{"id":5966,"date":"2020-11-10T11:44:28","date_gmt":"2020-11-10T10:44:28","guid":{"rendered":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/?p=5966"},"modified":"2020-11-10T11:47:19","modified_gmt":"2020-11-10T10:47:19","slug":"der-unbezwingbare-polnische-geist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/11\/10\/der-unbezwingbare-polnische-geist\/","title":{"rendered":"Der unbezwingbare polnische Geist"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Wie oft musste man in der Versklavung den bitteren Geschmack einer Niederlage schlucken, wenn alle Umst\u00e4nde darauf hindeuteten, dass der Spruch \u201eFinis Poloniae\u201c nun Wirklichkeit werden w\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ohne einen eigenen Staat zu haben, bauten wir im 19. Jahrhundert nicht nur eine nationale Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft auf, sondern schufen auch einen Geisteszustand, der es mehreren in der Gefangenschaft geborenen Generationen erm\u00f6glichte, die Hoffnung auf ein unabh\u00e4ngiges Polen nicht aufzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Im November 1918 wurde von Warschau aus eine Radiobotschaft \u00fcber die Wiedergeburt der Republik Polen in viele Hauptst\u00e4dte der Welt \u2013 nach Washington, Tokio und in andere Weltgegenden \u2013 verschickt. Dort hie\u00df es, dass die polnische Regierung \u201edie Gewaltherrschaft beenden wird, welche das Schicksal Polens 140 Jahre lang belastet hatte\u201c. Dies bedeutete die R\u00fcckkehr der unabh\u00e4ngigen Republik Polen auf die Landkarte Europas, von der sie Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund eines Abkommens zwischen ihren Nachbarl\u00e4ndern \u00d6sterreich, Preu\u00dfen und Russland entfernt worden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Den Symbolcharakter der Nachricht bekr\u00e4ftigte die Tatsache, dass die Botschaft \u00fcber die Wiedergeburt eines unabh\u00e4ngigen polnischen Staates von einem Ort gesendet wurde, der zum Inbegriff der Fremdherrschaft geworden war: von der Warschauer Zitadelle, die die Russen in den 1830er Jahren, nach der Niederlage des Novemberaufstands, errichtet hatten.\u00a0 Polen, die sich weigerten, versklavt zu werden, hatte man dort inhaftiert und hingerichtet. Zu den dort Gefangengehaltenen geh\u00f6rte der Oberbefehlshaber J\u00f3zef Pi\u0142sudski, H\u00e4ftling des ber\u00fcchtigten 10. Pavillons, der die nun verschickte Nachricht unterzeichnete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eDie Wiederherstellung der Unabh\u00e4ngigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t Polens\u201c wurde m\u00f6glich, weil die Polen zu diesem entscheidenden Zeitpunkt bereit waren, die Strukturen eines unabh\u00e4ngigen Staates aufzubauen, und die Kraft hatten, ihn in den folgenden Jahren erfolgreich zu verteidigen. Dieses Ziel verfolgten sie seit f\u00fcnf Generationen \u2013 von 1795 an \u2013, indem sie f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit k\u00e4mpften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00dcber ein Jahrhundert lang waren Menschen immer wieder bereit, den Kampf um die Wiedererlangung der Unabh\u00e4ngigkeit ihres Landes zu f\u00fchren. Oft hielten diese Fahne nur sehr wenige hoch, und diese mussten nicht nur den Besatzungsm\u00e4chten die Stirn bieten, sondern auch die eigenen Landsleute motivieren, welche das Vertrauen in die M\u00f6glichkeit eines Sieges verloren, Gleichg\u00fcltigkeit w\u00e4hlten oder sich dem Verrat an ihrer Nation verschrieben. Wie oft musste man in der Versklavung den bitteren Geschmack einer Niederlage schlucken, wenn alle Umst\u00e4nde darauf hindeuteten, dass der Spruch \u201eFinis Poloniae\u201c nun Wirklichkeit werden w\u00fcrde?