Manche suchen nach Herausforderungen, andere geraten ungewollt hinein. Was sie alle eint: Auf das, womit sie dann zurechtkommen müssen, waren sie nicht vorbereitet. Sie kommen in Situationen, für die es kein Lehrbuch, keine Bedienungsanleitung und kein YouTube-Tutorial gibt. Urplötzlich finden sie sich in politischen Umbrüchen wieder, erleben häusliche Gewalt oder fragwürdiges Geschäftsgebaren, bekommen soziale Ungerechtigkeiten zu spüren oder verzweifeln an der Scheinheiligkeit moralischer Instanzen. Passiv zu sein ist keine Option, ein Entkommen gibt es nicht – außergewöhnliche Verhältnisse erfordern außergewöhnliches Verhalten.

Die Protagonist*innen der sechs Filme des diesjährigen Panoramas müssen – allein oder mit Unterstützung von Gleichgesinnten – der Realität ins Auge blicken und Strategien entwickeln, um nicht unter die Räder zu kommen. Oder besser noch: die Situation zum Besseren zu verändern. Werden sie scheitern? Oder werden sie Held*innen? [Rainer Mende]

Die Filme:

Brat / Brother / Der Bruder von Maciej Sobieszczański
Chopin, Chopin / Chopin. Eine Sonate in Paris
von Michał Kwieciński
Człowiek do wszystkiego / The Assistant / Ein Mann für alles
von Wilhelm & Anna Sasnal
Dom Dobry / Home Sweet Home
von Wojciech Smarzowski
Ministranci / The Altar Boys
von Piotr Domalewski
Zima pod znakiem wrony / Winter of the Crow / Winter im Zeichen der Krähe
von Kasia Adamik

 


 

Brat / Brother / Der Bruder


PL 2025
98 min, OmdU & eU
R: Maciej Sobieszczański
B: Maciej Sobieszczański, Grzegorz Puda
K: Jolanta Dylewska
S: Rafał Listopad
M: Antoni Komasa-Łazarkiewicz
D: Filip Wiłkomirski, Tytus Szymczuk, Agnieszka Grochowska, Julian Świeżewski, Jacek Braciak, Jakub Kamieński, Tomasz Schuchardt u. a.

Das Leben ist nicht leicht, wenn man sich wie Agnieszka als alleinerziehende Mutter mit zwei (prä-)pubertären Söhnen herumschlagen muss, während der Ehemann im Knast sitzt. Und nur wenige Wege führen aus dem Teufelskreis aus prekären Verhältnissen und Gewalt, die im Hochhausviertel der mittelpolnischen Kleinstadt Żyrardów an jeder Ecke lauern.

Doch der 14-jährige Dawid scheint einen entdeckt zu haben. Er ist ein passabler Judoka und hat in seinem Trainer Adam einen Mentor, der ihm bei tadelloser Führung auf der Matte und im Leben einen Platz auf einem Sportgymnasium in Gdańsk verschaffen könnte. Leider haben einige Menschen in Dawids Umgebung etwas gegen seine potenzielle Erfolgsgeschichte.

Maciej Sobieszczański kann sich in seinem Sozialdrama klassischen Zuschnitts auf seine Protagonist*innen blind verlassen – allen voran Filip Wiłkomirski als Dawid und Agnieszka Grochowska als seine überforderte Mutter halten die permanente Nähe der Kamera souverän aus und verkörpern Figuren mit Ecken und Kanten, die eine Tür weiter wohnen könnten. Dabei schafft er es, ohne billige Schwarz-Weiß-Malerei auch im tristen Milieu der sozial Abgehängten einen Silberstreif am Horizont zu entdecken. [Rainer Mende]

Vorführungen in Kooperation mit dem FilmFestival Cottbus

10.09. / 19:30 / City-Kino Wedding / zu Gast: Maciej Sobieszczański
11.09. / 18:00 / Sputnik / zu Gast: Maciej Sobieszczański
12.09. / 20:00 / Kino Krokodil / zu Gast: Maciej Sobieszczański
14.09. / 20:00 / Klick Kino

 

Maciej Sobieszczański: Brat / Der Bruder © Łukasz Bąk / Monolith Films

 


 

Chopin, Chopin / Chopin. Eine Sonate in Paris


PL 2025
114 min, OmdU
R: Michał Kwieciński
B: Bartosz Janiszewski
K: Michał Sobociński
S: Piasek & Wójcik
M: Robot Koch
D: Eryk Kulm, Joséphine de La Baume, Victor Meutelet, Lambert Wilson, Theo Grundmann Brechet, Karolina Gruszka, Maja Ostaszewska u. a.

