fand ihr Ende. Der verletzte und verbitterte D\u2018Annunzio zog sich aus der aktiven Politik zur\u00fcck und lie\u00df sich in einer Villa mit Blick auf den Gardasee nieder. Dort verbrachte er umgeben von Liebhaberinnen den Rest seines Lebens.\\nDer Mond \u00fcber London\\nBenito Mussolini, Chef einer faschistischen Kleinstpartei, r\u00fchrte keinen Finger, um seinem Idol zu helfen. Auch er wollte Duce werden. Auf \u00c4nderung seines Schicksals hoffte ebenso der 21-j\u00e4hrige Ernest Hemingway, der gerade als Journalist bei der kanadischen Zeitung \u201eToronto Star\u201c angefangen hatte. Der zwei Jahre \u00e4ltere Joseph Goebbels, Sympathisant der extremen Linken und ewiger Student, wollte Selbstmord begehen, nachdem ihm ein M\u00e4dchen (das er zuvor einem Freund ausgespannt hatte) einen Korb gegeben hatte.\\nDer 28-j\u00e4hrige Veteran Josip Broz fasste den Beschluss, nach Kroatien zur\u00fcckzukehren. An der Grenze wurde er festgenommen und gemeinsam mit seiner Frau, die er in Sibirien kennengelernt hatte, einer einw\u00f6chigen Quarant\u00e4ne unterstellt. Die Polizei vermutete (nicht unbegr\u00fcndet), dass er ein verdeckter Bolschewist sei. Stephan Bandera wurde im Gymnasium in Stryj unterrichtet. Nicolae Ceau\u0219escu hingegen, Sohn eines moldawischen S\u00e4ufers, l\u00f6ffelte Maisbrei in einem Haus aus Stroh und Lehm.\\nDie gescheiterte Selbstm\u00f6rderin Anna Anderson, die sich seit dem 17. Februar in einem Berliner Krankenhaus befand, war noch nicht auf den Gedanken gekommen, Bekannt zu geben, dass sie die auf wundersame Weise gerettete Tochter des russischen Zaren sei. In Barcelona feierte Antoni Gaudi einen Erfolg: Vier der achtzehn geplanten T\u00fcrme der gigantischen Basilika waren fertiggestellt worden. Niemand ahnte, dass die Sagrada Familia einhundert Jahre sp\u00e4ter immer noch nicht vollendet sein w\u00fcrde. Das Leben ging weiter. Am 18. August rollte der erste Nachtbus durch die Stra\u00dfen Londons.\\n \\n \\nQuelle: https:\/\/tygodnik.tvp.pl, 07.08.2020\\n\u00dcbersetzung: Agata Biernacka\\nRedaktion: Rainer Mende (Polnisches Institut Berlin \u2013 Filiale Leipzig)\\n \\nBilder: Obraz artystki malarki Kazimiery D\u0105browskiej przedstawiaj\u0105cy portret tancerki Haliny Szmolc\u00f3wny namalowany w 1920 roku &amp; Rysunek z 1929 roku artysty malarza Henryka Berlewiego przedstawiaj\u0105cy portret \u017cony dyplomaty Tadeusza Jackowskiego Anny Schildenfeld-Schiller \/ Narodowe Archiwum Cyfrowe (NAC)\\n \\n \"},{\"@type\":\"ImageObject\",\"inLanguage\":\"pl-PL\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2020\/10\/06\/womit-war-die-welt-beschaftigt\/#primaryimage\",\"url\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-2-NAC_cut-scaled.jpg\",\"contentUrl\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-2-NAC_cut-scaled.jpg\",\"width\":2560,\"height\":1923},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2020\/10\/06\/womit-war-die-welt-beschaftigt\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Home\",\"item\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"Womit war die Welt besch\u00e4ftigt &#8230;\"}]},{\"@type\":\"WebSite\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/#website\",\"url\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/\",\"name\":\"Instytut Polski w Lipsku\",\"description\":\"Kolejna witryna sieci &#8222;Instytuty Polskie&#8221;\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"SearchAction\",\"target\":{\"@type\":\"EntryPoint\",\"urlTemplate\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/?s={search_term_string}\"},\"query-input\":{\"@type\":\"PropertyValueSpecification\",\"valueRequired\":true,\"valueName\":\"search_term_string\"}}],\"inLanguage\":\"pl-PL\"},{\"@type\":\"Person\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/#\/schema\/person\/a74d20cf3dac53f5579b2a3ec40f22dd\",\"name\":\"Rainer Mende\",\"image\":{\"@type\":\"ImageObject\",\"inLanguage\":\"pl-PL\",\"@id\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/#\/schema\/person\/image\/\",\"url\":\"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/61382ed949dec269ce106c2fd5871a60?s=96&d=mm&r=g\",\"contentUrl\":\"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/61382ed949dec269ce106c2fd5871a60?s=96&d=mm&r=g\",\"caption\":\"Rainer