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bereits 1797 entstand unter den Soldaten im italienischen Exil, die als erste den Kampf in den an der Seite Napoleons und Frankreichs gebildeten polnischen Legionen aufnahmen, ein hoffnungsvolles Lied. Seine Worte \u2013 \u201eNoch ist Polen nicht verloren, solange wir leben &#8230;\u201c \u2013 er\u00f6ffnen heute unsere Nationalhymne, und deren Fortsetzung \u2013 \u201eWas uns fremde \u00dcbermacht nahm, werden wir uns mit dem S\u00e4bel zur\u00fcckholen\u201c \u2013 bestimmten das Programm des bewaffneten Kampfes in den nationalen Aufst\u00e4nden. Die gr\u00f6\u00dften Aufst\u00e4nde richteten sich gegen Russland: im November 1830 und im Januar 1863. Sie endeten mit blutigen Repressionen, Deportation von tausenden K\u00e4mpfern nach Sibirien, Beschlagnahme des Eigentums, Verlust vieler Institutionen und rechtlicher Regelungen und brutaler Russifizierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der polnische Geist \u00fcberdauerte in Familien und Haushalten, in denen M\u00fctter ihren Kindern Gebete beibrachten und \u00fcber glanzvolle vergangene Zeiten und Helden erz\u00e4hlten. Es wurde zu der \u201eHeiligen Jungfrau, die Tschenstochau verteidigt und im Tor der Morgenr\u00f6te leuchtet\u201c gebetet und zu den heiligen St\u00e4tten von Jasna G\u00f3ra (dt.: Heller Berg), Vilnius oder Gietrzwa\u0142d (dt.: Dietrichswalde) gepilgert. Die Kirche n\u00e4herte diesen Geist und immer gab es Priester, die das Schicksal der Nation teilten, Schulen errichteten, sich den Aufst\u00e4ndischen anschlossen und am Ende nach Sibirien geschickt oder an den Galgen gebracht wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Milit\u00e4rische Niederlagen und Repressionen bewegten die Polinnen und Polen zu au\u00dfermilit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten. Man suchte nach Bet\u00e4tigungsfeldern im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und p\u00e4dagogischen Bereich und es wurden dabei Siege errungen. Wir finden ihre Spuren heute auf Landkarten und in wissenschaftlichen Publikationen. Zu Ehren jener, die f\u00fcr die Teilnahme am Januaraufstand nach Sibirien verschickt wurden, wurden Gebirgsketten nach ihnen benannt: Czerski, Dybowski und Czekanowski. Im fernen Chile sto\u00dfen wir wiederum fast \u00fcberall auf Ort, die an Ignacy Domeyko erinnern \u2013 einen Exilanten, der nach der Niederlage des Novemberaufstands gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach und nach wurden in dem Land Wirtschaftsverb\u00e4nde, Banken, landwirtschaftliche Genossenschaften, Bibliotheken und wissenschaftliche Vereinigungen (nicht selten von ehemaligen Aufst\u00e4ndischen) gegr\u00fcndet. Es stellte sich heraus, dass sie trotz Repressionen den polnischen Landbesitz und das Netzwerk ihrer Institutionen wirksam bewahren konnten. Es gab viele, die, obwohl sie im Dienst der Besatzungsm\u00e4chte standen, f\u00fcr ihre Heimat arbeiteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Generationen um Generationen f\u00fchlten sich, obwohl sie keinen eigenen Staat hatten, nicht nur dem Polentum zugeh\u00f6rig, sondern waren auch bereit, f\u00fcr ihr Heimatland Opfer zu tragen. Denn die Erinnerung und die Kultur, in denen sich eine der Unabh\u00e4ngigkeit beraubte Nation ausdr\u00fcckte, hatten Bestand. Die herausragendsten Werke, die w\u00e4hrend der Teilungszeit entstanden, bilden immer noch den nationalen Kanon. Dazu