Aufmerksame Leser*innen haben sicherlich bemerkt, dass sich in diesem Jahr die Jubiläen häufen. Eines davon ist das 35-jährige Bestehen der Partnerschaft zwischen den Hauptstädten Deutschlands und Polens, die seitdem nicht nur ihre wirtschaftlichen Beziehungen immer enger knüpfen, sondern auch – für uns noch wichtiger – ihre kulturellen.
Das Warschau im Jahr 1991 und das Warschau im Jahr 2026 – das sind zwei völlig verschiedene Welten. Von den gewaltigen Umwälzungen auch im Bereich der Popkultur zeugt u. a. der Umstand, dass die spanische Sängerin Rosalía im vergangenen Jahr die Stadt für die Produktion ihres neuen Clips auswählte. Im Video zum Song „Berghain“ verbindet sie zwei Sphären miteinander – auf der einen Seite den legendären Berliner Techno-Club, auf der anderen Seite das lyrische Kino von Krzysztof Kieślowski. Eine bessere Schirmherrin für dieses Programm-Special können wir uns kaum ausmalen.
Eine zweite popkulturelle Schirmherrin für den Programmschwerpunkt „Zwei Herzen“ könnte die britische Musikerin Charli XCX sein, die im Film „Erupcja“ ihr Debüt als Hauptdarstellerin feiert – als Britin Bethany, die sich im doppelten Sinne in Warschau verliebt. Denn von wem können wir mehr über einen uns bekannten Ort erfahren als von jemandem, der mit den Augen eines Auswärtigen auf ihn schaut?
Die Touristin Bethany und ihre große Liebe sind zwei von sechs Protagonist*innen, die unsere Blicke auf das zeitgenössische Warschau lenken. Zu ihnen gesellen sich zwei Paare, die uns verschiedene Facetten der Liebe und der Stadt zeigen. Im stylischen Liebesdrama „Photosensitive“ sind es die sehbehinderte Sozialarbeiterin Agata und der eigenbrötlerische Fotograf Robert. In der fortgeschrittenen Coming-of-Age-Sozialstudie „Tell Me What You Feel“ hingegen erforschen die Künstler*innen Patryk und Maria das therapeutische Potenzial kreativer Projekte – unter anderem im nagelneuen Warschauer Museum für Zeitgenössische Kunst.
Wir hoffen, dass die drei ausgewählten Filme in ihrer Polyphonie gemeinsam ein an- und aufregendes Panorama der polnischen Hauptstadt entfalten und die Zuschauer*innen ahnen lassen, welche Abenteuer und Geheimnisse dort auf sie warten. [Bartek Tesarz / Übersetzung: Rainer Mende]
Die Filme:
Erupcja von Pete Ohs
Powiedz mi, co czujesz / Tell Me What You Feel von Łukasz Ronduda
Światłoczuła / Photosensitive. Das Licht in deinen Augen von Tadeusz Śliwa
Erupcja
US/PL 2025
71 min, OmeU
R/K/S: Pete Ohs
B: Pete Ohs, Charli XCX, Lena Góra, Jeremy O. Harris, Will Madden
M: Isabella Summers, Charles Watson
D: Charli XCX, Lena Góra, Will Madden, Jeremy O. Harris, Agata Trzebuchowska, Maja Michnacka, Jan Lubaczewski u. a.
Beth reist mit ihrem Freund nach Warschau. Die Londonerin weiß, dass er einen Verlobungsring im Gepäck hat und ihr hier einen Heiratsantrag machen möchte. Eigentlich wollte er dafür nach Paris, aber sie hatte die polnische Hauptstadt für den romantischen Trip vorgeschlagen – und das nicht zufällig. Schon bald taucht sie nämlich bei der geheimnisvollen Blumenhändlerin Nel auf, die sie schon lange kennt.
Möglicherweise verbindet die Frauen mehr als nur Freundschaft. Sie finden immer wieder zueinander, wenn irgendwo ein Vulkan ausbricht – so wie auch jetzt wieder. Die Vulkanasche über Europa verzögert den Abflug und den Reisenden bleibt ausreichend Zeit, um sich über ihren Beziehungsstatus klar zu werden. Das gilt auch für den amerikanischen Künstler Claude und Nels Ex-Freundin Ula, die nun ebenfalls auf ihre Weise Nel umschwirren.
Pete Ohs erzählt sein multikulturelles Low-Budget-Beziehungs-Verwirrspiel, an dem die Darsteller*innen mitgeschrieben und -produziert haben, mit ironisch-beiläufigem Unterton und dezentem Retro-Touch vor dem Hintergrund einer Stadt, die von Postkartenidylle und Touri-Hotspot weit entfernt ist. Taugt die überdimensionierte Ansammlung von Beton, überfüllten Straßen, bröckelndem Putz und verblassenden Graffiti als Stadt der Liebe? Und bricht nicht jeden Tag irgendwo auf der Welt ein Vulkan aus? [Rainer Mende]
10.09. / 20:00 / Kino Krokodil
11.09. / 19:00 / Wolf Kino
15.09. / 20:00 / Klick Kino

