2.10.2022 - 9.10.2022 Archiv, Programm

Women Make Film: Wanda Jakubowska

BERLIN / Retrospektive im Arsenal

Im Rahmen seiner Reihe über bedeutende Regisseurinnen in der Kinogeschichte präsentiert das Arsenal – Institut für Film und Videokunst eine Auswahl der Arbeiten von Wanda Jakubowska (1907–1998). Mit dem Namen der polnischen Regisseurin ist vor allem ein Film verbunden: „Ostatni Etap / Die letzte Etappe“ war 1947 der erste Spielfilm überhaupt, der den Holocaust darzustellen versuchte, und basierte auf Jakubowskas eigenen Erfahrungen als Inhaftierte in Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück.

Weit weniger bekannt ist sie für ihr gesamtes filmisches Schaffen, das eine Spanne von 50 Jahren und an die 20 Filme umfasst. Ihre Bedeutung für das polnische Filmschaffen ist unumstritten: 1930 war sie Gründungsmitglied der Avantgarde-Filmgruppe START, die experimentelle Kurz- und Dokumentarfilme produzierte. Ihr erster Spielfilm entstand 1939, konnte durch den Kriegsbeginn aber nie aufgeführt werden und gilt als verschollen. Nach dem Krieg konnte sie im Filmgeschäft schnell wieder Fuß fassen, von 1949 bis 1974 lehrte sie außerdem an der Filmhochschule Łódź.

Die Auseinandersetzung mit dem Faschismus und ihre Erfahrungen im Krieg, in dem sie im Widerstand tätig war, prägte ihre politische Haltung. Die Erinnerung daran durchzog ihr filmisches Werk. Dem Stil des sozialen Realismus blieb sie bis zu ihrem letzten Film 1988 treu. Zeitlebens setzte sie sich für die Belange der Kommunistischen Partei Polens ein. Das machte sie zu einer umstrittenen Figur in der polnischen Kulturszene und mag ein Grund sein, weshalb ihre Filme mit Ausnahme von „Die letzte Etappe“ so unbekannt geblieben sind. Neben den vier Filmen zwischen 1947 und 1985, die sich direkt mit Konzentrations- und Arbeitslagern und der Erinnerung daran auseinandersetzen, drehte sie unter anderem auch zwei Kinderfilme und mit „Soldier of Victory“ einen monumentalen Film über einen sozialistischen Musterhelden. [Text: Arsenal]

Veranstalter: Arsenal – Institut für Film und Videokunst e. V. in Kooperation mit dem Polnischen Institut Berlin

Info: www.arsenal-berlin.de
Ort: Kino Arsenal, Potsdamer Str. 2, 10785 Berlin

 

PROGRAMM:

 

02.10.2022 / 20:00 (Wiederholung 25.10.2022 / 20:00)
Ostatni Etap / Die letzte Etappe
Spielfilm, R: Wanda Jakubowska, PL 1948, 109 min, OmdU, mit einer Einführung von Monika Talarczyk
B: Wanda Jakubowska & Gerda Schneider
K: Boris Monastyrski
S: Róża Pstrokońska
M: Roman Palester
D: Wanda Bartówna, Hugette Faget, Tatjana Górecka, Antonina Górecka, Maria Winogradowa, Barbara Drapińska, Aleksandra Sląska u. a.

Das Drehbuch schrieb Jakubowska zusammen mit der deutschen Kommunistin Gerda Schneider, die ebenfalls in Auschwitz inhaftiert war. Zusammen kehrten sie 1947 an den Ort des Verbrechens zurück und filmten inmitten der übriggebliebenen Baracken, Arbeitslager und Fabriken und unter Mitwirkung vieler weiblicher Überlebenden. „Die letzte Etappe“ schildert das Schicksal einer Gruppe von weiblichen Gefangenen, die sich dem Widerstand im Lager anschließt. Als die Hauptfigur Marta nach einem missglückten Fluchtversuch vor den Augen ihrer Mithäftlinge gehenkt werden soll, schneidet sie sich die Pulsadern auf, während im Himmel schon die alliierten Flugzeuge kreisen. „Nie wieder Auschwitz“ sind ihre letzten Worte.