Mende\"},\"url\":\"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/author\/mender\/\"}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","yoast_head_json":{"title":"Womit war die Welt besch\u00e4ftigt ... - Instytut Polski w Lipsku","robots":{"index":"index","follow":"follow","max-snippet":"max-snippet:-1","max-image-preview":"max-image-preview:large","max-video-preview":"max-video-preview:-1"},"canonical":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2020\/10\/06\/womit-war-die-welt-beschaftigt\/","og_locale":"pl_PL","og_type":"article","og_title":"Womit war die Welt besch\u00e4ftigt ... - Instytut Polski w Lipsku","og_description":"Als die von Wieprz aus vorsto\u00dfenden polnischen Truppen die bolschewistische Armee einkesselten, ratifizierte man in den USA den 19. 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Die Umstellung der Wirtschaft auf Friedenszeiten m\u00fcndete in Rezession, Inflation, \u00dcberteuerung und Arbeitslosigkeit. Gewerkschaften riefen zu Streiks und Demonstrationen auf. Die Gro\u00dfst\u00e4dte rangen mit einer Plage \u2013 der Bettelei. Terroristen und ganz gew\u00f6hnliche Verbrecher sch\u00f6pften neue Kraft.\nIm Feuerrauch\nImmer noch kehrten demobilisierte Soldaten, h\u00e4ufig verletzt, nach Hause zur\u00fcck. Die Grenzen der neu entstandenen Staaten waren nach wie vor flie\u00dfend. Immer neue Fl\u00fcchtlingswellen zogen durch Europa \u2013 vor allem aus Russland, wo ein B\u00fcrgerkrieg tobte. Die Franzosen, die in den Osten Millionen investiert hatten, bildeten sich immer noch ein, dass sie die Gebiete wiedererlangen w\u00fcrden. Die Wei\u00dfe Armee lag jedoch in den letzten Z\u00fcgen. Die Roten besetzen Sibirien, drangen bis zum Pazifik und zur Arktis vor, befriedeten Kasachstan und bereiteten sich auf einen Angriff auf die kaukasischen Republiken vor. General Wrangel hielt sich zwar noch auf der Krim, aber an den baldigen Untergang des Bolschewismus wollte kaum noch jemand glauben.\nIn Kleinasien donnerten ebenfalls die Kanonen. Die T\u00fcrken k\u00e4mpften gegen die Griechen, die vom Wiederaufbau des Byzantinischen Reichs mit Konstantinopel als Hauptstadt tr\u00e4umten. Am 10. August, als der Belagerungszustand \u00fcber Warschau verh\u00e4ngt wurde, zerlegten die Alliierten die \u00dcberbleibsel des Osmanischen Reichs. Der entm\u00fcndigte Sultan sah sich gezwungen, den Vertrag anzunehmen, die Vertragsbestimmungen mussten jedoch mit Gewalt ausgef\u00fchrt werden.\nDer F\u00fchrer der t\u00fcrkischen Nationalisten Kemal Pascha berief in Ankara, das frei von Besatzungsm\u00e4chten war, eine Nationalversammlung ein und ging zur Gegenoffensive \u00fcber. Dann verjagte er zuerst die Franzosen aus S\u00fcdanatolien. Dies ging mit einem Massaker an den einheimischen Armeniern einher.\nDie Griechen, die Smyrna besetzten, nach Konstantinopel den gr\u00f6\u00dften Hafen in der Region, begannen mit der Umsetzung ihrer \u201eMegali Idea\u201c (Gro\u00dfen Idee) in Form eines Pogroms im muslimischen Viertel und der Zerst\u00f6rung von Moscheen. Dabei handelte es sich um ein weiteres Glied in der Kette von Verbrechen, die das ethnische und religi\u00f6se Mosaik Kleinasiens zunichte machten. Der Traum von einer neuen hellenistischen Epoche l\u00f6ste sich zwei Jahre sp\u00e4ter in Nichts auf \u2013 zusammen mit dem Rauch der brennenden, von den T\u00fcrken zur\u00fcckeroberten Stadt Smyrna.\nDer Offizier mit dem Schweinekopf\nDie alte, vorindustrielle Welt lag im Sterben und die K\u00fcnstler waren die Ersten, die dies bemerkten. Im M\u00e4rz 1920 verk\u00fcndete der Apostel der Avantgarde Francis Picabia im Pariser Th\u00e9\u00e2tre de l'\u0152uvre das \u201eManifeste cannibaledada\u201c. Im April organisierten seine Br\u00fcder im Geiste eine Ausstellung im Hinterhof eines K\u00f6lner Brauhauses.\nDie Besucher mussten die Ausstellung durch die Herrentoilette betreten und an einem kleinen M\u00e4dchen im Kommunionskleidchen vorbeigehen, das obsz\u00f6ne Gedichte vortrug. In einem Aquarium, das mit blutrot gef\u00e4rbtem Wasser gef\u00fcllt war, schwamm eine Frauenper\u00fccke und auf dem Boden des Aquariums lag ein Wecker. Man muss zugeben, dass die K\u00fcnstler die Reaktion der \u00d6ffentlichkeit vorhergesehen hatten: Neben einem der Exponate hing ein Beil an einer Kette, was eine klare Aufforderung zur Zerst\u00f6rung des \u201eWerks der Anti-Kunst\u201c war.