Stanisław Vincenz: Auf der Suche nach dem Taubenbuch des Baal Schem Tow 🗺
Leipzig liest polnische Literatur zur Leipziger Buchmesse 2026
Geschichten aus den Karpathen von Huzulen, Chassidim und Rachmanen, übersetzt von Herbert Ulrich, Bernhard Hartmann, Myrrha Holzapfel, Karl Dedecius und Alfred Loepfe
Nebelschwaden ziehen über die Hochweiden der Karpaten, Geschichten wandern von Dorf zu Dorf und zwischen jüdischen Gelehrten, chassidischen Wunderrabbinern und dem sagenumwobenen Volk der Huzulen entfaltet sich eine Welt voller Mythen, Rituale und Erinnerungen. Stanisław Vincenz führt seine Leserinnen und Leser in eine Landschaft, in der Religion, Natur und Erzähltradition untrennbar miteinander verwoben sind.
Während sich das literarische Interesse lange vor allem auf das sagenumwobene Transsylvanien konzentrierte, rückte im 20. Jahrhundert zunehmend eine andere Region in den Blick: die Karpatenukraine – das Grenzgebiet zwischen Galizien und der Bukowina. Hier lebten über Jahrhunderte Juden, Huzulen und andere Bevölkerungsgruppen in enger Nachbarschaft. Von dieser kulturellen Vielfalt erzählen Vincenz’ Geschichten über Figuren wie Jekely, den Einfältigen, den Judenstein, die Rachmanen oder den Baal Schem Tow.
Mit großer erzählerischer Kraft bewahrt Vincenz die Erinnerung an eine untergegangene Kulturlandschaft Osteuropas. Seine Geschichten erzählen von Begegnungen zwischen jüdischer Mystik, osteuropäischem Volksglauben und mündlichen Erzähltraditionen – und öffnen ein literarisches Fenster in eine Welt, die durch Krieg, Vertreibung und Holocaust zerstört wurde, in der Literatur jedoch weiterlebt. Wer Vincenz liest, entdeckt nicht nur faszinierende Legenden und Figuren, sondern auch eine eindringliche Erinnerung daran, wie eng die Kulturen des osteuropäischen Vielvölkerraums miteinander verflochten waren.
Der polnische Schriftsteller Stanisław Vincenz (1888–1971) zählt zu den bedeutenden literarischen Stimmen Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert. Er wurde im habsburgischen Galizien geboren – einer Region, die über Jahrhunderte ein bedeutender Lebensraum jüdischer Kultur war und in der polnische, ukrainische und weitere Traditionen aufeinandertrafen und von habsburgischen, armenischen und südosteuropäischen Einflüssen geprägt waren. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie gehörte Galizien ab 1918 größtenteils zur neu gegründeten Republik Polen. In seinen Werken bewahrt Vincenz die untergegangene Welt der Karpatenregion. Nach dem deutschen und sowjetischen Überfall auf Polen 1939 lebte er im Exil. Fragen nach Heimatverlust, Erinnerung und europäischer Verantwortung rückten ins Zentrum seines Schreibens. Vincenz verbindet epische Erzählkunst mit ethnografischer Beobachtung sowie philosophischer Reflexion und gilt als wichtiger Chronist eines vielschichtigen Europas, dessen kulturelles Erbe durch Krieg, Nationalismus und Holocaust zerstört wurde. Seine Texte besitzen bis heute große Aktualität. Für seinen Einsatz zur Rettung verfolgter Juden in Ungarn wurde Vincenz als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.
Veranstalter: Jüdische Lebenswelten / Ariowitsch-Haus Leipzig, Arco Verlag und Polnisches Institut Berlin – Filiale Leipzig
Info: arco-verlag.com/buecher/titel/auf-der-suche-nach-dem-taubenbuch-des-baal-schem-tow.html
Eintritt: frei
Ort: Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstr. 14, 04105 Leipzig
Cover © Arco Verlag