{"id":5230,"date":"2020-08-31T16:35:21","date_gmt":"2020-08-31T14:35:21","guid":{"rendered":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/?p=5230"},"modified":"2020-09-08T11:45:13","modified_gmt":"2020-09-08T09:45:13","slug":"die-kraft-der-solidaritat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/08\/31\/die-kraft-der-solidaritat\/","title":{"rendered":"Die Kraft der Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify\">Die Entstehung der Solidarno\u015b\u0107 war gegen Ende des 20. Jahrhunderts eines der wichtigsten Ereignisse in Polen, aber auch in der ganzen Welt. Sie war der Moment, der das Wesen des leninistischen Systems ver\u00e4nderte. Bis dahin hatte die kommunistische Partei in diesem System das Herrschaftsmonopol. Dies \u00e4nderte sich mit der Gr\u00fcndung der Solidarno\u015b\u0107. Damals bildete sich eine Generation von Aktivisten heraus, die sich sp\u00e4ter an den runden Tisch setzte, um zu verhandeln, und schlie\u00dflich eine Schl\u00fcsselrolle im demokratischen Polen spielte. Ohne die Augustabkommen und ohne die Solidarno\u015b\u0107, die als Ergebnis dieser Gespr\u00e4che entstand, h\u00e4tte es die Wahlen vom 4. Juni 1989 nicht gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Tatsache, dass am 31. August 1980 die Existenz der Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107 legalisiert wurde, war aus drei Gr\u00fcnden wesentlich. Erstens war dies ein Signal daf\u00fcr, dass der Kommunismus nicht ewig w\u00e4hren w\u00fcrde. Bis dahin schien dieses System un\u00fcberwindbar zu sein, niemand konnte sich vorstellen, eine Alternative dazu vorzuschlagen. Zweitens bewies die Solidarno\u015b\u0107, dass ein neues Nachkriegspolen entstanden war; dass es nicht nur einen kommunistischen Staat gab, sondern auch eine polnische Bev\u00f6lkerung, die sich mit ihm nicht identifizierte. Drittens bewies die Solidarno\u015b\u0107, dass in Polen eine echte B\u00fcrgergesellschaft existierte, die tats\u00e4chlich \u00fcber ihre Werte und die Richtung der Entwicklung diskutierte. Die Solidarno\u015b\u0107 erm\u00f6glichte diese Diskussion.<\/p>\n<div data-section-type=\"image\" data-position=\"center\" data-size=\"large\">\n<div>\n<figure data-type=\"image\" data-fullscreen-enabled=\"true\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.derstandard.at\/img\/2020\/08\/30\/3A3C603F-9BBB-4B01-B69F-D45DF31D1A48.JPG?w=750&amp;s=138c92a8\" data-fullscreen-src=\"\/\/images.derstandard.at\/img\/2020\/08\/30\/3A3C603F-9BBB-4B01-B69F-D45DF31D1A48.JPG?w=1600&amp;s=e833cfa0\" \/><button class=\"figure-fullscreen-trigger js-fullscreen-trigger\"><\/button>\n<figcaption>Lech Wa\u0142\u0119sa, der Vorsitzende der Solidarno\u015b\u0107 und sp\u00e4tere Pr\u00e4sident Polens, in den Augusttagen des Jahres 1980 in der bestreikten Danziger Werft.<\/figcaption>\n<footer>Foto: Reuters \/ Forum \/ Erazm Cioleki<\/footer><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n<h3 style=\"text-align: justify\"><b>Neue Bewegung<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify\">In Polen lernten Generationen von Oppositionellen von den vorherigen, von jenen, die fr\u00fcher protestiert hatten. Solche Erfahrungen sind in einer Situation, in der Zusammenarbeit z\u00e4hlt und der Aufbau von Beziehungen unerl\u00e4sslich ist, ein \u00fcberaus wertvolles Kapital. Die Streiks selbst waren nicht nur ein Ausdruck von Protest, sondern bildeten auch den Rahmen, um eine neue Bewegung aufzubauen und neue Strukturen zu schaffen. Das war im August 1980 in der Danziger Werft das Wichtigste. Man darf die Streiks nicht nur als Aufstand gegen die kommunistische Herrschaft betrachten, sondern auch als ein Beispiel f\u00fcr langfristiges Denken, f\u00fcr den Aufbau einer Bewegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Zusammenbruch des Kommunismus war auch die Folge der Politik Michail Gorbatschows. Der sowjetische Staatsmann verstand offensichtlich nicht, inwieweit das \u00e4u\u00dfere Imperium ein integraler Bestandteil des gesamten Systems war. Heute kritisieren die Russen Gorbatschow f\u00fcr seine Ende der 80er-Jahre gefassten Entscheidungen. Doch diese Kritik ist \u00fcbertrieben. Gewiss, er hat taktische Fehler gemacht, aber sein politisches Konzept war ein sehr mutiges Experiment. Das Wesen dieses Konzepts hatte er Erich Honecker, dem kommunistischen Anf\u00fchrer der DDR, vorgestellt, dem