\nAm 30. Juni, dem Vorabend der Gr\u00fcndung des \u00fcberparteilichen Rats f\u00fcr Nationale Verteidigung durch die Polen, begann an der Spree die Erste Internationale Dada-Messe. Zu ihren Attraktionen geh\u00f6rte ein von der Decke h\u00e4ngender \u201ePreu\u00dfischer Erzengel\u201c \u2013 eine ausgestopfte Offiziersuniform mit einem Schweinekopf. Provokationen, die darauf ausgelegt waren, Skandale hervorzurufen, wurden \u2013 ebenso wie die extreme Politisierung, die Verachtung von Traditionen und ein absurder Humor \u2013 zum Markenzeichen der Dadaisten. Ohne Furcht vor der Abschw\u00e4chung der revolution\u00e4ren Welle erkl\u00e4rten die Ber\u00fchmtheiten der Bewegung ihre Solidarit\u00e4t mit Lenin und seinen Kameraden.\nDer Primus der neuen \u00c4sthetik war Deutschland. In Berlin, der damals drittgr\u00f6\u00dften Stadt der Welt, gr\u00fcndete Erwin Piscator das \u201eProletarische Theater.\u201c Bei Potsdam wuchs St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck der rechter Winkel beraubte Einsteinturm empor \u2013 ein Symbol der Moderne in der Architektur. F\u00fcr die Mehrheit der Kulturkonsumenten war das avantgardistische Men\u00fc schwer verdaulich. Die These, dass Innovation das Hauptkriterium f\u00fcr den Wert von Kunst ist, war noch nicht zum Axiom geworden.\nTeuflische Rhythmen\nIm Kino waren Monster nach wie vor angesagt. Deutschland war die Wiege der am Makabren Gefallen findenden und mit krankhaftem Erotismus unterf\u00fctterten gothic novel. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass der filmische Horror ausgerechnet hier seinen Anfang fand. Seit Februar spukte \u201eDas Cabinet des Dr. Caligari\u201c \u00fcber die Leinw\u00e4nde, im Oktober fand die Urauff\u00fchrung des dritten (und einzigen bis heute erhaltenen) Teils des \u201eGolem\u201c statt.\nIn \u00dcbersee str\u00f6mten die Massen in eine Verfilmung von \u201eDr. Jekylland und Mr. Hyde\u201c, auch wenn die kitschigen Melodramen mit Rudolph Valentino und der sinnlichen Apolonia Cha\u0142upiec \u2013 besser bekannt als Pola Negri \u2013 zugegebenerweise mehr Erfolg hatten.\nUnd in der Literatur? Zur Bibel der \u201everlorenen Generation\u201c wurde die posthume Ausgabe der Gedichtsammlung Wilfred Owens, der kurz vor Kriegsende gefallen war. Mit einiger Versp\u00e4tung erblickte auch das 1916 von Agatha Christie geschriebene \u201eGeheimnisvolle Verbrechen in Styles\u201c das Licht der Welt \u2013 die erste Erz\u00e4hlung, in der der Detektiv Hercule Poirot auftauchte. Der Berufs-Provokateur D.H. Lawrence entt\u00e4uschte seine Fans nicht und baute in seine \u201eLiebenden Frauen\u201c ein bisexuelles Motiv ein.\nDie Eliten lasen leidenschaftlich den vor Pessimismus strotzenden \u201eUntergang des Abendlandes\u201c von Oswald Spengler. In der zeitgleich erschienenen Streitschrift \u201ePreu\u00dfentum und Sozialismus\u201c, die an seine Landsleute gerichtet war, rief der Historiosoph zum Kampf gegen die zwei Plagen der Gegenwart auf: Demokratie und Kapitalismus. Die Deutschen w\u00fcrden es seiner Meinung nach nur dann schaffen, sich dem Aufstand der Armen und der Ausbreitung der farbigen Rassen entgegenzustellen, wenn sie mit eiserner Hand regiert w\u00fcrden.\nAls Symptome des Untergangs der Zivilisation wurden neben den Ausschweifungen der Bolschewisten und Dadaisten auch die Entw\u00fcrfe der Architekten des Bauhauses angesehen, die angeblich einer \u201e\u00c4sthetik der Schwarzen\u201c huldigten. Zu einem weiteren Vorboten der Apokalypse wurde der Jazz, der die Welt in Coronavirus-Geschwindigkeit eroberte. New Orleans galt als Wiege der \u201eteuflischen Musik\u201c, aber in Chicago und im New Yorker Harlem, wo die Vorbehalte gegen schwarze und synkopierte Musik weniger ausgepr\u00e4gt waren, offenbarte der Jazz sein kommerzielles Potenzial.