Pete Ohs: Erupcja
Powiedz mi, co czujesz / Tell Me What You Feel
PL 2026
102 min, OmeU
R: Łukasz Ronduda
B: Łukasz Ronduda, Agata K. Koschmieder
K: Weronika Bilska
S: Agata Cierniak
D: Jan Sałasiński, Izabella Dudziak, Anita Poddębniak, Adam Szyszkowski, Aleksandra Justa, Andrzej Konopka u. a.
Patryk kommt vom Dorf, wo seine bettelarmen Eltern sich auf einem heruntergekommenen Bauernhof mit Schrottverkauf über Wasser halten. Aber er will nicht Bauer werden – er quartiert sich in Warschau in einem billigen Zimmer ein, trägt knallbunte Second-Hand-Klamotten und versucht, als Künstler Fuß zu fassen.
Eines Tages gerät er in eine Performance-Ausstellung, wo Maria den Besucher*innen Tränen abkauft und diese ausstellt. Sie stammt aus einem reichen Großstadt-Elternhaus – doch bei einem Rollenspiel zeigt sich, dass Maria ebenso wie der tränenlose Patryk schwer von Traumata belastet ist. In mancher Hinsicht sind sie Seelenverwandte. Ihre Beziehung entwickelt sich zu einer Berg-und-Tal-Bahn, die auf sozialer, erotischer, emotionaler und künstlerischer Ebene zu einer Zerreißprobe wird.
Erneut gelingt Łukasz Ronduda das Meisterstück, künstlerische Fragestellungen und reale Kunstwerke schlüssig in eine Filmhandlung einzubetten, so dass weder der Diskurs zu verkopft noch die Kunst banalisiert wird. Nachdem er in „Heart of Love“ (2017) bereits ein Künstlerpaar porträtierte, bringt er nun in eine Beziehungsgeschichte noch den Aspekt des Klassismus ein. Dabei greift er erneut auf reale Vorbilder zurück – Patryks Vorbild ist der Künstler Patryk Różycki, für die Figur der Maria war die bildende Künstlerin Karolina Balcer Patin. [Rainer Mende]
11.09. / 20:30 / Sputnik
12.09. / 15:00 / fsk Kino / zu Gast: Andrzej Konopka
13.09. / 18:30 / Wolf Kino
15.09. / 20:00 / Kino Krokodil

Łukasz Ronduda: Powiedz mi, co czujesz / Tell Me What You Feel
Światłoczuła / Photosensitive. Das Licht in deinen Augen
PL 2025
93 min, OmdU
R: Tadeusz Śliwa
B: Tomasz Klimala, Hanna Węsierska
K: Michał Englert
S: Robert Gryka
M: Katarzyna Sochacka, Kortez, Aleksander Świerkot
D: Matylda Giegżno, Ignacy Liss, Bartłomiej Deklewa, Aleksandra Pisula, Kamil Pudlik, Ada Szczepaniak u. a.
Robert steht zwar noch am Anfang seiner Karriere als Fotograf, ist aber schon international gefragt. Bei einer seiner Hochglanz-Sessions springt ihm Agata ins Auge, obwohl (oder weil) sie kein Profi-Model ist. Erst als er sie zu einem Solo-Shooting einlädt, bemerkt er, dass sie seine Fotos vermutlich nie sehen wird – seit ihrem vierten Lebensjahr ist sie blind.
Jetzt könnte eine überzuckerte Boy-Meets-Girl-Romanze beginnen, in welcher der fürsorgliche „Normalo“ das behinderte Mädchen unter die Fittiche nimmt. Aber hier ist Agata die Weltoffene, Neugierige, Selbstsichere, während sich Robert lieber zurückzieht und eher durchs Leben taumelt. Kann Agata seine harte Schale knacken – und er sie so akzeptieren, wie sie ist?
Tadeusz Śliwa gelingt in seinem zweiten Kinofilm ein feinfühliges Psychodrama mit überraschenden Wendungen, weil er sich auf seine Hauptdarsteller*innen verlassen kann – allen voran Matylda Giegżno (in Gdynia für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet), die als Agata leidenschaftlich wie uneitel Kraft und Verletzlichkeit vereint. Hinzu kommt ein gelungenes Zusammenspiel aus Schnitt, Ton und Bildern, welches die Nicht-/Wahrnehmung von Sinneseindrücken in verschiedenen Varianten durchspielt. [Rainer Mende]
12.09. / 18:00 / Thalia
15.09. / 20:30 / Sputnik

Tadeusz Śliwa Światłoczuła / Photosensitive. Das Licht in deinen Augen © Karolina Grabowska