Paris in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts. Fryderyk bzw. Frédéric Chopin spielt im Salon Pleyel vor der gehobenen Gesellschaft und gibt pausenlos Klavierstunden, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die adeligen Damen himmeln ihn an, selbst der König gehört zu seinen Bewunderern. Aber richtig wohl fühlt sich der Pole nur in seinem engsten Freundeskreis, in dem er regelrecht aufblüht.

Wie der polnische Originaltitel „Chopin, Chopin!“ andeutet, geht es in dem opulenten Ausstattungsfilm um zwei Seiten einer historischen Person – die gefeierte öffentliche und im Kontrast dazu die private, deren Liebesbeziehungen scheitern, die vom Verlust der Heimat geplagt ist und deren tödliche Krankheit sich wie ein Schatten über das rauschhafte Leben in den Salons Europas legt.

Michał Kwieciński möchte weder ein Denkmal vergolden noch eine Ikone vom Sockel stoßen. Er pfeift auf millimetergenaue historische Rekonstruktion und biografische Langzeitstudien, sondern greift sich eine Phase aus Chopins Leben heraus, die er in einer der teuersten polnischen Filmproduktionen aller Zeiten rauschhaft vor uns ausbreitet. Dabei schreckt er vor elektronischen Sounds ebenso wenig zurück wie vor rasanten Szenenwechseln und ausufernden Kamerafahrten. Sein wertvollstes Ass im Ärmel ist aber Hauptdarsteller Eryk Kulm, der sich nicht nur mit Schwung in die Stimmungsschwankungen seines Vorbilds wirft, sondern für die Aufnahmen auch selbst in die Tasten gegriffen hat. [Rainer Mende]

10.09. / 20:00 / Klick Kino / zu Gast: Michał Kwieciński
11.09. / 18:00 / Thalia / zu Gast: Michał Kwieciński

 

Michał Kwieciński: Chopin, Chopin / Chopin. Eine Sonate in Paris © Neue Visionen

 


 

Człowiek do wszystkiego / The Assistant / Ein Mann für alles


PL 2025
124 min, OmdU & eU
R: Wilhelm Sasnal, Anna Sasnal
B/K: Wilhelm Sasnal
S: Aleksandra Gowin
D: Piotr Trojan, Agnieszka Żulewska, Andrzej Konopka, Juliusz Chrząstowski, Roman Gancarczyk, Ewa Kolasińska, Mikołaj Kubacki, Michał Majnicz, Aleksandra Nowosadko, Marta Ojrzyńska u. a.

Dem jungen Christoph Marti ist klar, dass er mit seiner drögen Tätigkeit als Buchbinder nicht glücklich wird. Deshalb heuert er Hals über Kopf als titelgebender „Mann für alles“ bei dem Erfinder und Unternehmer Tobler an. Der wünscht sich explizit jemanden, der nicht blind Befehle ausführt, sondern selbstständig und weise handelt.

Von nun an lebt und arbeitet Marti auf dem Anwesen von Tobler und dessen anspruchsvoller Frau, die sich kaum für ihre Tochter interessiert – und entdeckt zunehmend Ungereimtheiten. Ununterbrochen bringt der Briefträger Rechnungen, während Toblers Unternehmen kaum Einnahmen generiert. Nach außen wird der schöne Schein gewahrt, während hinter den Kulissen Firma und Familie auf eine Katastrophe zusteuern. Immer dringender stellt sich Marti die Frage: Wo endet seine Loyalität als Bediensteter und wann ist der Zeitpunkt gekommen, den Finger in die offene Wunde zu legen?

