28.04.2026 Literatur, Programm

Dann sind alle Tage verloren

BERLIN / 19:00 / Poesie lesen von: Debora Vogel

In Lesung & Gespräch: Anna Maja Misiak & Tomasz Różycki

Moderation: Matthias Weichelt

Debora Vogel vor 1942

Debora Vogel (geb. 1920 in Bursztyn / Galizien, damals Österreich-Ungarn; heute Ukraine), ermordet 1942 im Ghetto von Lwów) entstammte einer aufgeklärten jüdischen Familie aus Verlegern, Schriftstellern, Juristen und Übersetzern. Als Kosmopolitin fühlte sie sich gleichermaßen zuhause in Berlin, Paris, New York, Wien und Stockholm. Sie sprach Polnisch und Deutsch seit ihrer Kindheit, lernte früh Französisch und Latein und später, während des Studiums, Jiddisch – eine Sprache, die, neben Polnisch, zum Medium ihrer Kunst werden sollte.

Von Lemberg aus, wo sie künstlerisch arbeitete, knüpfte sie Kontakte zu den Krakauer Avantgardisten, zu Stanisław Ignacy Witkiewicz und Bruno Schulz, dessen Förderin sie wurde und in dessen Schatten sie bis heute zu Unrecht steht. In ihrem vielfältigen und kurzen Leben, dem die Faschisten gewaltsam ein Ende setzten, war Vogel getrieben von der Idee des Konstruktivismus. Geschult an den Philosophien Kants und Hegels, über den sie promovierte, ging es ihr stets um die Wechselbeziehung zwischen Spracherwerb und Wahrnehmung der Wirklichkeit. In ihren frühen kubistisch-konstruktivistischen Gedichten, die ab Mitte der 20er Jahre erschienen, erfand sie sich eine moderne Formensprache, die zutiefst geprägt war von Technik, Industrie und Ökonomie. Es entstand eine auf die Fläche montierte Wirklichkeit, aufgelöst in geometrische Grundfiguren wie Ellipse, Kreis und Rechteck. Vorherrschend waren urbanes Grau und der Rhythmus von Maschinen. Das Wort übernahm die Funktion von Pinselstrich und Farbe. Komplexität und Überfluss gingen über in reine Geometrie. Das höchste Ziel, das Ideal: die graue asketische Linie.

Vogel strebte in ihrem Werk exakt das an, was andere Schriftsteller:innen tunlichst vermeiden: die unbedingte Monotonie. Ihre Gedichte sind Querschnitte, Stillleben aus Glas oder klirrender Kälte. Sie klingen dann beispielsweise so: „Der Tag ist eine Länge, glasfarben, / geteilt in zwei Hälften / mit einem flachen roten Kreis.“ Vogel entwirft eine Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, in der aber gleichzeitig „die Süße der Statik“ gefeiert wird. Der Einzelvers bewegt sich hier nah an der Radierung, mit einer Kaltnadel Zeile für Zeile eingeritzt in „die graue Zinkplatte der Welt“. Und doch schleicht sich in späteren Gedichten – sie schrieb Legenden, Trinkerlieder und am Groschenheft orientierte „Schundballaden“ – eine große Zartheit in die Verse, und plötzlich wird alles „leise und langsam / wie ein sehr langes Floß / das duftende Tannen führt“.

Über das Leben und Werk von Debora Vogel sprechen der Dichter Tomasz Różycki und die Übersetzerin von Vogels Gedichten ins Deutsche, Anna Maja Misiak, mit Matthias Weichelt, dem Chefredakteur der von der Akademie der Künste herausgegebenen Literaturzeitschrift „Sinn und Form“.

Veranstalter: Polnisches Institut Berlin & Haus für Poesie

Info: hausfuerpoesie.org/de/programm/poesie-lesen-von-debora-vogel
Eintritt:
frei
Ort: Polnisches Institit, Galerie, Burgstr. 27, 10178 Berlin

 

Titelbild © Wikipedia / CC0 1.0

 

 

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