geh\u00f6ren Werke der gro\u00dfen romantischen Dichter, die im Exil wirkten: Adam Mickiewicz, Juliusz S\u0142owacki und Zygmunt Krasi\u0144ski. \u00dcber die Grenzen geschmuggelt und von der Zensur verboten, erregten sie die Geister der n\u00e4chsten Generationen genauso wie die Kompositionen des Pianisten Fryderyk Chopin, die dem Heimweh nach Polen entsprangen. Seine Musik ber\u00fchrt immer noch Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Polen war von der Landkarte Europas verschwunden, als Maria Curie-Sk\u0142odowska als erste Polin und erste Frau, die den Nobelpreis erhielt, ein chemisches Element entdeckte, das sie \u201ePolonium\u201c nannte und damit Polen im Periodensystem dauerhaft pr\u00e4sent machte. Zwei Jahre sp\u00e4ter \u2013 1905 \u2013 wurde Henryk Sienkiewicz, dem Autor von Quo vadis?, der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen. Damals war er der meistgelesene Schriftsteller und sein Ruhm reichte von Russland bis in die USA. W\u00e4hrend der Nobelpreisgala sprach er \u00fcber sein Heimatland: \u201eEs wurde f\u00fcr tot erkl\u00e4rt \u2013 und dies ist einer von tausenden Beweisen daf\u00fcr, dass es lebt; es wurde f\u00fcr erobert erkl\u00e4rt, und hier ist ein neuer Beweis daf\u00fcr, dass es zu gewinnen versteht.\u201c Im Geiste seiner Trilogie \u2013 dreier Romane, welche die Kriege der Republik Polen gegen die T\u00fcrkei, gegen Schweden und gegen die Kosaken im 17. Jahrhundert beschreiben \u2013 wurde eine ganze polnische Armee erzogen, gegen die die Besatzungsm\u00e4chte immer wieder k\u00e4mpfen mussten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Viele der jungen Leute, die sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Legionen von Pi\u0142sudski oder der aus polnischen Emigranten in den USA gebildeten Armee anschlossen, hatten Sienkiewiczs B\u00fccher im Rucksack. Sie waren bereit, f\u00fcr Polen zu k\u00e4mpfen und zu sterben, obwohl nicht einmal ihre Gro\u00dfeltern ein freies Polen mit erlebt hatten. Auch unz\u00e4hlige Maler verewigten Polen in ihren historischen Gem\u00e4lden. Einer der originellsten, Jacek Malczewski, rief auf: \u201eMalt so, dass Polen wieder auferstehe!\u201c. Ein Jahr nach dem Tod Jan Matejkos \u2013 des beliebtesten unter den historischen Malern \u2013\u2013 wurde in Lemberg eine Ausstellung seiner Werke veranstaltet. Diese fand anl\u00e4sslich des 100. Jahrestag der Schlacht von Rac\u0142awice statt: Im Jahr 1794 besiegte die von Bauerntruppen unterst\u00fctzte Armee unter dem Kommando von Tadeusz Ko\u015bciuszko, der zuvor f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Vereinigten Staaten gek\u00e4mpft hatte, die Russen. In einer speziell erbauten Rotunde wurde ein monumentales, \u00fcber einhundert Meter langes Gem\u00e4lde von Jan Styka und Wojciech Kossak gezeigt, das den siegreichen Kampf gegen die Russen darstellt. Unz\u00e4hlige Polen legten Hunderte von Kilometern zur\u00fcck, um es anzuschauen. Sie fl\u00fcsterten bewundernd: \u201eDas ist kein Bild, das ist eine Tat.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir werden nicht die Tausende junger Menschen z\u00e4hlen k\u00f6nnen, die oft aus abgelegenen D\u00f6rfern stammten, zu Polen wurden\u00a0 und eine moderne Nation mit begr\u00fcndeten \u2013 eine zwar staatenlose Nation, die aber umso reicher an Kultur und Br\u00e4uchen war. Dank ihnen blieb nicht nur die polnische Wesensart bestehen: Zu Polinnen und Polen wurden au\u00dferdem Menschen, deren Gro\u00dfv\u00e4ter aus Nachbarl\u00e4ndern gekommen waren, um Polen zu germanisieren und zu russifizieren. Polen