{"id":5247,"date":"2020-09-01T16:47:50","date_gmt":"2020-09-01T14:47:50","guid":{"rendered":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/?p=5247"},"modified":"2020-09-08T11:45:42","modified_gmt":"2020-09-08T09:45:42","slug":"solidarnosc-der-stein-der-eine-lawine-ausloste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/09\/01\/solidarnosc-der-stein-der-eine-lawine-ausloste\/","title":{"rendered":"Solidarno\u015b\u0107: Der Stein, der eine Lawine ausl\u00f6ste"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify\">Die Beziehungen zwischen den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sind vom Grundsatz der Solidarit\u00e4t gepr\u00e4gt, die eine zuverl\u00e4ssige Basis f\u00fcr die Gestaltung einer besseren Zukunft Europas ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vor 40 Jahren, in den hei\u00dfen Sommermonaten des Jahres 1980, sah Europa v\u00f6llig anders aus als heute. Damals verlief der Eiserne Vorhang quer \u00fcber den Kontinent und war nicht nur eine symbolische Linie politischer Teilung, sondern trennte freie demokratische Staaten von jenen, die ihrer Souver\u00e4nit\u00e4t beraubt wurden und in Abh\u00e4ngigkeit zum Sowjetimperium standen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zu diesen L\u00e4ndern geh\u00f6rte auch mein Heimatland Polen, das w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs fast sechs Millionen B\u00fcrger verlor, wovon die H\u00e4lfte j\u00fcdischer Herkunft war. Dies war eine Katastrophe, die menschlich kaum zu bew\u00e4ltigen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und doch haben wir es versucht. W\u00e4hrend der Zeit der Unterdr\u00fcckung nach dem Krieg gaben wir in der Volksrepublik Polen unsere Bestrebungen nach Selbstbestimmung, Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit nicht auf. Wir haben uns nie mit diesem ungerechten Urteil der Geschichte abgefunden. Deshalb gab es in Polen st\u00e4ndig Versuche, einen heroischen Kampf gegen das von Moskau gesteuerte Regime zu f\u00fchren. Leider vergeblich \u2013 die kommunistischen Machthaber schlugen alle Proteste der polnischen Gesellschaft blutig nieder, \u00fcberwachten das Volk und zensierten \u00c4u\u00dferungen von Freiheit in Kunst und Literatur. Mit jeder Auflehnung stieg die Opferzahl, die Hoffnung versiegte jedoch nicht, sondern verhalf Polen durch die Auguststreiks von 1980 zu einem Durchbruch. Damals im gesamten Sowjetblock unvorstellbar, sorgte es weltweit f\u00fcr Erstaunen und Bewunderung zugleich. Nach zahlreichen Arbeiterstreiks in Werften und anderen Betrieben in ganz Polen musste sich die despotische kommunistische Partei schlie\u00dflich beugen und stimmte der Gr\u00fcndung der ersten unabh\u00e4ngigen und selbstverwalteten Gewerkschaft im Sowjetblock zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So wurde die \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c geboren. Formal als Gewerkschaftsorganisation gegr\u00fcndet war sie de facto eine landesweite Volksbewegung, die Millionen von Polen zu einer mit Zuversicht erf\u00fcllten Gemeinschaft vereinte. Woher kam diese Zuversicht? Wir sch\u00f6pften und sch\u00f6pfen sie bis heute aus einer jahrhundertealten politischen Tradition \u2013 der Liebe zur Freiheit und Demokratie, aus unserer Verbundenheit mit Europa, in dem Polen seit tausend Jahren eine aktive Rolle spielt, und aus der Inspiration, die Johannes Paul II. in uns geweckt hat. Seine Wahl zum Papst war f\u00fcr die Polen eine unaufh\u00f6rliche Quelle der Hoffnung und Kraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Heute sieht man deutlich, dass die \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c der Stein war, der 1989 eine Lawine und in der Folge den Fall des Eisernen Vorhangs ausl\u00f6ste. Polen