\nDas Lied \u201eCrazy Blues\u201c, das am 10. August von Mamie Smith aufgenommen wurde, avancierte zur meistverkauften Platte des Jahres 1920. Und damit war nicht das letzte Wort der Sklaven-Nachkommen gesprochen. Es machten Ger\u00fcchte die Runde, dass ein gewisser Junge in einem Orchester auf einem der Dampfschiffe, die \u00fcber den Mississippi schipperten, dem Kornett unheimliche T\u00f6ne entlockt. Aufgrund seiner Geschw\u00e4tzigkeit nannte man ihn Satchelmouth. In Wirklichkeit hie\u00df er Louis Armstrong.\nDer Mann auf den Schienen\nFrankreich war die st\u00e4rkste Milit\u00e4rmacht in Europa, aber wirtschaftlich konnte es sich kaum auf den Beinen halten. Frieden zu schaffen stellte sich als noch schwieriger heraus als den Krieg zu gewinnen. In Paris glaubte man, dass die besiegten Deutschen \u201ef\u00fcr alles bezahlen\u201c w\u00fcrden. Im Juli wurde nach einer Reihe zwischenstaatlicher Verhandlungen beschlossen, dass Frankreich am meisten erhalten soll, 52 Prozent der Reparationen, eine genaue Summe wurde jedoch nicht festgelegt.\nBerlin spielte angesichts des unentschlossenen Standpunkts Gro\u00dfbritanniens und der Meinungen von Experten wie beispielsweise John Keynes, die soufflierten, dass der beste Ausweg aus der Krise sei, Geld in die deutsche Wirtschaft zu pumpen, auf Zeit. Die Deutschen sabotierten ebenfalls die Abr\u00fcstung, zu der sie durch den Versailler Vertrag verpflichtet worden waren.\nAm 23. Mai, als die Rote Armee vergebens versuchte, die polnische Front an der Ukraine zu durchbrechen, brach an der Staatsspitze Frankreichs eine Krise aus. Kurz vor Mitternacht traf ein Bahnw\u00e4rter aus Montargis auf eine \u00fcber die Gleise wandelnde Gestalt im Pyjama. \u201eMein Freund, du wirst es nicht glauben, aber ich bin der Pr\u00e4sident der Republik\u201c \u2013 erkl\u00e4rte der barf\u00fc\u00dfige und mit blauen Flecken \u00fcbers\u00e4te Mann.\nDer Eisenbahner traute seinen Augen nicht. Er legte den Schlafwandler in sein eigenes Bett und rief einen Arzt. Unterdessen jagte der Pr\u00e4sidentenzug fr\u00f6hlich weiter gen S\u00fcden. Erst am n\u00e4chsten Morgen bemerkte der Diener, der das Staatsoberhaupt ergebnislos zu wecken suchte, dass das Schlafabteil leer war.\nIn einer offiziellen Mitteilung wurde verk\u00fcndet, dass der 65-j\u00e4hrige Paul Deschanel durch das Fenster aus dem Zug gefallen sei, das er \u201ein dem Wunsch\u201c ge\u00f6ffnet habe, \u201edie Temperatur zu senken\u201c, und dass er nur leichte Verletzungen davongetragen habe. Die Presse \u00fcbte sich in bewundernswerter Zur\u00fcckhaltung, aber der Pr\u00e4sident kehrte nie wieder zu seiner alten Form zur\u00fcck. Als er gerade in Begleitung zweier Abgeordneter durch den Garten des \u00c9lys\u00e9e-Palasts schlenderte, beschloss er pl\u00f6tzlich, auf einen Baum zu klettern. Ein anderes Mal stand er um sechs Uhr morgens auf, um \u2013 angekleidet \u2013 ein Bad im Teich zu nehmen.\nDie \u00c4rzte diagnostizierten Neurasthenie. Am 21. September wurde im Parlament ein Brief verlesen, in dem Deschanel aufgrund seines schlechten gesundheitlichen Zustands sein Amt zur Verf\u00fcgung stellte. Sieben Monate lang hatte er an der Spitze des Staates gestanden. Er zeichnete sich durch keinerlei Besonderheiten aus. Bekannt war er f\u00fcr seine eleganten Anz\u00fcge und seine Zuvorkommenheit, er bem\u00fchte sich um gute Beziehungen zu allen Parteien.\nSeine Wahl war eine gro\u00dfe Sensation gewesen. Eigentlich hatte man erwartet, dass die Abgeordneten f\u00fcr den Ministerpr\u00e4sidenten \u2013 den \u201eTiger\u201c Georges Clemenceau \u2013 stimmen w\u00fcrden. Nach seiner Niederlage bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen f\u00fchlte sich der Vater des Sieges von 1918 von seinen undankbaren Landsleuten gekr\u00e4nkt, kehrte der Politik den R\u00fccken und fuhr nach Afrika und Asien, wo er die Gelegenheit hatte, echte Tiger zu jagen.\nAn der Spitze der Regierung stand nunmehr der raffinierte Sozialist Alexandre Millerand. Er erkl\u00e4rte sich einverstanden, Nachfolger Deschanels im Pr\u00e4sidentenamt zu werden, da er wusste, dass er den Staat nach wie vor lenken w\u00fcrde \u2013 wenn auch nur vom R\u00fccksitz aus.\nAuch die franz\u00f6sischen Katholiken hatten Grund zur Freude. Am 16. Mai wurde Jeanne d\u2018Arc von Papst Benedikt XV. heiliggesprochen.