verf\u00fchrte sie mit seinem \u201eunbezwingbaren Geist\u201c. Dank ihm erlangte Polen am 11. November 1918 die Unabh\u00e4ngigkeit wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Text wurde in der polnischen Monatszeitschrift <em>Wszystko Co Najwa\u017cniejsze<\/em> im Rahmen eines historischen Projekts unter Mitwirkung des Instituts f\u00fcr Nationales Gedenken ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie oft musste man in der Versklavung den bitteren Geschmack einer Niederlage schlucken, wenn alle Umst\u00e4nde darauf hindeuteten, dass der Spruch \u201eFinis Poloniae\u201c nun Wirklichkeit werden w\u00fcrde? Ohne einen eigenen Staat zu haben, bauten wir im 19. 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Wie oft musste man in der Versklavung den bitteren Geschmack einer Niederlage schlucken, wenn alle Umst\u00e4nde darauf hindeuteten, dass der Spruch \u201eFinis Poloniae\u201c nun Wirklichkeit werden w\u00fcrde?\\nBereits 1797 entstand unter den Soldaten im italienischen Exil, die als erste den Kampf in den an der Seite Napoleons und Frankreichs gebildeten polnischen Legionen aufnahmen, ein hoffnungsvolles Lied. Seine Worte \u2013 \u201eNoch ist Polen nicht verloren, solange wir leben ...\u201c \u2013 er\u00f6ffnen heute unsere Nationalhymne, und deren Fortsetzung \u2013 \u201eWas uns fremde \u00dcbermacht nahm, werden wir uns mit dem S\u00e4bel zur\u00fcckholen\u201c \u2013 bestimmten das Programm des bewaffneten Kampfes in den nationalen Aufst\u00e4nden. Die gr\u00f6\u00dften Aufst\u00e4nde richteten sich gegen Russland: im November 1830 und im Januar 1863. Sie endeten mit blutigen Repressionen, Deportation von tausenden K\u00e4mpfern nach Sibirien, Beschlagnahme des Eigentums, Verlust vieler Institutionen und rechtlicher Regelungen und brutaler Russifizierung.\\nDer polnische Geist \u00fcberdauerte in Familien und Haushalten, in denen M\u00fctter ihren Kindern Gebete beibrachten und \u00fcber glanzvolle vergangene Zeiten und Helden erz\u00e4hlten. Es wurde zu der \u201eHeiligen Jungfrau, die Tschenstochau verteidigt und im Tor der Morgenr\u00f6te leuchtet\u201c gebetet und zu den heiligen St\u00e4tten von Jasna G\u00f3ra (dt.: Heller Berg), Vilnius oder Gietrzwa\u0142d (dt.: Dietrichswalde) gepilgert. 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Im fernen Chile sto\u00dfen wir wiederum fast \u00fcberall auf Ort, die an Ignacy Domeyko erinnern \u2013 einen Exilanten, der nach der Niederlage des Novemberaufstands gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen.\\nNach und nach wurden in dem Land Wirtschaftsverb\u00e4nde, Banken, landwirtschaftliche Genossenschaften, Bibliotheken und wissenschaftliche Vereinigungen (nicht selten von ehemaligen Aufst\u00e4ndischen) gegr\u00fcndet. Es stellte sich heraus, dass sie trotz Repressionen den polnischen Landbesitz und das Netzwerk ihrer Institutionen wirksam bewahren konnten. Es gab viele, die, obwohl sie im Dienst der Besatzungsm\u00e4chte standen, f\u00fcr ihre Heimat arbeiteten.\\nGenerationen um Generationen f\u00fchlten sich, obwohl sie keinen eigenen Staat hatten, nicht nur dem Polentum zugeh\u00f6rig, sondern waren auch bereit, f\u00fcr ihr Heimatland Opfer zu tragen. 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Zwei Jahre sp\u00e4ter \u2013 1905 \u2013 wurde Henryk Sienkiewicz, dem Autor von Quo vadis?, der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen. Damals war er der meistgelesene Schriftsteller und sein Ruhm reichte von Russland bis in die USA. W\u00e4hrend der Nobelpreisgala sprach er \u00fcber sein Heimatland: \u201eEs wurde f\u00fcr tot erkl\u00e4rt \u2013 und dies ist einer von tausenden Beweisen daf\u00fcr, dass es lebt; es wurde f\u00fcr erobert erkl\u00e4rt, und hier ist ein neuer Beweis daf\u00fcr, dass es zu gewinnen versteht.