befreite sich aus der sowjetischen Einflusssph\u00e4re und Europa konnte wieder eine Einheit werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Obwohl seit dem Entstehen der \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c 40 Jahre vergangen sind, leben die Ideale der Solidarit\u00e4t weiter und m\u00fcssen weitergelebt werden. Wir Polen haben sie nicht wie Museumsexponate verwahrt, sondern betrachten sie als Werte, die als Ma\u00df f\u00fcr das gesellschaftliche Leben dienen, eine Art Vorbild, nach dem wir streben. Doch Solidarit\u00e4t ist mehr als nur eine gesellschaftspolitische Forderung. Es ist eine Form der Existenz, die sich auch in allt\u00e4glichen Gesten und Verhaltensweisen widerspiegelt. Die Worte von Johannes Paul II. \u201eEs gibt keine Freiheit ohne Solidarit\u00e4t\u201c erinnern uns daran, dass es keine Solidarit\u00e4t ohne Liebe und ohne diese beiden auch keine Zukunft gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn Naturkatastrophen \u00fcber uns hereinbrechen, wird die Solidarit\u00e4t nicht nur zu einem der h\u00f6chsten Handlungsprinzipien, sondern zu einer Grundvoraussetzung des \u00dcberlebens. Dies haben wir oft beobachtet und beobachten es heute im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie wieder. Bedingungslose Hilfe, Opfer zur Rettung von Mitmenschen, aufrichtiger Altruismus, Empathie, \u00dcberwindung von Angst und Egoismus \u2013 diese Ideale wurden von Menschen im Gesundheitswesen, aber auch von Verk\u00e4ufern, Lehrern, Unternehmern und Hunderttausenden von B\u00fcrgern in den schwierigsten Momenten gelebt. Dank ihrer Haltung wird uns bewusst, was Solidarit\u00e4t in der Praxis bedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Solidarit\u00e4t hat jedoch einen zu hohen Stellenwert, als dass wir uns nur in Krisenzeiten von ihr leiten lassen d\u00fcrfen. Ihre Ideale sollten auch das t\u00e4gliche Leben bestimmen und in Herzlichkeit, Gastfreundschaft, Offenheit und Nachsicht zum Ausdruck kommen. Um diese Ideale in uns zu wecken, reicht eine tiefgr\u00fcndige Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz und den positiven Eigenschaften unserer Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jeder, der den Geist der Solidarit\u00e4t in sich selbst erkennt, wird verstehen, dass er sich nicht nur auf das Individuum beschr\u00e4nken darf. Solidarit\u00e4t braucht eine Gemeinschaft, denn nur in dieser kann sie zur vollen Geltung gelangen. Deshalb muss sie ein Grundprinzip unseres Zusammenlebens sein. Das wird uns besonders heute vor Augen gef\u00fchrt, wo Millionen von Menschen in Polen und Europa mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu k\u00e4mpfen haben. Dies erfordert entschlossenes Handeln zur Eind\u00e4mmung des Virus und ambitionierte Strategien, die Unternehmer, Angestellte, ihre Familien und Kommunen vor den Auswirkungen der Krise sch\u00fctzen. All das w\u00e4re nicht m\u00f6glich, wenn wir in unserem Handeln nicht den Grundsatz der Solidarit\u00e4t verfolgen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch Europa braucht jetzt den Geist der Solidarit\u00e4t. Wir befinden uns in einer schwierigen Lage, die wir nur zusammen als Gemeinschaft bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Deshalb ist es in Zeiten, in denen unser Zusammenleben auf eine harte Probe gestellt wird, so wichtig, dass gemeinschaftliches Denken \u00fcber Egoismus steht. Wir w\u00fcnschen uns ein starkes Europa und ein starkes Polen. Ich bin \u00fcberzeugt, dass wir eine gemeinsame Zukunft gestalten k\u00f6nnen, solange das Erbe der \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c die Grundlage unseres Handelns bildet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Daher ist es heute, 40 Jahre sp\u00e4ter, unsere