Traditionell wird zur Eröffnung des Festivals der filmPOLSKA Award verliehen. Mit diesem Ehrenpreis wird Personen und Institutionen gedankt, die sich um die Verbreitung des polnischen Filmschaffens in Deutschland und die deutsch-polnischen Beziehungen im Bereich Film verdient gemacht haben. Zu den bisherigen Preisträger*innen gehören u. a. goEAST, das Neiße Film­festival, das Nipkow-Programm, Coco Spezial, Jan Schulz-Ojala, Knut Elstermann, Erika & Ulrich Gregor, Margarete Wach, Artur Brauner, Antoni Komasa-Łazarkiewicz & Mary Komasa sowie das Festival DOK Leipzig.

Volker Schlöndorff

Das filmPOLSKA-Kuratorium hat entschieden, den Preis in diesem Jahr dem Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten Volker Schlöndorff zu verleihen. Damit sollen zum einen die zahlreichen polnischen Akzente in seinen Filmen gewürdigt werden. Darüber hinaus wird ihm im Andrzej-Wajda-Jahr 2026 auch für sein Engagement für die deutsch-polnischen kulturellen Beziehungen gedankt – u. a. durch seine langjährige Freundschaft mit dem polnischen Star-Regisseur, seine Lehrtätigkeit an der Wajda School in Warschau sowie seine Einführungen zu Vorführungen von Wajdas Filmen in Deutschland.

In Schlöndorffs Filmografie ragen drei Filme in Bezug auf Polen besonders heraus. Mit seiner u. a. mit einem Academy Award und einer Goldenen Palme in Cannes ausgezeichneten Günter-Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ (1979) erweckte Schlöndorff das Danzig der Zwanziger- bis Vierzigerjahre zum Leben, u. a. mit Daniel Olbrychski in einer Hauptrolle. Vermutlich ist es kein Zufall, dass in seiner Interpretation des Nobelpreis-gekrönten Romans die Trommel, auf der Oskar Matzerath gegen die Absurdität der Welt lärmt, die polnischen Nationalfarben weiß und rot trägt. Gedreht wurde in Deutschland, Frankreich und Jugoslawien, aber natürlich auch an zahlreichen originalen Schauplätzen in Gdańsk und Umgebung.

Siebzehn Jahre später führte ein anderer literarischer Stoff – der Roman „Der Erlkönig“ von Michel Tournier – Schlöndorff nach Nordpolen zurück. Die deutsch-französisch-britische Verfilmung „Der Unhold“ (1996) über einen jungen Mann mit kindlichem Gemüt im gnadenlos effektiven Erziehungssystem des deutschen Nationalsozialismus wurde zu großen Teilen in Malbork auf der Marienburg gedreht, einem riesigen gotischen Backstein-Schlosskomplex des Deutschen Ordens 50 km südlich von Gdańsk. An den Dreharbeiten mit John Malkovich in der Hauptrolle, die auch im kaschubischen Dorf Szymbark stattfanden, waren unzählige polnische Statist*innen beteiligt. Auch im Drehstab findet man zahlreiche polnische Namen – beispielsweise bei der Beleuchtung, Ausstattung, Dekoration, Maske, Kostümen und den Spezialeffekten.

2006 schließlich setzte Schlöndorff mit „Strajk. Die Heldin von Danzig“ der Solidarność-Bewegung ein filmisches Denkmal – sieben Jahre, bevor Andrzej Wajda dies mit seinem Film „Wałęsa. Mann aus Hoffnung“ tat. In seinem deutsch-polnisch besetzten Drama (u. a. mit Andrzej Chyra, Andrzej Grabowski und Wojciech Pszoniak) schilderte er chiffriert die Vorgeschichte, die Anfänge und den Verlauf des Streiks 1980 auf der Lenin-Werft anhand einer seiner zentralen Figuren, der Kranführerin Anna Walentynowicz. Die deutsch-polnische Koproduktion mit der polnischen Schreibweise „strajk“ im Titel verwendete dokumentarisches Material aus polnischen Archiven und entstand an Original-Schauplätzen.

Volker Schlöndorff hat mit Worten und Filmen einem breiten internationalen Publikum gezeigt, wie sehr die deutsche und die polnische Geschichte – im Speziellen im 20. Jahrhundert – miteinander verzahnt sind. Dabei berücksichtigt er sowohl die tragischen als auch die positiven Aspekte der gemeinsamen Vergangenheit und bringt auf empathische Art und Weise dem deutschen Publikum polnische Themen und Perspektiven nahe.

Im Wajda-Jahr und dem 35. Jubiläumsjahr des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen ehren wir mit Volker Schlöndorff einen Zeitgenossen, Bewunderer und Freund Wajdas, der sich so wie der polnische Jubilar als Klassiker des europäischen Kinos für Freiheit und offenen Dialog eingesetzt hat – und dies bis heute tut. [Rainer Mende]

09.09. / 19:30 / Filmtheater Colosseum / Festival-Eröffnung mit Preisverleihung und Film „Chopin. Eine Sonate in Paris“ / zu Gast: Volker Schlöndorff & Michał Kwieciński

 


 

Strajk. Die Heldin von Danzig


PL/D 2006
104 min, OmeU
R: Volker Schlöndorff
B: Andreas Pflüger, Sylke Rene Meyer, Maciej Karpiński
K: Andreas Höfer
S: Peter Przygodda, Wanda Zeman
M: Jean Michel Jarre
D: Katharina Thalbach, Andrzej Chyra, Dominique Horwitz, Andrzej Grabowski, Dariusz Kowalski, Ewa Telega, Wojciech Pszoniak, Wojciech Solarz, Krzysztof Kiersznowski, Jowita Budnik u. a.

 

 

Die alleinerziehende Analphabetin Agnieszka Kowalska lernt neben der Arbeit als Schweißerin Lesen und Schreiben, so dass sie schließlich die nötige Prüfung bestehen und Kranführerin der Danziger Lenin-Werft werden kann. Die herzliche Frau engagiert sich für ihre Kolleg*innen und legt sich dafür notfalls selbst mit der Werftleitung an – so auch 1970, als es zu Protesten kommt, die gewaltsam niedergeschlagen werden.

Als zehn Jahre später auf der Werft erneut gestreikt wird, schließt sich Agnieszka einer oppositionellen Gruppe um den Elektriker Lech Wałęsa an. Ihr Protest wird landesweit Millionen Menschen mobilisieren und der Anfang vom Ende des Sozialismus bzw. Kommunismus im östlichen Europa sein. Doch Agnieszka stellt sich trotz ihrer enormen Popularität und Energie nicht an die Spitze der Bewegung, sondern überlässt diese Rolle den Männern.

Schlöndorff schuf mit seiner fiktiven Filmbiografie keine historisch exakte Rekonstruktion der Ereignisse, sondern formte mit viel Empathie eine Hauptfigur mit Ecken und Kanten, die an das historische Vorbild der Kranführerin Anna Walentynowicz angelehnt ist. Damit stieß er bei polnischen Zeitzeug*innen auf Widerstand, erhielt jedoch auch Rückendeckung u. a. von Andrzej Wajda. [Rainer Mende]

13.09. / 17:00 / City-Kino Wedding / zu Gast: Volker Schlöndorff

 

Foto „Strajk“ © Norbert Kuhröber & Maciej Lisiecki