\nGestern M\u00e4dchen, heute Flapper\nDie Briten h\u00e4tten bestimmt \u00fcber die Probleme ihrer Nachbarn gespottet, wenn sie nicht selbst noch gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten gehabt h\u00e4tten. Irland trennten nur noch wenige Monate von seiner Abspaltung vom Vereinigten K\u00f6nigreich. Neben Unruhen in Belfast musste sich der Premierminister Lloyd George mit Bergarbeiter-Streiks herumschlagen. Nach au\u00dfen hin versuchten die Gro\u00dfm\u00e4chte jedoch, die Fasson zu bewahren. Man ging dazu \u00fcber, die geheimen Absprachen aus Kriegszeiten zu umzusetzen.\nDie Araber mussten sich von ihrem Traum von der Selbstbestimmung verabschieden \u2013 Frankreich besetzte den Libanon und Syrien, Gro\u00dfbritannien den Irak, Jordanien und Pal\u00e4stina. Vor allem Letzteres wurde zu einer Quelle nicht enden wollender Schwierigkeiten. Der frisch gebackene Unterstaatssekret\u00e4r f\u00fcr Kolonien Winston Churchill klagte, dass das Empire sich um Gebiete bereicherte, die \u201evon aggressiven, aufbrausenden und arroganten Politikern und Theologen beherrscht werden, die noch dazu kein Geld haben\u201c.\nDen Europ\u00e4ern wurde langsam bewusst, dass der gr\u00f6\u00dfte, ja vielleicht sogar einzige Sieger des \u201eGro\u00dfen Kriegs\u201c die Vereinigten Staaten von Amerika waren. Amerika setzte Trends. Kurzhaarfrisuren und kurze Plisseer\u00f6cke wurden zum Symbol der \u201ewilden Zwanziger\u201c. Am 2. November begann ein Radiosender in Pittsburgh als Erster weltweit, ein regelm\u00e4\u00dfiges Nachrichten- und Musikprogramm zu \u00fcbertragen. Der gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Eigent\u00fcmer hatte zuvor einen Vertrag mit einem lokalen Plattenladen abgeschlossen: Im Tausch gegen die neuesten Hits informierte er seine Zuh\u00f6rer in der Sendung, wo und zu welchem Preis sie diese erwerben konnten.\nEine gute Zigarre ist die Basis\nDurch das Verschulden der USA geriet das Versailler System direkt nach seiner Geburt in Turbulenzen. Der Senat, in dem mehrheitlich Gegner von Pr\u00e4sident Wilson vertreten waren, lehnte die Ratifizierung des Friedensvertrags und den Beitritt zum von ihm erdachten V\u00f6lkerbund ab \u2013 einer Organisation, die dauerhaften Frieden gew\u00e4hrleisten sollte. Die meisten Amerikaner unterst\u00fctzten den missionarischen Eifer Wilsons nicht. Er selbst, der seit Herbst 1919 aufgrund eines Schlaganfalls teilweise gel\u00e4hmt war, zeigte sich nicht mehr in der \u00d6ffentlichkeit. Die meiste Zeit verbrachte er in einem abgedunkelten Schlafzimmer.\nDie Amtsgewalt \u00fcbte gewisserma\u00dfen Edith Wilson aus, eine wenig gebildete, aber resolute Frau. Sie war es, welche die Korrespondenz und den Zugang zu ihrem Mann kontrollierte, bei der Unterzeichnung von Dokumenten seine Hand f\u00fchrte und den Willen und die Entscheidungen des Kranken bekanntgab. \u201eDieses Land wird von einem Weib regiert!\u201c, schimpfte einer der Kongressabgeordneten.\nDer Vizepr\u00e4sident Thomas Marhsall brannte nicht darauf, die Pflichten des Staatsoberhaupts zu \u00fcbernehmen. Er hatte den Ruf eines Faulpelzes und ging mit der Aussage in die Geschichte ein: \u201eWas dieses Land wirklich braucht, sind gute Zigarren f\u00fcr f\u00fcnf Dollar.\u201c\nDieser Zustand dauerte bis zum Ende der Amtszeit im M\u00e4rz 1921 an. Zuvor hatten die Amerikaner im November einen neuen Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt \u2013 Warren G. Harding. Gemeinsam mit ihm tauchte im Wei\u00dfen Haus die \u201eOhio Gang\u201c auf \u2013 eine Gruppe alter Kumpel, mit denen der Vater der Nation bis zum Morgengrauen Poker spielte.\nGin direkt aus der Wanne\nDie neue Regierungs-Riege roch nach Korruption, im Leben der US-B\u00fcrger hielten hingegen tiefgreifende Ver\u00e4nderungen Einzug. Auf den Wegen und Stra\u00dfen waren schon fast 10 Mio. Automobile unterwegs, jeder dritte Haushalt machte vom Segen der Elektrizit\u00e4t Gebrauch. Seit einem Jahr galt die Prohibition, weniger Menschen erkrankten an Lebersch\u00e4den, die M\u00e4nner kamen n\u00fcchterner zur Arbeit. Gleichzeitig bl\u00fchten jedoch der Schwarzmarkt und die kriminelle Unterwelt auf.