wichtigste Aufgabe daf\u00fcr zu sorgen, dass die \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c f\u00fcr die ganze Welt nicht nur ein Kapitel in der polnischen Geschichte bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir m\u00fcssen Solidarit\u00e4t zu einem gesamteurop\u00e4ischen Projekt machen. Das ist unser Vorschlag f\u00fcr die kommenden Jahrzehnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Beziehungen zwischen den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sollten, unabh\u00e4ngig von Gr\u00f6\u00dfe und wirtschaftlichem Potenzial, nach dem Vorbild zwischenmenschlicher Beziehungen gestaltet werden. Diese folgen automatisch dem Solidarit\u00e4tsprinzip, das eine Garantie f\u00fcr eine bessere Zukunft Europas ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dieser Text erscheint gleichzeitig in der polnischen Monatsschrift \u201eWszystko Co Najwa\u017cniejsze\u201c im Rahmen eines Projekts zum 40. Jahrestag der Gr\u00fcndung der \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c.<\/p>\n<p>Mateusz MORAWIECKI: Premierminister Polens, Historiker und \u00d6konom<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Foto: Auguststreiks in der Danziger Leninwerft. Blick von oben auf das Tor Nr. 2 und die darunter versammelten Bewohner und Werftarbeiter. \u00dcber dem Tor ist ein Transparent mit dem Aufruf &#8222;PROLETARIER ALLER BETRIEBE, VEREINIGT EUCH!&#8221; zu sehen und auf dem Dach des Wachhauses sind Tafeln mit 21 Forderungen angebracht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Beziehungen zwischen den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sind vom Grundsatz der Solidarit\u00e4t gepr\u00e4gt, die eine zuverl\u00e4ssige Basis f\u00fcr die Gestaltung einer besseren Zukunft Europas ist. Vor 40 Jahren, in den hei\u00dfen Sommermonaten des Jahres 1980, sah Europa v\u00f6llig anders aus als heute. 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Damals verlief der Eiserne Vorhang quer \u00fcber den Kontinent und war nicht nur eine symbolische Linie politischer Teilung, sondern trennte freie demokratische Staaten von jenen, die ihrer Souver\u00e4nit\u00e4t beraubt wurden und in Abh\u00e4ngigkeit zum Sowjetimperium standen.\nZu diesen L\u00e4ndern geh\u00f6rte auch mein Heimatland Polen, das w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs fast sechs Millionen B\u00fcrger verlor, wovon die H\u00e4lfte j\u00fcdischer Herkunft war. Dies war eine Katastrophe, die menschlich kaum zu bew\u00e4ltigen war.\nUnd doch haben wir es versucht. W\u00e4hrend der Zeit der Unterdr\u00fcckung nach dem Krieg gaben wir in der Volksrepublik Polen unsere Bestrebungen nach Selbstbestimmung, Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit nicht auf. Wir haben uns nie mit diesem ungerechten Urteil der Geschichte abgefunden. Deshalb gab es in Polen st\u00e4ndig Versuche, einen heroischen Kampf gegen das von Moskau gesteuerte Regime zu f\u00fchren. Leider vergeblich \u2013 die kommunistischen Machthaber schlugen alle Proteste der polnischen Gesellschaft blutig nieder, \u00fcberwachten das Volk und zensierten \u00c4u\u00dferungen von Freiheit in Kunst und Literatur. Mit jeder Auflehnung stieg die Opferzahl, die Hoffnung versiegte jedoch nicht, sondern verhalf Polen durch die Auguststreiks von 1980 zu einem Durchbruch. Damals im gesamten Sowjetblock unvorstellbar, sorgte es weltweit f\u00fcr Erstaunen und Bewunderung zugleich. Nach zahlreichen Arbeiterstreiks in Werften und anderen Betrieben in ganz Polen musste sich die despotische kommunistische Partei schlie\u00dflich beugen und stimmte der Gr\u00fcndung der ersten unabh\u00e4ngigen und selbstverwalteten Gewerkschaft im Sowjetblock zu.