\u201c Im Geiste seiner Trilogie \u2013 dreier Romane, welche die Kriege der Republik Polen gegen die T\u00fcrkei, gegen Schweden und gegen die Kosaken im 17. Jahrhundert beschreiben \u2013 wurde eine ganze polnische Armee erzogen, gegen die die Besatzungsm\u00e4chte immer wieder k\u00e4mpfen mussten.\\nViele der jungen Leute, die sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Legionen von Pi\u0142sudski oder der aus polnischen Emigranten in den USA gebildeten Armee anschlossen, hatten Sienkiewiczs B\u00fccher im Rucksack. Sie waren bereit, f\u00fcr Polen zu k\u00e4mpfen und zu sterben, obwohl nicht einmal ihre Gro\u00dfeltern ein freies Polen mit erlebt hatten. Auch unz\u00e4hlige Maler verewigten Polen in ihren historischen Gem\u00e4lden. Einer der originellsten, Jacek Malczewski, rief auf: \u201eMalt so, dass Polen wieder auferstehe!\u201c. Ein Jahr nach dem Tod Jan Matejkos \u2013 des beliebtesten unter den historischen Malern \u2013\u2013 wurde in Lemberg eine Ausstellung seiner Werke veranstaltet. Diese fand anl\u00e4sslich des 100. Jahrestag der Schlacht von Rac\u0142awice statt: Im Jahr 1794 besiegte die von Bauerntruppen unterst\u00fctzte Armee unter dem Kommando von Tadeusz Ko\u015bciuszko, der zuvor f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Vereinigten Staaten gek\u00e4mpft hatte, die Russen. In einer speziell erbauten Rotunde wurde ein monumentales, \u00fcber einhundert Meter langes Gem\u00e4lde von Jan Styka und Wojciech Kossak gezeigt, das den siegreichen Kampf gegen die Russen darstellt. Unz\u00e4hlige Polen legten Hunderte von Kilometern zur\u00fcck, um es anzuschauen. Sie fl\u00fcsterten bewundernd: \u201eDas ist kein Bild, das ist eine Tat.\u201c\\nWir werden nicht die Tausende junger Menschen z\u00e4hlen k\u00f6nnen, die oft aus abgelegenen D\u00f6rfern stammten, zu Polen wurden\u00a0 und eine moderne Nation mit begr\u00fcndeten \u2013 eine zwar staatenlose Nation, die aber umso reicher an Kultur und Br\u00e4uchen war. 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Jahrhundert nicht nur eine nationale Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft auf, sondern schufen auch einen Geisteszustand, der es mehreren in der Gefangenschaft geborenen Generationen erm\u00f6glichte, die Hoffnung auf ein unabh\u00e4ngiges Polen nicht aufzugeben.\nIm November 1918 wurde von Warschau aus eine Radiobotschaft \u00fcber die Wiedergeburt der Republik Polen in viele Hauptst\u00e4dte der Welt \u2013 nach Washington, Tokio und in andere Weltgegenden \u2013 verschickt. Dort hie\u00df es, dass die polnische Regierung \u201edie Gewaltherrschaft beenden wird, welche das Schicksal Polens 140 Jahre lang belastet hatte\u201c. Dies bedeutete die R\u00fcckkehr der unabh\u00e4ngigen Republik Polen auf die Landkarte Europas, von der sie Ende des 18. Jahrhunderts aufgrund eines Abkommens zwischen ihren Nachbarl\u00e4ndern \u00d6sterreich, Preu\u00dfen und Russland entfernt worden war.\nDen Symbolcharakter der Nachricht bekr\u00e4ftigte die Tatsache, dass die Botschaft \u00fcber die Wiedergeburt eines unabh\u00e4ngigen polnischen Staates von einem Ort gesendet wurde, der zum Inbegriff der Fremdherrschaft geworden war: von der Warschauer Zitadelle, die die Russen in den 1830er Jahren, nach der Niederlage des Novemberaufstands, errichtet hatten.