\nDie Amerikaner brannten in gro\u00dfen Mengen Alkohol. \u201eLetzten Sonntag habe ich f\u00fcnf Gallonen Methodistenbr\u00e4u gebraut, sie aber zu fr\u00fch abgef\u00fcllt, was zu einer Reihe schrecklicher Explosionen gef\u00fchrt hat. Mein Nachbar ist schreiend aus dem Haus gelaufen. Er dachte, dass die Sowjets die Stadt eingenommen haben\u201c, gab ein bekannter Feuilletonist bekannt. Die Anh\u00e4nger h\u00e4rterer Getr\u00e4nke stellten hausgemachten \u201eBadewannen-Gin\u201c her. Eine Nebenwirkung der Prohibition war der verst\u00e4rkte Verkauf von Coca-Cola und Fruchts\u00e4ften. Sie wurden verwendet, um die verbotenen Drinks zu mischen.\nEin pyramidales Gesch\u00e4ft\nAm 18. August, als die von dem Wieprz aus vorsto\u00dfenden polnischen Truppen die bolschewistische Armee einkesselten, ratifizierte man in den USA den 19. Zusatzartikel zur Verfassung, durch den das Frauenwahlrecht eingef\u00fchrt wurde. Die Emanzipation machte kolossale Fortschritte. Frauen verzichteten auf Korsetts, tanzten Charleston, rauchten \u00f6ffentlich Zigaretten, fluchten, sa\u00dfen am Steuer, trugen Herrenkleidung und \u00fcbten m\u00e4nnliche Berufe aus.\nW\u00e4hrend sich das Schicksal der Republik Polen bald entschied, posaunte die amerikanische Presse den Zusammenbruch von Charles Ponzis Finanzpyramide heraus. Dieser t\u00fcchtige Gesch\u00e4ftsmann hatte jedem, der seine Securities Exchange Company mit Bargeld versorgte, eine Rendite in H\u00f6he von 50 % versprochen. Einige Monate lang hielt er sein Wort, w\u00e4hrend er w\u00f6chentlich eine Million Dollar abr\u00e4umte.\nSchlussendlich platzte die Spekulationsblase nach enth\u00fcllenden Artikeln in der \u201eBoston Post\u201c mit einem lauten Knall. Ponzi landete f\u00fcr f\u00fcnf Jahre hinter Gittern. Anschlie\u00dfend wurde er nach Italien abgeschoben, weil er keine US-amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft besa\u00df.\nAm 16. September kam es zum ersten terroristischen Anschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. In der Wall Street wurden durch die Explosion eines mit Dynamit beladenen Pferdewagens 38 Personen get\u00f6tet und \u00fcber 400 Personen verletzt. Der T\u00e4ter dieses Massakers wurde nie gefasst, zweifellos war er jedoch ein erbitterter Gegner des Kapitalismus.\nWie der Kaiser zum Holzf\u00e4ller wurde\nDeutschland befand sich nach wie vor st\u00e4ndig unter Kontrolle. Das Land wurde (ebenso wie Ungarn, \u00d6sterreich, Bulgarien und die T\u00fcrkei) nicht zu den olympischen Sommerspielen in Antwerpen eingeladen, die im April begannen. In Artikel 227 des Versailler Vertrags war die Schaffung eines Tribunals vorgesehen, vor dem \u00fcber die Kriegsverbrecher geurteilt werden sollte.\nDen Alliierten lag vor allem daran, Kaiser Wilhelm II., der sich in Holland aufhielt, auf die Anklagebank zu bringen. Man warf ihm \u201eVerbrechen gegen die internationale Moral\u201c vor. Es wurde sogar ein Ort f\u00fcr den Gerichtsprozess bestimmt \u2013 das Schloss von Dover.\nDer gest\u00fcrzte Herrscher erhielt Briefe voller Beleidigungen und Drohungen. Die Nachricht, dass eine Gruppe amerikanischer Offiziere planen w\u00fcrde, ihn zu entf\u00fchren, entsetzte ihn so sehr, dass er begann, eine Krankheit vorzut\u00e4uschen und sich einen Bart wachsen zu lassen. Wilhelms Freunde tr\u00f6steten ihn damit, dass er im schlimmsten Fall wie Napoleon auf eine exotische Insel verbannt werden w\u00fcrde.\nIm Januar und Februar stellten die Alliierten einen formellen Auslieferungsantrag, den die Holl\u00e4nder rundheraus ablehnten. Der Ex-Kaiser musste jedoch versprechen, dass er allen politischen Aktivit\u00e4ten vollkommen entsagen w\u00fcrde. Von dem Geld, das er von der preu\u00dfischen Regierung erhielt, kaufte er sich ein 60 Hektar gro\u00dfes Gut. In der Presse machten Bilder des Hohenzollern die Runde, auf denen er Holz f\u00e4llte und s\u00e4gte \u2013 das war seine neue Leidenschaft. Die Holzscheiben versah er mit Datum und Unterschrift, dann verschenkte er sie. Er lebte weiter in der Vorstellung, dass er eines Tages auf den Thron zur\u00fcckkehren werde.