er ausdr\u00fccklich sagte, er w\u00fcrde jedem Staat des sozialistischen Blocks gestatten, seinen eigenen Entwicklungsweg zu w\u00e4hlen. Das war ein \u00fcberaus wichtiger historischer Schritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dieser Schritt erwies sich als taktischer Fehler, da es zu jener Zeit in Polen bereits Aktivisten gab, die bereit waren, die sich bietenden Chancen sofort zu nutzen. Auf der anderen Seite musste das kommunistische Regime \u2013 gem\u00e4\u00df den Richtlinien Gorbatschows \u2013 mit jemandem Verhandlungen aufnehmen, und in Polen hatten sie diesen jemand. Auf diese Weise begann jener Prozess, der letztendlich zur Demontage des Kommunismus f\u00fchrte.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify\"><b>Vergessene Solidarit\u00e4t<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify\">Die L\u00e4nder Mitteleuropas wussten die Gelegenheit, die sich ihnen nach dem Fall des Kommunismus er\u00f6ffnet hatte, hervorragend zu nutzen. Mit einem Vorbehalt: Im Verlauf des Wandels ging der politische Gedanke, der in den 70er- und 80er-Jahren entstanden war, verloren. Ab 1989 folgte man einfachsten Handlungspl\u00e4nen, die die Politik auf Wirtschaftbelange reduzierten. Man begeisterte sich unreflektiert f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten, die die freie Marktwirtschaft bot, im Glauben, diese werde alle Probleme l\u00f6sen. Aber dem ist nicht so. Auch bei der Einf\u00fchrung der freien Marktwirtschaft darf man die Politik nicht au\u00dfer Acht lassen. Und daran fehlte es in den 90er-Jahren. Sehr schnell verga\u00dfen sowohl Polen als auch die anderen L\u00e4nder des ehemaligen Ostblocks auf die schlichte und einfache Solidarit\u00e4t. Die Ereignisse des Jahres 1989 w\u00e4ren ohne die Solidarno\u015b\u0107-Bewegung nicht m\u00f6glich gewesen, aber auch nicht ohne die zwischenmenschliche Solidarit\u00e4t in ihrer traditionellen Bedeutung. Sp\u00e4ter wurde sie hintangestellt. Die Konsequenzen dieser mangelnden Solidarit\u00e4t sind in den L\u00e4ndern der gesamten postkommunistischen Region bis heute sp\u00fcrbar. (Timothy Snyder, 31.8.2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entstehung der Solidarno\u015b\u0107 war gegen Ende des 20. Jahrhunderts eines der wichtigsten Ereignisse in Polen, aber auch in der ganzen Welt. Sie war der Moment, der das Wesen des leninistischen Systems ver\u00e4nderte. Bis dahin hatte die kommunistische Partei in diesem System das Herrschaftsmonopol. Dies \u00e4nderte sich mit der Gr\u00fcndung der Solidarno\u015b\u0107. 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Bis dahin schien dieses System un\u00fcberwindbar zu sein, niemand konnte sich vorstellen, eine Alternative dazu vorzuschlagen. Zweitens bewies die Solidarno\u015b\u0107, dass ein neues Nachkriegspolen entstanden war; dass es nicht nur einen kommunistischen Staat gab, sondern auch eine polnische Bev\u00f6lkerung, die sich mit ihm nicht identifizierte. Drittens bewies die Solidarno\u015b\u0107, dass in Polen eine echte B\u00fcrgergesellschaft existierte, die tats\u00e4chlich \u00fcber ihre Werte und die Richtung der Entwicklung diskutierte. Die Solidarno\u015b\u0107 erm\u00f6glichte diese Diskussion.\nLech Wa\u0142\u0119sa, der Vorsitzende der Solidarno\u015b\u0107 und sp\u00e4tere Pr\u00e4sident Polens, in den Augusttagen des Jahres 1980 in der bestreikten Danziger Werft.\nFoto: Reuters \/ Forum \/ Erazm Cioleki\nNeue Bewegung\nIn Polen lernten Generationen von Oppositionellen von den vorherigen, von jenen, die fr\u00fcher protestiert hatten. Solche Erfahrungen sind in einer Situation, in der Zusammenarbeit z\u00e4hlt und der Aufbau von Beziehungen unerl\u00e4sslich ist, ein \u00fcberaus wertvolles Kapital. Die Streiks selbst waren nicht nur ein Ausdruck von Protest, sondern bildeten auch den Rahmen, um eine neue Bewegung aufzubauen und neue Strukturen zu schaffen. Das war im August 1980 in der Danziger Werft das Wichtigste. Man darf die Streiks nicht nur als Aufstand gegen die kommunistische Herrschaft betrachten, sondern auch als ein Beispiel f\u00fcr langfristiges Denken, f\u00fcr den Aufbau einer Bewegung.