Das Künstlerpaar Sasnal interpretiert Robert Walsers Text „Der Gehülfe“ auf den ersten Blick klassisch, in gemächlichem Tempo und historischer Ausstattung. Doch mit den anschwellenden Unklarheiten in der Handlung wird auch ihr Stil fluid – das Tempo zieht an und verlangsamt sich, immer mehr Fehler schleichen sich in die Bildebene und die Handlung kippt bisweilen ins Fantastische. Virtuos entwickeln sie ihren Stoff mit allen audiovisuellen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. [Rainer Mende]

11.09. / 20:00 / Klick Kino / zu Gast: Andrzej Konopka
14.09. / 20:00 / Kino Krokodil / zu Gast: Anna & Wilhelm Sasnal
15.09. / 18:00 / Wolf Kino / zu Gast: Anna & Wilhelm Sasnal

 

Wilhelm & Anna Sasnal: Człowiek do wszystkiego / Ein Mann für alles

 


Dom Dobry / Home Sweet Home


PL 2025
107 min, OmdU & eU
R/B: Wojciech Smarzowski
K: Paweł Tybora
S: Krzysztof Komander
M: Mikołaj Trzaska
D: Agata Turkot, Tomasz Schuchardt, Agata Kulesza, Maria Sobocińska, Łukasz Gawroński, Arkadiusz Jakubik, Magdalena Smalara, Julia Kijowska, Andrzej Konopka u. a.

Die nicht mehr blutjunge Gośka hält es kaum noch bei ihrer biestigen Mutter aus, die selbst zu Weihnachten nicht aufhören kann, zu saufen und an ihrer Tochter herumzunörgeln. Zum Glück taucht der kultivierte Grzesiek auf, der mit beiden Beinen fest im Leben steht. Als es zu Hause wieder kracht, packt Gośka kurzentschlossen ihre Koffer und zieht bei ihm ein.

Schlagartig scheint sich alles zum Guten zu wenden – sie bereisen gemeinsam die Welt, auf den Heiratsantrag in Venedig folgen die Hochzeit und die Geburt einer Tochter. Doch die häusliche Idylle entwickelt sich sukzessive zum Albtraum. Denn in den eigenen vier Wänden wird Grzesiek zum Tyrannen, der vor psychischer und physischer Gewalt nicht zurückschreckt.

Smarzowski schafft es auch mit seinem neunten Kinofilm wieder auf beeindruckende Weise, Kritikerlob und Preise einzusammeln, gleichzeitig die Kinokassen klingeln zu lassen und auch noch eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen. Dabei erweist er sich gemeinsam mit Krzysztof Komander wieder als Meister am Schneidetisch und bewältigt – auch dank der Leistungen von Agata Turkot und Tomasz Schuchardt als Gośka und Grzesiek – den Spagat zwischen allgemein zugänglichem Drama und anspruchsvollem Autorenfilm. [Rainer Mende]

12.09. / 20:30 / Sputnik / zu Gast: Wojciech Smarzowski
13.09. / 20:00 / fsk Kino / zu Gast: Wojciech Smarzowski
14.09. / 19:30 / City-Kino Wedding / zu Gast: Wojciech Smarzowski

 

Wojciech Smarzowski: Dom Dobry / Home Sweet Home © IKH Pictures Promotion

 


 

Ministranci / The Altar Boys


PL 2025
105 min, OmdU & eU
R/B: Piotr Domalewski
K: Piotr Sobociński jr
S: Agnieszka Glińska
M: Dyspensa, Wojciech Urbański
D: Tobiasz Wajda, Bruno Błach-Baar, Mikołaj Juszczyk, Filip Juszczyk, Daria Kalinchuk, Sławomir Orzechowski, Tomasz Schuchardt, Kamila Urzędowska, Artur Paczesny u. a.

In dem unspektakulären Provinzort ist nicht viel los, deshalb ist die Kirche das kulturelle Zentrum der Stadt. Vier Jungs aus unterschiedlichen sozialen Schichten sind hier Messdiener und merken schon früh, dass sie in dieser Welt keine Gerechtigkeit zu erwarten brauchen – auch nicht in dem heiligen Haus, das eigentlich im Namen Gottes Werte vermitteln sollte.