\nGef\u00e4lschte Rubel, echtes Quecksilber\nUnterdessen herrschte in der deutschen Politik ein wackeliges Gleichgewicht. Im M\u00e4rz zettelten Soldaten in Berlin einen vom Direktor der Kreditbank Wolfgang Kapp unterst\u00fctzten Putsch an. Nach einigen Tagen mussten sie jedoch wie begossene Pudel in ihre Kaserne zur\u00fcckkehren. Im April \u00fcbernahm im Ruhrgebiet die anarchistische Rote Ruhrarmee die Macht \u2013 mit \u00e4hnlichem Erfolg. Bei den Reichstagswahlen im Juni konnte kein eindeutiger Sieger ermittelt werden. In Deutschland brach das Zeitalter der Minderheitskabinette an.\nIn Bayern schwang der 31-j\u00e4hrige Adolf Hitler bombastische Reden, in denen er eine j\u00fcdische Weltverschw\u00f6rung aufdeckte. Die \u201eM\u00fcnchener Post\u201c nannte ihn einen Kom\u00f6dianten und \u201eR\u00e4delsf\u00fchrer des P\u00f6bels\u201c. Obwohl sich der NSDAP-F\u00fchrer f\u00f6rmlich zerriss und kreuz und quer das Land bereiste, hatte seine Partei am Ende des Jahres kaum zweitausend Mitglieder (Anfang des Jahres waren es allerdings lediglich 190). Als gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Ordnung betrachtete die Polizei den ehemaligen deutschen Chef der Obersten Heeresleitung Erich von Ludendorff, der sich im Sommer in M\u00fcnchen niedergelassen hatte.\nDer General schmiedete Pl\u00e4ne f\u00fcr einen antibolschewistischen Kreuzzug und den Umsturz des Versailler Systems. Der ungarische Reichsverweser Mikl\u00f3s Horthy empfing seine Emiss\u00e4re im Gegenzug f\u00fcr das Versprechen, dass die Wei\u00dfe Internationale zun\u00e4chst erst einmal die Tschechoslowakei platt machen w\u00fcrde, und erkl\u00e4rte sich damit einverstanden, das Unterfangen zu unterst\u00fctzen und beim Druck falscher Rubelnoten behilflich zu sein. Mit ihnen sollte der Sold der Armee bezahlt werden, die sich aus russischen Emigranten rekrutierte. Lediglich Pal Teleki, der Au\u00dfenminister und baldige Ministerpr\u00e4sident, widersetzte sich. Er sollte Recht behalten, denn einer der Verschw\u00f6rer (der seine j\u00fcdische Identit\u00e4t verborgen hielt) entpuppte sich als prinzipienloser Mensch. Er verkaufte den Tschechen die Aufzeichnungen vom Geheimtreffen f\u00fcr rund 500.000 Kronen (also ca. 40.000 Euro). Zum Jahresende ver\u00f6ffentlichte die britische \u201eTimes\u201c diese Unterlagen mit einem entsprechenden Kommentar, was die Wei\u00dfe Internationale kompromittierte, bevor sie etwas dagegen ausrichten konnte. Ludendorff fand schnell ein neues Lebensziel: Er beschloss, die Macht in Bayern zu erlangen und Gold aus Quecksilber herzustellen.\nNicht auf den Dichter schie\u00dfen\nIm Jahr 1920 war Gabriele D\u2018Annunzio der beliebteste italienische Dichter \u2013 der von seinen Anh\u00e4ngern \u201eIl Vate\u201c(Prophet) oder \u201eDuce\u201c (F\u00fchrer) genannt wurde. Der temperamentvolle Poet entschied kurzerhand \u00fcber einen der Gebietskonflikte Italiens mit dem K\u00f6nigreich der Serben, Kroaten und Slowenen, also Jugoslawien. An der Spitze einer Handvoll Freiwilliger besetzte er den Hafen Fiume (das heutige Rijeka) in der Adria und rief eine neue politische Einheit aus: Die italienische Regentschaft am Quarnero. Er r\u00e4umte den Frauen das Wahlrecht ein (die Italienerinnen mussten noch weitere 25 Jahre auf dieses Privileg warten) und gestattete ihnen, sich scheiden zu lassen. Er f\u00fchrte auch eine eigene W\u00e4hrung und den \u201er\u00f6mischen Gru\u00df\u201c mit dem rechten, ausgestreckten Arm ein.\nNach Fiume kamen nach und nach Prominente, angef\u00fchrt vom Radio-Erfinder Marconi und dem Dirigenten Toscanini, und zahlreiche Sonderlinge. Ger\u00fcchte machten die Runde, dass die Stadt zu einem Paradies f\u00fcr Homosexuelle und Drogenabh\u00e4ngige geworden sei. Im September entwarf D\u2018Annunzio ein Wappen mit dem Sternbild des Gro\u00dfen B\u00e4ren und rief eine republikanische Verfassung aus, die er in Zukunft allen Landsleuten aufzwingen wollte.\nEr erarbeitete sogar einen Plan f\u00fcr einen Marsch auf Rom, aber die italienische Regierung kam ihm zuvor. Man handelte mit Belgrad aus, dass Fiume den Status einer Freien Stadt erlangen sollte. Ausgerechnet am Heiligen Abend wurde die Regentschaft am Quarnero vom Meer aus angegriffen. Die 15-monatige Herrschaft des Poeten fand ihr Ende. Der verletzte und verbitterte D\u2018Annunzio zog sich aus der aktiven Politik zur\u00fcck und lie\u00df sich in einer Villa mit Blick auf den Gardasee nieder. Dort verbrachte er umgeben von Liebhaberinnen den Rest seines Lebens.