\nSo wurde die \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c geboren. Formal als Gewerkschaftsorganisation gegr\u00fcndet war sie de facto eine landesweite Volksbewegung, die Millionen von Polen zu einer mit Zuversicht erf\u00fcllten Gemeinschaft vereinte. Woher kam diese Zuversicht? Wir sch\u00f6pften und sch\u00f6pfen sie bis heute aus einer jahrhundertealten politischen Tradition \u2013 der Liebe zur Freiheit und Demokratie, aus unserer Verbundenheit mit Europa, in dem Polen seit tausend Jahren eine aktive Rolle spielt, und aus der Inspiration, die Johannes Paul II. in uns geweckt hat. Seine Wahl zum Papst war f\u00fcr die Polen eine unaufh\u00f6rliche Quelle der Hoffnung und Kraft.\nHeute sieht man deutlich, dass die \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c der Stein war, der 1989 eine Lawine und in der Folge den Fall des Eisernen Vorhangs ausl\u00f6ste. Polen befreite sich aus der sowjetischen Einflusssph\u00e4re und Europa konnte wieder eine Einheit werden.\nObwohl seit dem Entstehen der \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c 40 Jahre vergangen sind, leben die Ideale der Solidarit\u00e4t weiter und m\u00fcssen weitergelebt werden. Wir Polen haben sie nicht wie Museumsexponate verwahrt, sondern betrachten sie als Werte, die als Ma\u00df f\u00fcr das gesellschaftliche Leben dienen, eine Art Vorbild, nach dem wir streben. Doch Solidarit\u00e4t ist mehr als nur eine gesellschaftspolitische Forderung. Es ist eine Form der Existenz, die sich auch in allt\u00e4glichen Gesten und Verhaltensweisen widerspiegelt. Die Worte von Johannes Paul II. \u201eEs gibt keine Freiheit ohne Solidarit\u00e4t\u201c erinnern uns daran, dass es keine Solidarit\u00e4t ohne Liebe und ohne diese beiden auch keine Zukunft gibt.\nWenn Naturkatastrophen \u00fcber uns hereinbrechen, wird die Solidarit\u00e4t nicht nur zu einem der h\u00f6chsten Handlungsprinzipien, sondern zu einer Grundvoraussetzung des \u00dcberlebens. Dies haben wir oft beobachtet und beobachten es heute im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie wieder. Bedingungslose Hilfe, Opfer zur Rettung von Mitmenschen, aufrichtiger Altruismus, Empathie, \u00dcberwindung von Angst und Egoismus \u2013 diese Ideale wurden von Menschen im Gesundheitswesen, aber auch von Verk\u00e4ufern, Lehrern, Unternehmern und Hunderttausenden von B\u00fcrgern in den schwierigsten Momenten gelebt. Dank ihrer Haltung wird uns bewusst, was Solidarit\u00e4t in der Praxis bedeutet.\nSolidarit\u00e4t hat jedoch einen zu hohen Stellenwert, als dass wir uns nur in Krisenzeiten von ihr leiten lassen d\u00fcrfen. Ihre Ideale sollten auch das t\u00e4gliche Leben bestimmen und in Herzlichkeit, Gastfreundschaft, Offenheit und Nachsicht zum Ausdruck kommen. Um diese Ideale in uns zu wecken, reicht eine tiefgr\u00fcndige Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz und den positiven Eigenschaften unserer Pers\u00f6nlichkeit.\nJeder, der den Geist der Solidarit\u00e4t in sich selbst erkennt, wird verstehen, dass er sich nicht nur auf das Individuum beschr\u00e4nken darf. Solidarit\u00e4t braucht eine Gemeinschaft, denn nur in dieser kann sie zur vollen Geltung gelangen. Deshalb muss sie ein Grundprinzip unseres Zusammenlebens sein. Das wird uns besonders heute vor Augen gef\u00fchrt, wo Millionen von Menschen in Polen und Europa mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu k\u00e4mpfen haben. Dies erfordert entschlossenes Handeln zur Eind\u00e4mmung des Virus und ambitionierte Strategien, die Unternehmer, Angestellte, ihre Familien und Kommunen vor den Auswirkungen der Krise sch\u00fctzen. All das w\u00e4re nicht m\u00f6glich, wenn wir in unserem Handeln nicht den Grundsatz der Solidarit\u00e4t verfolgen w\u00fcrden.