Wanda Jakubowska sagte über ihren bekanntesten Film: „Dem Wunsch, den Film zu drehen, verdanke ich wahrscheinlich, dass ich überhaupt noch lebe. Er behütete mich davor, Auschwitz nur subjektiv zu erleben, und erlaubte mir später, alles, was mich damals umgab, als eine besondere Art von Dokumentation zu behandeln. Ich sammelte das Material, indem ich mit Frauen von verschiedenen Lagerkommandos sprach. Ich war verpflichtet, die Realität so exakt wie möglich darzustellen, obwohl ich von Anfang an wusste, dass sich die Wahrheit über Auschwitz gar nicht verfilmen lässt.“

Zu seiner Zeit wurde der Film weltweit mit viel Interesse aufgenommen. Später geriet er in Vergessenheit und wurde erst ab den Neunzigerjahren wieder öfter aufgeführt. 2019 wurde er digital restauriert. [Text: Arsenal]

***

03.10.2022 / 20:00
Spotkania w mroku / Begegnung im Zwielicht
Spielfilm, R: Wajda Jakubowska, PL/DDR 1960, 102 min, OmdU
B: Wajda Jakubowska
K: Kurt Weber
M: Stanisław Skrowaczewski
S: Róża Pstrokońska
D: Zofia Słaboszowska, Horst Drinda, Erich Franz, Charlotte Küter, Emil Karewicz, Ilona Mikke u. a.

Die gefeierte polnische Pianistin Magdalena ist in Westdeutschland auf Konzerttour, die für sie zu einer Reise in die Vergangenheit wird. Als 18-Jährige wurde sie nach Deutschland in ein Zwangslager verschleppt und verliebte sich dort in Steinlieb, den jungen Besitzer einer Schuhfabrik. Ihn sucht sie nun wieder auf, ebenso wie den Antifaschisten Wenk, der ihr damals half und der sich nun gegen die Aufrüstung Westdeutschlands engagiert. Als sie begreift, dass Steinlieb sich an der Diffamierung und Verfolgung Wenks beteiligt, ist sie zutiefst enttäuscht – über ihn persönlich wie über die politische Entwicklung der Bundesrepublik. [Text: Arsenal]

***

06.10.2022 / 20:00
Koniec naszego świata / The End of Our World
Spielfilm, R: Wanda Jakubowska, PL 1964, 138 min, OmU
B: Wajda Jakubowska
K: Kazimierz Wawrzyniak
S: Lidia Pstrokońska
M: Kazimierz Serocki
D: Lech Skolimowski, Teresa Wicińska, Krystyn Wójcik, Władysław Głąbik, Tadeusz Hołuj, Tadeusz Madeja, Edward Kusztal, Tadeusz Teodorczyk u. a.

Basierend auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Tadeusz Hołuj kehrt Jakubowska nach „Die letzte Etappe“ ein zweites Mal filmisch nach Auschwitz zurück. Der Überlebende Henryk nimmt zwei amerikanische Touristen mit dem Auto nach Auschwitz mit. Sie wollen sich das dortige Museum anschauen und Henryk zeigt ihnen zunächst widerstrebend den Ort, wobei eigene Erinnerungen hochkommen.

Henryk war inhaftiert worden, weil er in Warschau einer Frau zu Hilfe gekommen war, die von einem deutschen Polizisten misshandelt wurde. In Auschwitz wird er zum „Muselmann“, der schon dem Tod geweiht ist. Mit Unterstützung einiger Mitgefangener kann er überleben und schließt sich dem Widerstand an. Während die junge Amerikanerin sich als Tochter von Juden herausstellt, die im Holocaust ermordet wurden, ist ihr Begleiter erschreckend oberflächlich und steht für die Ignoranz einer neuen Zeit. [Text: Arsenal]

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09.10.2022 / 20:00
Zaproszenie / Die Einladung
Spielfilm, R: Wanda Jakubowska, PL 1985, OmU
B: Wajda Jakubowska
K: Maciej Kijowski
S: Zenon Piórecki
M: Piotr Marczewski
D: Antonina Gordon-Górecka, Maria Probosz, Kazimierz Witkiewicz, Leszek Żentara, Wiesława Mazurkiewicz u. a.

Auch in ihrem vorletzten Film kontrastiert Jakubowska die Gegenwart mit der Erinnerung an den Krieg. Die Hauptfigur Anna ist Überlebende eines Konzentrationslagers und angesehene Kinderärztin. Ihr früherer Verlobter Piotr – ihre geplante Heirat wurde durch den Krieg verhindert und später vermählte sich Anna mit einem anderen Mann in der Annahme, Piotr sei gestorben –, der mittlerweile als Wissenschaftler in den USA lebt, kommt zu Besuch nach Polen.

Anna besucht mit ihm die Orte, die sie nicht vergessen kann: Auschwitz, Sachsenhausen, Ravensbrück. Annas von den Erfahrungen des Krieges geformten Überzeugungen und Werte heben sich stark ab von denen ihrer Tochter Natalia, die dem Materialismus anhängt und Piotrs Einladung in die USA gerne annimmt. [Text: Arsenal]

 
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