\nDer Mond \u00fcber London\nBenito Mussolini, Chef einer faschistischen Kleinstpartei, r\u00fchrte keinen Finger, um seinem Idol zu helfen. Auch er wollte Duce werden. Auf \u00c4nderung seines Schicksals hoffte ebenso der 21-j\u00e4hrige Ernest Hemingway, der gerade als Journalist bei der kanadischen Zeitung \u201eToronto Star\u201c angefangen hatte. Der zwei Jahre \u00e4ltere Joseph Goebbels, Sympathisant der extremen Linken und ewiger Student, wollte Selbstmord begehen, nachdem ihm ein M\u00e4dchen (das er zuvor einem Freund ausgespannt hatte) einen Korb gegeben hatte.\nDer 28-j\u00e4hrige Veteran Josip Broz fasste den Beschluss, nach Kroatien zur\u00fcckzukehren. An der Grenze wurde er festgenommen und gemeinsam mit seiner Frau, die er in Sibirien kennengelernt hatte, einer einw\u00f6chigen Quarant\u00e4ne unterstellt. Die Polizei vermutete (nicht unbegr\u00fcndet), dass er ein verdeckter Bolschewist sei. Stephan Bandera wurde im Gymnasium in Stryj unterrichtet. Nicolae Ceau\u0219escu hingegen, Sohn eines moldawischen S\u00e4ufers, l\u00f6ffelte Maisbrei in einem Haus aus Stroh und Lehm.\nDie gescheiterte Selbstm\u00f6rderin Anna Anderson, die sich seit dem 17. Februar in einem Berliner Krankenhaus befand, war noch nicht auf den Gedanken gekommen, Bekannt zu geben, dass sie die auf wundersame Weise gerettete Tochter des russischen Zaren sei. In Barcelona feierte Antoni Gaudi einen Erfolg: Vier der achtzehn geplanten T\u00fcrme der gigantischen Basilika waren fertiggestellt worden. Niemand ahnte, dass die Sagrada Familia einhundert Jahre sp\u00e4ter immer noch nicht vollendet sein w\u00fcrde. Das Leben ging weiter. Am 18. August rollte der erste Nachtbus durch die Stra\u00dfen Londons.\n \n \nQuelle: https:\/\/tygodnik.tvp.pl, 07.08.2020\n\u00dcbersetzung: Agata Biernacka\nRedaktion: Rainer Mende (Polnisches Institut Berlin \u2013 Filiale Leipzig)\n \nBilder: Obraz artystki malarki Kazimiery D\u0105browskiej przedstawiaj\u0105cy portret tancerki Haliny Szmolc\u00f3wny namalowany w 1920 roku &amp; Rysunek z 1929 roku artysty malarza Henryka Berlewiego przedstawiaj\u0105cy portret \u017cony dyplomaty Tadeusza Jackowskiego Anny Schildenfeld-Schiller \/ Narodowe Archiwum Cyfrowe (NAC)\n \n "},{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2020\/10\/06\/womit-war-die-welt-beschaftigt\/#primaryimage","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-2-NAC_cut-scaled.jpg","contentUrl":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-content\/uploads\/sites\/29\/2020\/10\/2020-10-01-Wieslaw-Chelminiak-Womit-war-die-Welt-beschaeftigt-Bild-2-NAC_cut-scaled.jpg","width":2560,"height":1923},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/2020\/10\/06\/womit-war-die-welt-beschaftigt\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Home","item":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Womit war die Welt besch\u00e4ftigt &#8230;"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/#website","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/","name":"Instytut Polski w Lipsku","description":"Kolejna witryna sieci &#8222;Instytuty Polskie&#8221;","potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"pl-PL"},{"@type":"Person","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/#\/schema\/person\/a74d20cf3dac53f5579b2a3ec40f22dd","name":"Rainer Mende","image":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/#\/schema\/person\/image\/","url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/61382ed949dec269ce106c2fd5871a60?s=96&d=mm&r=g","contentUrl":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/61382ed949dec269ce106c2fd5871a60?s=96&d=mm&r=g","caption":"Rainer Mende"},"url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/author\/mender\/"}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/users\/79"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2331"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2595,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2331\/revisions\/2595"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2338"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/leipzig\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}