Wenn selbst die Diener Gottes vor allem durch Gier, Doppelmoral und kriminelle Machenschaften auffallen, wer kümmert sich dann noch um Anstand und Moral? Das Teenie-Quartett nimmt die Sache selbst in die Hand, zieht sich als Graswurzel-Bewegung Tarnkappen über, rappt anonym seine Weltsicht in die Handykamera und macht sich dann in die Spur, um das zu tun, was die Erwachsenen versäumen – Schwachen helfen, Opfern Beistand leisten, Arme unterstützen, Mittel gerecht verteilen.

Piotr Domalewski wendet sich ein Stück vom schnörkellosen Stil seiner Sozialdramen („Stille Nacht“, „I Never Cry“) ab und erzählt uns ein modernes Märtyrer-Märchen. Seine Superhelden sind Kinder, souverän gespielt von Teenagern ohne Leinwanderfahrung, die uns mit unverbrauchtem Idealismus vormachen, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist. Dabei umschifft er gekonnt Pathos, Schönfärberei und Schwarzmalerei, erlaubt sich eine Dosis Magie und berührt sozialpolitische ebenso wie religiöse und ethische Fragen. [Rainer Mende]

11.09. / 19:30 / City-Kino Wedding
12.09. / 20:00 / Klick Kino
13.09. / 20:00 / Kino Krokodil

 

Piotr Domalewski: Ministranci / The Altar Boys © Łukasz Bąk

 


 

Zima pod znakiem wrony / Winter of the Crow / Winter im Zeichen der Krähe


PL/LU/D/SE/GB 2025
112 min, OmdU
R: Kasia Adamik
B: Sandra Buchta, Kasia Adamik, Lucinda Coxon
K: Tomasz Naumiuk
S: Andonis Trattos
M: Emre Sevindik
D: Lesley Manville, Zofia Wichłacz, Andrzej Konopka, Sascha Ley, Tom Burke, Rhianne Baretto, Jo Hole, Melissa Dalton, Julian Nest u. a.

Eigentlich will die renommierte, aber nicht sonderlich liebenswürdige Psychologie-Professorin Joan Andrews nur einen Vortrag auf einem Warschauer Fachkongress halten und dann sofort wieder zurück nach England verschwinden. Doch unvermittelt erwacht sie in einem Albtraum – es ist der 13. Dezember 1981, General Jaruzelski ruft das Kriegsrecht aus, Polens Grenzen werden geschlossen, Miliz und Geheimdienst beginnen ihre Jagd auf Oppositionelle.

Ohne Gepäck, Pass und Sprachkenntnisse irrt die Ausländerin quer durch das graue, kalte Warschau, findet Hilfe und Unterschlupf bei Fremden aus dem Solidarność-Milieu und hat bald selbst den Geheimdienst an den Fersen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei ihre Polaroidkamera, deren Aufnahmen einerseits die Verbrechen des Staatsapparates dokumentieren, gleichzeitig aber auch ihre oppositionellen Helfer*innen belasten können. Und dann sind da noch überall diese Krähen als Boten einer finsteren Zeit – oder ihres Unterbewusstseins?

Kasia Adamik rollt die traumatische Geschichte des Kriegszustands noch einmal für die große Leinwand auf – als historischen Thriller mit symbolischem Unterbau, der die Ereignisse der frühen Achtzigerjahre auch für ein ausländisches Publikum verständlich schildert. Dabei stützt sie sich auf die Kurzgeschichte „Professor Andrews in Warschau“ von Olga Tokarczuk, in der es neben der Zeitgeschichte um das Verhältnis zwischen Traum und Realität geht. [Rainer Mende]

10.09. / 20:30 / Sputnik / zu Gast: Andrzej Konopka
13.09. / 15:30 / Thalia
15.09. / 19:30 / City-Kino Wedding

 

Kasia Adamik: Zima pod znakiem wrony / Winter im Zeichen der Krähe