\u00a0 Polen, die sich weigerten, versklavt zu werden, hatte man dort inhaftiert und hingerichtet. Zu den dort Gefangengehaltenen geh\u00f6rte der Oberbefehlshaber J\u00f3zef Pi\u0142sudski, H\u00e4ftling des ber\u00fcchtigten 10. Pavillons, der die nun verschickte Nachricht unterzeichnete.\n\u201eDie Wiederherstellung der Unabh\u00e4ngigkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t Polens\u201c wurde m\u00f6glich, weil die Polen zu diesem entscheidenden Zeitpunkt bereit waren, die Strukturen eines unabh\u00e4ngigen Staates aufzubauen, und die Kraft hatten, ihn in den folgenden Jahren erfolgreich zu verteidigen. Dieses Ziel verfolgten sie seit f\u00fcnf Generationen \u2013 von 1795 an \u2013, indem sie f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit k\u00e4mpften.\n\u00dcber ein Jahrhundert lang waren Menschen immer wieder bereit, den Kampf um die Wiedererlangung der Unabh\u00e4ngigkeit ihres Landes zu f\u00fchren. Oft hielten diese Fahne nur sehr wenige hoch, und diese mussten nicht nur den Besatzungsm\u00e4chten die Stirn bieten, sondern auch die eigenen Landsleute motivieren, welche das Vertrauen in die M\u00f6glichkeit eines Sieges verloren, Gleichg\u00fcltigkeit w\u00e4hlten oder sich dem Verrat an ihrer Nation verschrieben. Wie oft musste man in der Versklavung den bitteren Geschmack einer Niederlage schlucken, wenn alle Umst\u00e4nde darauf hindeuteten, dass der Spruch \u201eFinis Poloniae\u201c nun Wirklichkeit werden w\u00fcrde?\nBereits 1797 entstand unter den Soldaten im italienischen Exil, die als erste den Kampf in den an der Seite Napoleons und Frankreichs gebildeten polnischen Legionen aufnahmen, ein hoffnungsvolles Lied. Seine Worte \u2013 \u201eNoch ist Polen nicht verloren, solange wir leben ...\u201c \u2013 er\u00f6ffnen heute unsere Nationalhymne, und deren Fortsetzung \u2013 \u201eWas uns fremde \u00dcbermacht nahm, werden wir uns mit dem S\u00e4bel zur\u00fcckholen\u201c \u2013 bestimmten das Programm des bewaffneten Kampfes in den nationalen Aufst\u00e4nden. Die gr\u00f6\u00dften Aufst\u00e4nde richteten sich gegen Russland: im November 1830 und im Januar 1863. Sie endeten mit blutigen Repressionen, Deportation von tausenden K\u00e4mpfern nach Sibirien, Beschlagnahme des Eigentums, Verlust vieler Institutionen und rechtlicher Regelungen und brutaler Russifizierung.\nDer polnische Geist \u00fcberdauerte in Familien und Haushalten, in denen M\u00fctter ihren Kindern Gebete beibrachten und \u00fcber glanzvolle vergangene Zeiten und Helden erz\u00e4hlten. Es wurde zu der \u201eHeiligen Jungfrau, die Tschenstochau verteidigt und im Tor der Morgenr\u00f6te leuchtet\u201c gebetet und zu den heiligen St\u00e4tten von Jasna G\u00f3ra (dt.: Heller Berg), Vilnius oder Gietrzwa\u0142d (dt.: Dietrichswalde) gepilgert. Die Kirche n\u00e4herte diesen Geist und immer gab es Priester, die das Schicksal der Nation teilten, Schulen errichteten, sich den Aufst\u00e4ndischen anschlossen und am Ende nach Sibirien geschickt oder an den Galgen gebracht wurden.\nMilit\u00e4rische Niederlagen und Repressionen bewegten die Polinnen und Polen zu au\u00dfermilit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten. Man suchte nach Bet\u00e4tigungsfeldern im wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und p\u00e4dagogischen Bereich und es wurden dabei Siege errungen. Wir finden ihre Spuren heute auf Landkarten und in wissenschaftlichen Publikationen. Zu Ehren jener, die f\u00fcr die Teilnahme am Januaraufstand nach Sibirien verschickt wurden, wurden Gebirgsketten nach ihnen benannt: Czerski, Dybowski und Czekanowski. Im fernen Chile sto\u00dfen wir wiederum fast \u00fcberall auf Ort, die an Ignacy Domeyko erinnern \u2013 einen Exilanten, der nach der Niederlage des Novemberaufstands gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen.\nNach und nach wurden in dem Land Wirtschaftsverb\u00e4nde, Banken, landwirtschaftliche Genossenschaften, Bibliotheken und wissenschaftliche Vereinigungen (nicht selten von ehemaligen Aufst\u00e4ndischen) gegr\u00fcndet. Es stellte sich heraus, dass sie trotz Repressionen den polnischen Landbesitz und das Netzwerk ihrer Institutionen wirksam bewahren konnten. Es gab viele, die, obwohl sie im Dienst der Besatzungsm\u00e4chte standen, f\u00fcr ihre Heimat arbeiteten.\nGenerationen um Generationen f\u00fchlten sich, obwohl sie keinen eigenen Staat hatten, nicht nur dem Polentum zugeh\u00f6rig, sondern waren auch bereit, f\u00fcr ihr Heimatland Opfer zu tragen. Denn die Erinnerung und die Kultur, in denen sich eine der Unabh\u00e4ngigkeit beraubte Nation ausdr\u00fcckte, hatten Bestand. Die herausragendsten Werke, die w\u00e4hrend der Teilungszeit entstanden, bilden immer noch den nationalen Kanon. Dazu geh\u00f6ren Werke der gro\u00dfen romantischen Dichter, die im Exil wirkten: Adam Mickiewicz, Juliusz S\u0142owacki und Zygmunt Krasi\u0144ski. \u00dcber die Grenzen geschmuggelt und von der Zensur verboten, erregten sie die Geister der n\u00e4chsten Generationen genauso wie die Kompositionen des Pianisten Fryderyk Chopin, die dem Heimweh nach Polen entsprangen. Seine Musik ber\u00fchrt immer noch Millionen von Menschen auf der ganzen Welt.\nPolen war von der Landkarte Europas verschwunden, als Maria Curie-Sk\u0142odowska als erste Polin und erste Frau, die den Nobelpreis erhielt, ein chemisches Element entdeckte, das sie \u201ePolonium\u201c nannte und damit Polen im Periodensystem dauerhaft pr\u00e4sent machte. Zwei Jahre sp\u00e4ter \u2013 1905 \u2013 wurde Henryk Sienkiewicz, dem Autor von Quo vadis?, der Nobelpreis f\u00fcr Literatur verliehen. Damals war er der meistgelesene Schriftsteller und sein Ruhm reichte von Russland bis in die USA. W\u00e4hrend der Nobelpreisgala sprach er \u00fcber sein Heimatland: \u201eEs wurde f\u00fcr tot erkl\u00e4rt \u2013 und dies ist einer von tausenden Beweisen daf\u00fcr, dass es lebt; es wurde f\u00fcr erobert erkl\u00e4rt, und hier ist ein neuer Beweis daf\u00fcr, dass es zu gewinnen versteht.\u201c Im Geiste seiner Trilogie \u2013 dreier Romane, welche die Kriege der Republik Polen gegen die T\u00fcrkei, gegen Schweden und gegen die Kosaken im 17. Jahrhundert beschreiben \u2013 wurde eine ganze polnische Armee erzogen, gegen die die Besatzungsm\u00e4chte immer wieder k\u00e4mpfen mussten.\nViele der jungen Leute, die sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Legionen von Pi\u0142sudski oder der aus polnischen Emigranten in den USA gebildeten Armee anschlossen, hatten Sienkiewiczs B\u00fccher im Rucksack. Sie waren bereit, f\u00fcr Polen zu k\u00e4mpfen und zu sterben, obwohl nicht einmal ihre Gro\u00dfeltern ein freies Polen mit erlebt hatten. Auch unz\u00e4hlige Maler verewigten Polen in ihren historischen Gem\u00e4lden. Einer der originellsten, Jacek Malczewski, rief auf: \u201eMalt so, dass Polen wieder auferstehe!