\nDer Zusammenbruch des Kommunismus war auch die Folge der Politik Michail Gorbatschows. Der sowjetische Staatsmann verstand offensichtlich nicht, inwieweit das \u00e4u\u00dfere Imperium ein integraler Bestandteil des gesamten Systems war. Heute kritisieren die Russen Gorbatschow f\u00fcr seine Ende der 80er-Jahre gefassten Entscheidungen. Doch diese Kritik ist \u00fcbertrieben. Gewiss, er hat taktische Fehler gemacht, aber sein politisches Konzept war ein sehr mutiges Experiment. Das Wesen dieses Konzepts hatte er Erich Honecker, dem kommunistischen Anf\u00fchrer der DDR, vorgestellt, dem er ausdr\u00fccklich sagte, er w\u00fcrde jedem Staat des sozialistischen Blocks gestatten, seinen eigenen Entwicklungsweg zu w\u00e4hlen. Das war ein \u00fcberaus wichtiger historischer Schritt.\nDieser Schritt erwies sich als taktischer Fehler, da es zu jener Zeit in Polen bereits Aktivisten gab, die bereit waren, die sich bietenden Chancen sofort zu nutzen. Auf der anderen Seite musste das kommunistische Regime \u2013 gem\u00e4\u00df den Richtlinien Gorbatschows \u2013 mit jemandem Verhandlungen aufnehmen, und in Polen hatten sie diesen jemand. Auf diese Weise begann jener Prozess, der letztendlich zur Demontage des Kommunismus f\u00fchrte.\nVergessene Solidarit\u00e4t\nDie L\u00e4nder Mitteleuropas wussten die Gelegenheit, die sich ihnen nach dem Fall des Kommunismus er\u00f6ffnet hatte, hervorragend zu nutzen. Mit einem Vorbehalt: Im Verlauf des Wandels ging der politische Gedanke, der in den 70er- und 80er-Jahren entstanden war, verloren. Ab 1989 folgte man einfachsten Handlungspl\u00e4nen, die die Politik auf Wirtschaftbelange reduzierten. Man begeisterte sich unreflektiert f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten, die die freie Marktwirtschaft bot, im Glauben, diese werde alle Probleme l\u00f6sen. Aber dem ist nicht so. Auch bei der Einf\u00fchrung der freien Marktwirtschaft darf man die Politik nicht au\u00dfer Acht lassen. Und daran fehlte es in den 90er-Jahren. Sehr schnell verga\u00dfen sowohl Polen als auch die anderen L\u00e4nder des ehemaligen Ostblocks auf die schlichte und einfache Solidarit\u00e4t. Die Ereignisse des Jahres 1989 w\u00e4ren ohne die Solidarno\u015b\u0107-Bewegung nicht m\u00f6glich gewesen, aber auch nicht ohne die zwischenmenschliche Solidarit\u00e4t in ihrer traditionellen Bedeutung. Sp\u00e4ter wurde sie hintangestellt. Die Konsequenzen dieser mangelnden Solidarit\u00e4t sind in den L\u00e4ndern der gesamten postkommunistischen Region bis heute sp\u00fcrbar. (Timothy Snyder, 31.8.2020)"},{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/08\/31\/die-kraft-der-solidaritat\/#primaryimage","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/08\/logo_100x70-scaled.jpg","contentUrl":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/08\/logo_100x70-scaled.jpg","width":2560,"height":1792},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/08\/31\/die-kraft-der-solidaritat\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Home","item":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/pl\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Die Kraft der Solidarit\u00e4t"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#website","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/","name":"Instytut Polski w Wiedniu","description":"Instytuty Polskie","potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"pl-PL"},{"@type":"Person","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#\/schema\/person\/bc3820c9cc4bb0a6ac49e9a52418b770","name":"matyjaszczyko","image":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#\/schema\/person\/image\/","url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/8e44bde7e1970f09bf46d92274fee2be?s=96&d=mm&r=g","contentUrl":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/8e44bde7e1970f09bf46d92274fee2be?s=96&d=mm&r=g","caption":"matyjaszczyko"},"url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/author\/matyjaszczyko\/"}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5230","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/users\/85"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5230"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5230\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5234,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5230\/revisions\/5234"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5230"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5230"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5230"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}