\nAuch Europa braucht jetzt den Geist der Solidarit\u00e4t. Wir befinden uns in einer schwierigen Lage, die wir nur zusammen als Gemeinschaft bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Deshalb ist es in Zeiten, in denen unser Zusammenleben auf eine harte Probe gestellt wird, so wichtig, dass gemeinschaftliches Denken \u00fcber Egoismus steht. Wir w\u00fcnschen uns ein starkes Europa und ein starkes Polen. Ich bin \u00fcberzeugt, dass wir eine gemeinsame Zukunft gestalten k\u00f6nnen, solange das Erbe der \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c die Grundlage unseres Handelns bildet.\nDaher ist es heute, 40 Jahre sp\u00e4ter, unsere wichtigste Aufgabe daf\u00fcr zu sorgen, dass die \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c f\u00fcr die ganze Welt nicht nur ein Kapitel in der polnischen Geschichte bleibt.\nWir m\u00fcssen Solidarit\u00e4t zu einem gesamteurop\u00e4ischen Projekt machen. Das ist unser Vorschlag f\u00fcr die kommenden Jahrzehnte.\nDie Beziehungen zwischen den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sollten, unabh\u00e4ngig von Gr\u00f6\u00dfe und wirtschaftlichem Potenzial, nach dem Vorbild zwischenmenschlicher Beziehungen gestaltet werden. Diese folgen automatisch dem Solidarit\u00e4tsprinzip, das eine Garantie f\u00fcr eine bessere Zukunft Europas ist.\nDieser Text erscheint gleichzeitig in der polnischen Monatsschrift \u201eWszystko Co Najwa\u017cniejsze\u201c im Rahmen eines Projekts zum 40. Jahrestag der Gr\u00fcndung der \u201eSolidarno\u015b\u0107\u201c.\nMateusz MORAWIECKI: Premierminister Polens, Historiker und \u00d6konom\nFoto: Auguststreiks in der Danziger Leninwerft. Blick von oben auf das Tor Nr. 2 und die darunter versammelten Bewohner und Werftarbeiter. \u00dcber dem Tor ist ein Transparent mit dem Aufruf \"PROLETARIER ALLER BETRIEBE, VEREINIGT EUCH!\" zu sehen und auf dem Dach des Wachhauses sind Tafeln mit 21 Forderungen angebracht."},{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/09\/01\/solidarnosc-der-stein-der-eine-lawine-ausloste\/#primaryimage","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/09\/ZMpoz004_Mirota_fot.-Zenon-Mirota.jpg","contentUrl":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/09\/ZMpoz004_Mirota_fot.-Zenon-Mirota.jpg","width":900,"height":709},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/09\/01\/solidarnosc-der-stein-der-eine-lawine-ausloste\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Home","item":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/pl\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Solidarno\u015b\u0107: Der Stein, der eine Lawine ausl\u00f6ste"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#website","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/","name":"Instytut Polski w Wiedniu","description":"Instytuty Polskie","potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"pl-PL"},{"@type":"Person","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#\/schema\/person\/bc3820c9cc4bb0a6ac49e9a52418b770","name":"matyjaszczyko","image":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#\/schema\/person\/image\/","url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/8e44bde7e1970f09bf46d92274fee2be?s=96&d=mm&r=g","contentUrl":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/8e44bde7e1970f09bf46d92274fee2be?s=96&d=mm&r=g","caption":"matyjaszczyko"},"url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/author\/matyjaszczyko\/"}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/users\/85"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5247"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5255,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5247\/revisions\/5255"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5248"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}