\u201c. Ein Jahr nach dem Tod Jan Matejkos \u2013 des beliebtesten unter den historischen Malern \u2013\u2013 wurde in Lemberg eine Ausstellung seiner Werke veranstaltet. Diese fand anl\u00e4sslich des 100. Jahrestag der Schlacht von Rac\u0142awice statt: Im Jahr 1794 besiegte die von Bauerntruppen unterst\u00fctzte Armee unter dem Kommando von Tadeusz Ko\u015bciuszko, der zuvor f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der Vereinigten Staaten gek\u00e4mpft hatte, die Russen. In einer speziell erbauten Rotunde wurde ein monumentales, \u00fcber einhundert Meter langes Gem\u00e4lde von Jan Styka und Wojciech Kossak gezeigt, das den siegreichen Kampf gegen die Russen darstellt. Unz\u00e4hlige Polen legten Hunderte von Kilometern zur\u00fcck, um es anzuschauen. Sie fl\u00fcsterten bewundernd: \u201eDas ist kein Bild, das ist eine Tat.\u201c\nWir werden nicht die Tausende junger Menschen z\u00e4hlen k\u00f6nnen, die oft aus abgelegenen D\u00f6rfern stammten, zu Polen wurden\u00a0 und eine moderne Nation mit begr\u00fcndeten \u2013 eine zwar staatenlose Nation, die aber umso reicher an Kultur und Br\u00e4uchen war. Dank ihnen blieb nicht nur die polnische Wesensart bestehen: Zu Polinnen und Polen wurden au\u00dferdem Menschen, deren Gro\u00dfv\u00e4ter aus Nachbarl\u00e4ndern gekommen waren, um Polen zu germanisieren und zu russifizieren. Polen verf\u00fchrte sie mit seinem \u201eunbezwingbaren Geist\u201c. Dank ihm erlangte Polen am 11. November 1918 die Unabh\u00e4ngigkeit wieder.\n\u00a0\nDer Text wurde in der polnischen Monatszeitschrift Wszystko Co Najwa\u017cniejsze im Rahmen eines historischen Projekts unter Mitwirkung des Instituts f\u00fcr Nationales Gedenken ver\u00f6ffentlicht."},{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/11\/10\/der-unbezwingbare-polnische-geist\/#primaryimage","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/11\/Jaroslaw.Szarek.jpg","contentUrl":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2020\/11\/Jaroslaw.Szarek.jpg","width":810,"height":1079},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/2020\/11\/10\/der-unbezwingbare-polnische-geist\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Home","item":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/pl\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Der unbezwingbare polnische Geist"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#website","url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/","name":"Instytut Polski w Wiedniu","description":"Instytuty Polskie","potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"pl-PL"},{"@type":"Person","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#\/schema\/person\/bc3820c9cc4bb0a6ac49e9a52418b770","name":"matyjaszczyko","image":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"pl-PL","@id":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/#\/schema\/person\/image\/","url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/8e44bde7e1970f09bf46d92274fee2be?s=96&d=mm&r=g","contentUrl":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/8e44bde7e1970f09bf46d92274fee2be?s=96&d=mm&r=g","caption":"matyjaszczyko"},"url":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/author\/matyjaszczyko\/"}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5966","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/users\/85"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5966"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5966\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5978,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5966\/revisions\/5978"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5967"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5966"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5966"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/instytutpolski.pl\/wien\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5966"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}